Wie oft war Bernd Albers schon an diesem Ort. „Genau an dieser Stelle war der Eingang zum Bahnhof“, sagt der Bürgermeister und deutet auf die Stele gegenüber der Hauptpforte des Südwestfriedhofs. Er ließ sie zum Jubiläum im Juni vergangenen Jahres aufstellen. Sie trägt die Inschrift „100 Jahre S-Bahn Stahnsdorf“ und ist aus Beton. Wie die Mauer, die nach nur 48 Betriebsjahren das Ende der Friedhofsbahn von Wannsee über Dreilinden bis nach Stahnsdorf bedeutete. In der Nacht zum 13. August 1961 fuhr sie das letzte Mal.

Bürgermeister Bernd Albers geht ein paar Schritte weiter, in den Wald hinein. Dort liegt noch das Fundament des alten Bahnkartenhäuschens. Auf dem Bahnsteig, von dem heute nichts mehr zu sehen ist. Lupinen umwuchern die alten Gleise daneben. Seit er 2008 für die Freie Wählergruppe „Bürger für Bürger“ das Amt als Rathauschef angetreten hat, kämpft Albers dafür, dass Stahnsdorf wieder an das Berliner S-Bahn-Netz angeschlossen wird. Er sagt: „Diese schmerzliche Folge der deutschen Teilung muss endlich geheilt werden. Das ist eine moralische Verpflichtung.“

Der Traum vom Ringschluss

Der Kampf war bislang aber vergebens. Die Gemeinde Stahnsdorf, aber auch die Nachbarkommunen Kleinmachnow und Teltow, wollen jetzt – nur wenige Monate vor der Landtagswahl im September – den Druck auf die brandenburgische rot-rote Landesregierung erhöhen. „Unser Ziel ist in einem ersten Schritt die Verlängerung der S-Bahn von Teltow ins Gewerbegebiet Stahnsdorf“, sagt Bürgermeister Albers. „Würde die frühere Friedhofsbahntrasse wieder in Betrieb genommen, wäre langfristig sogar der komplette Ringschluss technisch möglich.“ Denn die Strecke vom Südwestfriedhof ist nur stillgelegt, nicht aber entwidmet.

Die drei Kommunen, die eine Arbeitsgemeinschaft bilden, setzen sich für eine neue Machbarkeitsstudie über die Verlängerung der S-Bahn von Teltow über Stahnsdorf und Kleinmachnow ein. Der Beschluss ist gefasst, der Auftrag wird demnächst ausgeschrieben. „Wir brauchen neue belastbare Daten. Die besorgen wir uns nun selbst“, sagt Albers. Denn eine Wirtschaftlichkeitsanalyse, auf die sich das Infrastrukturministerium in Potsdam gern beruft, ist veraltet. Sie stammt aus dem Jahr 1997. Die südwestlich an Berlin angrenzende Region ist deutlich stärker gewachsen als einst vorhergesagt. Seit 1990 hat sich allein die Einwohnerzahl von Stahnsdorf – ohne die neuen, eingemeindeten Ortsteile – verdoppelt, auf 11.600 Bewohner. Laut Prognosen werden bald 60.000 Einwohner in dem Gebiet leben.

Derzeit pendeln rund 13.605 Menschen täglich zwischen Stahnsdorf, Teltow, Kleinmachnow und Berlin hin und her. Die meisten von Brandenburg in die Hauptstadt, umgekehrt sind es den Erhebungen zufolge nur rund 4700 Menschen.

Dass es zum kompletten Ringschluss kommen wird, ist höchst unwahrscheinlich. Denn vom möglichen S-Bahn-Anschluss im Stahnsdorfer Gewerbegebiet zur Haltestelle am Südwestfriedhof müsste die Trasse direkt durch das Zentrum der Gemeinde führen, mitten durchs Wohngebiet. Warum die drei Kommunen dann auch diese Variante untersuchen lassen wollen, darauf ist keine plausible Antwort zu bekommen. „Wir wollen eben alle Möglichkeiten ausloten“, sagt Albers. Immer wieder hat er sich an das Land gewendet und an den Bund. Von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) sieht er sich unterstützt. „Die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium, Katherina Reiche (CDU), hat in dessen Namen in einem Schreiben vom 4. April dieses Jahres bekräftigt, sie würde sich freuen, wenn das Land Brandenburg eine Verlängerung der S-Bahn nach Stahnsdorf voranbringen würde.“

Die Landesregierung ist allerdings derzeit nicht bereit, einen entsprechenden Antrag bei der Bahn zu stellen. Infrastrukturminister Jörg Vogelsänger (SPD) erteilt dem Plan eine klare Absage. „So wünschenswert ein S-Bahn-Anschluss aus Sicht der Region auch ist, er ist derzeit nicht finanzierbar“. Dabei gehe es nicht nur um die Baukosten, sondern auch um die Kosten für den laufenden Betrieb. „Die S-Bahn hat ohnehin schon jetzt Probleme mit dem Fuhrpark. Da wäre es nicht hilfreich, das Streckenangebot noch zu erweitern und weitere Fahrzeuge einzusetzen“, gibt Vogelsänger zu bedenken. Brandenburg brauche die vom Bund bereitgestellten Regionalisierungsmittel für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), um die steigenden Infrastrukturkosten in den anderen Landesteilen zu finanzieren. „Wir können keine Landesteile abhängen, sondern müssen dafür sorgen, dass alle mit Berlin und Potsdam verbunden sind.“

Busse auf verstopften Straßen

Das Land will die Prioritäten also woanders setzen. Zudem fürchtet die Regierung Begehrlichkeiten der anderen einst mit S-Bahn-Anschluss ausgestatteten Speckgürtelgemeinden. Wie Falkensee, Rangsdorf und Velten. Der Stahnsdorfer CDU-Vorsitzende und Landtagskandidat Daniel Mühlner wirft der Landesregierung vor, „mit fadenscheinigen Argumenten das dringend notwendige Vorhaben zu verweigern“. Aus seiner Sicht beweist die deutliche Steigerung der Fahrgastzahlen bei der S-Bahn seit Einführung des Zehn-Minuten-Takts den zunehmenden Bedarf. Allerdings stoße diese Entwicklung an die Grenze, da die Zubringerbusse zur Teltower S-Bahn auf den verstopften Straßen bald nicht mehr rechtzeitig vorankommen. „Viele fahren mit dem Auto zur S-Bahn nach Teltow oder Berlin-Zehlendorf, Wannsee und Lichtenrade“, sagt Mühlner. „Dort fehlen aber genügend Parkplätze.“

Vehement erteilt Mühlner dem Ringschluss eine Absage: „Mit der CDU gibt es keinen Ringschluss. Wir wollen eine Anbindung von Stahnsdorf an die S- Bahn, aber nicht die Zerschneidung unserer Gemeinde“. Dies sei jedoch keine Absage an eine denkbare Anbindung des Europarks „Dreilinden“ an die Berliner S-Bahn-Stationen.

Auch die Landes-CDU engagiert sich. CDU-Fraktions- und Landeschef Michael Schierack fordert: „Bei der Verlängerung der S-Bahn von Teltow nach Stahnsdorf handelt es sich um ein wichtiges Infrastrukturprojekt auch aus Sicht des Landes. Die Landesregierung muss das offensiver angehen.“ Bürgermeister Albers freut sich über jede Unterstützung – egal, von welcher Partei sie kommt.