Unter Glas war es in diesem Sommer richtig heiß - und das war gut. In den Gewächshäusern von Benedicta von Branca lagen die Temperaturen um die 60 Grad. Bei solchen Werten und absoluter Windstille gedeihen auf knapp zwei Hektar in Bornow bei Beeskow allein 196 Tomatensorten – so groß wie Honigmelonen und klein wie Johannisbeeren - sowie Dutzende andere Gemüsesorten wie Salat, Kartoffeln, Bohnen, Möhren, essbare Blumen sowie Chili- und Paprikasorten.

„Tomaten lieben Wärme auch in den Nächten - Sie mögen aber keine Nässe von oben und keine Staunässe“, erklärt die 49-jährige Hausherrin. Das eine oder andere Exemplar nimmt von Branca liebevoll in die Hände und beschreibt dessen Besonderheiten. So etwa die Ananas-Tomate, eine riesige Frucht, zwei Hände voll in Gelb-Rot gestreift. Oder die schwarze Zebra – rot mit zarten Längsstreifen in grün. Wie gelackt wirkt die Cherry-Version der China-Tomate, dattelähnlich die traubenförmige „Dattinchi“. Zu jeder vorgestellten Sorte hat von Branca Geschmack, Herkunftsland und Zubereitungsempfehlungen parat. Der schlanken Wahl-Brandenburgerin mit der markanten schwarz-geränderten Brille scheint die tropische Hitze nichts auszumachen. „Klar bin ich dran gewöhnt“, bestätigt sie schmunzelnd. Denn nahezu jeden Tag verbringt die Anhängerin des ökologischen Landbaus mit ihren floralen Schützlingen auf dem Demeter-Hof. Das geht los mit der Pflege, dem Hochbinden der 3000 Pflanzen, dem Hacken und Unkrautzupfen. Das Gießen gehört natürlich auch zu den täglichen Aufgaben. Allerdings sollten die Blätter nicht gewässert werden, denn dort gedeihen sonst Pilze gut, wie vor allem die berüchtigte Braunfäule. „Der Pilz sitzt auch im Boden, und der bleibt. Also dort darf man nichts mehr hinpflanzen. Lieber in einen großen Blumentopf und dann an die Hauswand an der Südseite“, rät die Fachfrau, nach deren Angaben der zweite schlimme Tomaten-Feind die Wühlmaus ist. Mittwochs fährt die Tomatenfrau, wie sich von Branca auch selbst nennt, um 5 Uhr nach Berlin, zum Karl-August-Platz in Charlottenburg-Wilmersdorf, um dort bis 13 Uhr ihre bunte Mischung zu verkaufen. Donnerstags verkauft sie auf den Wittenberg-Platz, am Sonnabend noch mal auf den Karl-August-Platz.

Die zeitigen Sorten sind im Juni reif, die späten tragen Früchte bis zum Frost. Einziger Ruhemonat ist der Dezember. „Eine Pause gibt es im Sommer nicht“, gibt von Branca zu. Die Zeit für andere Beschäftigungen fehlt ihr aber auch nicht, bekennt die leidenschaftliche Gärtnerin. Tomaten, sagt die seit ihrem 16. Lebensjahr überzeugte Vegetarierin, habe sie schon immer gern gegessen. Dass sie mit den empfindsamen Nachtschattengewächsen aber einmal ihren Lebensunterhalt verdienen würde, hätte die gebürtige Münchnerin wohl auch nicht gedacht. Denn zunächst studierte von Branca Malerei in Wien, arbeitete danach auch als Malerin, erst in Bayern, später, nach dem Mauerfall, bei Freunden in Wildau. „Da habe ich gemalt und nebenbei bei Ikea gearbeitet“, erinnert sie sich. Dann ergab es sich, dass sie an der Musik-und Kunstschule von Beeskow Aquarell-Unterricht geben konnte. „In meiner Freizeit bin ich viel herumspaziert, auch in der Gegend von Bornow“, erzählt die Mutter zweier Söhne. Die Weite Brandenburgs und die Ruhe hatten es ihr angetan, sodass sie irgendwann wusste: „Ich will hier dauerhaft her.“ Mit der Familie suchte sie gezielt ein Häuschen mit etwas Land dran und fand Mitte der 90er-Jahre das recht verwahrloste Grundstück „mit dem Rücken zum Wald“. Auf dem zehn Hektar großen Grundstück mit dem ausgeprägten Sandboden begann von Branca zu gärtnern, zunächst nur für den Eigenverbrauch. Spargel und Erdbeeren als Erstes, später auch Tomaten. „Meine Mutter stammt aus der italienischen Schweiz, da schmecken Tomaten einfach ganz anders und vor allem nicht einheitlich“, erklärt sie. Aus dem Tessin holte die Self-Made-Gärtnerin sich dann auch die ersten Samen. Die Tomaten gediehen so prächtig, dass von Branca einen Teil davon auf regionalen Märkten feilbot. Mit ihrer bunten Mischung aber landete von Branca schließlich 1998 auf den Berliner Wochenmärkten, zunächst in Mariendorf, später in Charlottenburg. „Die Kunden stammen aus aller Herren Länder und sind aufgeschlossen.“ Positiver Nebeneffekt: Viele von ihnen kannten wieder andere Tomatensorten aus ihrer Heimat, besorgten von Branca die Samen.