Der 17. Juni 1953 hatte auf dem Land teils fast noch dramatischere Auswirkungen als in Berlin. In einer kurzen Serie stellen wir drei Schauplätze von Revolten und Streiks vor. Den Beginn macht Rathenow, die Arbeiterstadt, in der am 17. Juni ein Stasi-Spitzel erschlagen wurde.
Rathenow - Willi Hagedorn galt als stadtbekannter Stasispitzel. In seiner Stammkneipe soll er sich damit gebrüstet haben, mehr als 300 "Faschisten" und "imperialistische Agenten" entlarvt zu haben, ein Gerücht, das sich in Windeseile in der schon aufgewühlten Kleinstadt verbreitete. Das war Hagedorns Verhängnis.
Als sich am 17. Juni 1953 gegen Mittag die Demonstration gegen das SED-Regime in Rathenow bereits aufzulösen begann, wurde Hagedorn, der als Betriebsleiter des Wachschutzes im HO-Kaufhaus beschäftigt war und - wie er glaubte - zu seiner eigenen Sicherheit seinen Arbeitsplatz verlassen hatte, von einer jungen Frau erkannt. "Dieser Mann da ist Hagedorn, der hat meinen Mann ins Konzentrationslager gebracht, haltet ihn auf, diesen Verbrecher", rief sie in die zornige Menge, die Hagedorn erst umringte und dann angriff.
Immer wieder schlugen und traten die Demonstranten auf Hagedorn ein. Zwar gelang es dem Verwundeten, sich zunächst in eine Molkerei zu retten. Ein Krankenwagen wurde gerufen, der den bereits verletzten Mann abtransportieren sollte. Doch wieder wurde er von seinen Verfolgern entdeckt. Hagedorn wurde aus dem Wagen gezerrt und von der aufgebrachten Menge unter Schlägen zur nahe gelegenen Havel getrieben. Bereits schwer verletzt, wollte sich der junge Mann mit einem Sprung ins Wasser retten. Dort aber lauerten schon einige Jugendliche und schlugen immer wieder mit Rudern auf den Kopf des Schwerverletzten ein. Der erreichte zwar noch das gegenüberliegende Ufer, wo er von einer Polizeistreife geborgen und ins Krankenhaus gebracht wurde. Am Abend aber starb Hagedorn an den Folgen einer Gehirnblutung, die durch die Schläge verursacht worden war.
Die SED hatte ihren Märtyrer, dem ein Gedenkstein im Ehrenhain des städtischen Friedhofes gesetzt wurde.
Heute erinnert in Rathenow nichts mehr an die bewegte Zeit des 17. Juni 1953. Der Gedenkstein für Hagedorn wurde vor mehreren Jahren nach wochenlanger heftiger Diskussion in der Stadt entfernt. "Ein Fehler", wie der einstige Rathenower Landrat und heutige CDU-Landtagsabgeordnete Dieter Dombrowski findet. Besser wäre es seiner Meinung nach gewesen, den Stein mit einer historischen Einordnung zu erhalten. So ist der 17. Juni am 50. Jahrestag kein Thema in der Stadt. Und das, obwohl (oder vielleicht gerade weil) in Rathenow der Arbeiteraufstand wie kaum irgendwo sonst in eine brutale Gewalttat ausartete.
Während sich in anderen Städten Geschichtsvereine mit der Aufarbeitung des 17. Juni beschäftigen, Zeitzeugen ihre Erlebnisse vor, während und nach dem 17. Juni schildern, Dokumentationen und Ausstellungen gezeigt werden, liegt über Rathenow der Mantel des Schweigens. Das Gedenken ist durch den Mord an Hagedorn befleckt.
"Das hätte nicht vorkommen dürfen", sagt der 77-jährige Klempnermeister Horst Handel. "Es war Lynchjustiz." Er selbst war am Morgen des 17. Juni nicht in Rathenow, sondern hatte einen Auftrag im nahe gelegenen Dorf Stechow. "Dort hieß es: In Rathenow ist Revolution." Man holte Dreschflegel und Mistgabeln aus der Scheune und wollte, so bewaffnet, auch auf dem Dorf den Aufstand proben.
"Klar, die Stimmung war schon lange vorher explosiv", fügt sein Freund Karl Burges, 88, hinzu. Die Produktion in den Betrieben holperte wegen Lieferengpässen, in den damals neu geschaffenen HO-Läden gab es wenig und wenn doch, dann zu überhöhten Preisen. Burges, gelernter Schlosser und damals 38 Jahre alt, arbeitete im VEB Wasseraufbereitungsanlagen, einem Betrieb mit 200 Beschäftigten.
"Plötzlich hieß es im Betrieb, die Bauarbeiter der Stalinallee streiken in Berlin." Kurze Zeit später war die alte VEB-Betriebsleitung abgesetzt und eine neue Betriebsleitung gewählt. An der Kundgebung mit Forderungen nach freien Wahlen und Freilassung aller politischen Gefangenen und 50-prozentigen Preissenkungen in HO-Geschäften nahm die Belegschaft fast geschlossen teil. Insgesamt waren in Rathenow 8000 Menschen auf der Straße, darunter die 4000 Beschäftigten der Optischen Werke, des größten Betriebs in der Stadt.
Als Horst Handel mit seinem Fahrrad auf Schleichwegen um die Sperren von Volkspolizei und Russen herum von seiner Tour aus Stechow zurück in die Stadt kam, hörte er von Lautsprecherwagen herab die Verkündung des Ausnahmezustandes. "Da war der 17. Juni schon vorbei." In der Meldung der lokalen Dienststelle des MfS hieß es am 18. Juni um 13.55 Uhr lapidar: "Die Arbeiter der Optischen Werke arbeiten wieder."


