Der Laden in der Prenzlauer Allee 49 ist nicht typisch für Prenzlauer Berg. Dafür ist er zu nüchtern. Von außen chemische Reinigung, drinnen die Bude eines technikaffinen Junggesellen. Schwarze Ikea-Sofas, Vitrinen mit technischem Gerät und viele kleine Fläschchen auf einem Regal hinterm Tresen. Dampf hängt in der Luft und durch die Scheiben sieht man die Autos nicht ganz so klar, wie das schöne Wetter es eigentlich vermuten ließe. Trotzdem riecht es nicht nach abgestandenem Rauch, sondern nach Früchten und Gummibärchen. Eine Mittvierzigerin im prenzlauerbergtypischen blauen Parka steht vor dem Tresen und hantiert etwas verschämt an einer silbernen, schlichten E-Zigarette. Als würde sie eine Flöte spielen. Die Finger suchen den Taster, mit dem man das Gerät aktiviert.
„Wie viel haben Sie bislang täglich geraucht?” fragt der Mann hinterm Tresen. Sein Assistent bläst eine Dampfwolke in die Luft mit einem Rohr von etwas anderer Bauart: Spritze für den Veterinärbedarf und oder doch eher halbe Oboe?
„Bis zu einer Schachtel – leicht? Dann würde ich zum Einstieg 12 Milligramm Nikotin empfehlen. Wenn es zu stark ist, können Sie runter gehen auf sechs.” Nach langem Hin und Her und Ausprobieren entscheidet sich die Kundin für Kirsch- und Vanillearoma.
Nicht alle wollen die Keule
Ja, es sei schon verwirrend am Anfang, sagt Jörg Higert, der bei „Erste Sahne“ hinterm Ladentisch steht. So heißt das Geschäft für „E-Zigaretten, Liquids, Aromen und Zubehör“. Warum verwirrend? Zuerst die Auswahl der richtigen E-Zigarette, dann das Liquid. Mit Propylenglycol oder Glyzerin oder beidem, das erste für mehr Geschmack, das zweite für mehr Dampf. Unbedenklich? Auf jeden Fall besser als Rauchen! Deshalb sei sie ja dabei umzusteigen, sagt die Kundin. Und nein, so eine Keule wie der junge Mann da, der Assistent, habe sie nicht. Ihre Dampfzigarette steckt in einem zierlichen Lederetui und ähnelt eher einem blau-silbernen Kugelschreiber: „Ich bin keine Dampferin, die ihr Ding überall stolz herumzeigt. Ich möchte über die E-Zigarette ganz vom Nikotin wegkommen. Bis jetzt ist es leichter als gedacht“, sagt sie. Vor zwei Wochen hat sie ein Starterset gekauft, zwei E-Zigaretten mit Ladegerät. Warum zwei? Damit immer eine aufgeladen ist. Und seitdem keine normale Zigaretten geraucht. Darauf ist sie stolz. Stolz, nach vielen missglückten Versuchen endlich ein Teilziel erreicht zu haben.
Für eingefleischte Dampfer wäre so eine kleine E-Zigarette natürlich nichts. Sie haben es lieber größer, leistungsstärker, denn mehr Leistung heißt mehr Dampf, seltener aufladen und nachfüllen. Weil die Geräte so effektiv sind, reduzieren viele im Laufe der Zeit die Nikotinkonzentration, manche dampfen auch ein Nuller-Liquid ohne Nikotin und einige verabschieden sich ganz offiziell aus den Dampferforen im Internet, weil sie ganz ausgestiegen sind. Statistische Zahlen darüber gibt es nicht. Auch weil es ein heikles Thema ist. Als Methode der Rauchentwöhnung fiele die E-Zigarette unter die Arzneimittel, genau so wie Nikotinpflaster und Kaugummis. Und das gefällt gleich zwei Gruppen nicht: Den Dampfern, weil das zu einer Überreglementierung, Abgabe in Apotheken und höheren Preisen führen würde. Und den Dampfgegnern, weil die nicht daran glauben, dass die E-Zigarette zur Tabakentwöhnung taugt. Mehr noch, sie soll Jugendliche zum richtigen Rauchen verführen, und all die schönen Erfolge der Nichtraucherkampagnen wären dahin. Außerdem ist noch nicht geklärt, wie unbedenklich der Dampfgenuss ist. Dazu wären Langzeitstudien nötig. Da die E-Zigarette erst seit 2006 auf dem europäischen Markt ist, gibt es noch nicht überall Langzeitstudien, auch in Deutschland nicht.
Der Staat und allen voran die Drogenschutzbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler sind stolz auf die Erfolge, die Raucherzahlen bei Jugendlichen sind rückläufig wie noch nie. Die Maßnahmen der letzten Jahre haben gefruchtet. Aber nun droht das Dilemma wieder von vorne anzufangen, weil die bunten E-Zigaretten schick und die fruchtigen Aromen und exotischen Kombinationen der Liquids genau nach dem Geschmack von Jugendlichen seien, heißt es. Man müsse den Verkauf reglementieren, die Liquidstärke drosseln, Geräte normieren, bestimmte Aromen ganz verbieten – und natürlich eine Steuer auf Nikotin einführen.
Seit die WHO und mit ihr die Deutsche Krebsgesellschaft Bedenken angemeldet haben, haben sich die einst positiven Schlagzeilen gewendet. Von „Addiction without the consequences" – einer Sucht ohne Konsequenzen – wie Kevin Spacey als Frank Underwood in der zweiten Staffel von House of Cards die E-Zigarette seiner Frau schmackhaft machen will, ist nicht mehr die Rede. „Forscher warnen vor Chemiecocktail“, „Cooles Design verführt Jugendliche zum Rauchen“, „E-Zigarette garantiert kein gutes Weihnachtsgeschenk" titeln nun deutsche Medien.
Andere aber sehen in der E-Zigarette weiterhin das pure Glück. In den USA werben die Hersteller in teuren Hochglanzmagazinen wie „Vogue“ und „Harper’s Bazaar“ mit doppelseitigen Anzeigen. Schöne Frauen in schönen Kleidern mit schönen, eleganten E-Zigaretten in der Hand. Bei uns in Deutschland heißen die Werbestars der Branche dagegen Mario Basler und Klaus Augenthaler. Die beiden Ex-Fußballprofis, die beide als starke Raucher bekannt wurden und auch in ihrer aktiven Zeit – vor und nach großen Spielen – Kette geraucht haben, sind nun alles andere als It-Girls. Trotzdem passen sie. Denn in Deutschland geht es bei der E-Zigarette bislang weniger um Eleganz. Es geht ums Dampfen.
Ein bisschen „steampunk“ sei sie, seine neue Dampfe, schreibt der legendäre Berliner Techno-DJ Tanith in seinem Blog, seit ein paar Jahren ist er überzeugter Dampfer. Man muss die Bewegung, die hinter dem Begriff steht, nicht unbedingt kennen, um zu verstehen, was er meint. Der Begriff „elektronische Zigaretten“ trifft es nicht wirklich, es sind Dampfgeräte, die an die Ära der Entwicklung der Dampfmaschine erinnern: Kolben, Bolzen, Tuben, Glas und Stahl, teilweise ziseliert gearbeitet.
Berlin im tiefen Westen. Eine Eckkneipe in der Königin-Elisabeth-Straße, parallel zur Stadtautobahn. Dielen, Täfelung und stabile Holzstühle, eine typische Kiezkneipe, im Schankraum wird an den Stehtischen geraucht. Nur das Hinterzimmer ist heute rauchfrei, es dampft. Die Doppeltür steht weit auf, dahinter sieht man fröhliche Menschen beim Dampferstammtisch. Voller Stolz lenken Teilnehmer die Blicke der Neueintretenden auf die Apparaturen, die aneinandergereiht vor ihnen auf dem Tisch liegen oder stehen.
Neben den schwarzen und silbernen Tuben gibt es die rechteckige Variante, gerne in knalligen Farben, eher Pop als Steampunk, der Akku wächst nicht in die Länge, sondern in die Breite. Teilweise ist er so kompakt, dass er ganz in der Hand verschwindet. E-Zigaretten, die der Tabakzigarette nachempfunden sind, hat hier niemand.
„Einsteiger suchen vielleicht etwas, das wie eine Zigarette aussieht und auch danach schmeckt“, meint Karsten aus Schöneberg. Er hat 20 Jahre lang geraucht und ist nach einem Arztbesuch vor einem halben Jahr auf die E-Zigarette umgestiegen. Vor ihm steht eine Bastlerkiste mit Drähten, Watte, Zangen, Tanks, Akkuträgern, Dichtungsringen und ein Berg mit Liquidfläschchen. „Man merkt schnell, dass Früchte oder Vanille viel besser sind als Tabakgeschmack. Ich mag vor allem die Abwechslung. Ich war so so froh, dass der Umstieg gelang, dass ich gar nicht mehr an die Zigarette erinnert werden wollte. Da tut sich eine neue Welt auf.“
Vom Raucher zum Selbstwickler
Wie zum Beweis schraubt er seine E-Zigarette auf, und ihr Innenleben, eine Drahtspirale, wird sichtbar. Er ist Selbstwickler, er wickelt also den Widerstandsdraht, der das Liquid erhitzt, selbst. Natürlich gibt es Fertigverdampfer, aber der Geschmack eines Selbstwicklers sei einfach besser und er könne selbst bestimmen, wie hoch der Widerstand ist.
Auf der anderen Seite des Tisches legt Frank, gelernter Bierbrauer aus dem Wedding, den Kopf in den Nacken und zieht mit abgespreiztem Ellenbogen an seinem Dampfgerät. Eine gigantische Dampfwolke, hinter der er fast verschwindet, türmt sich auf. „Das kriegst du nur mit Selberwickeln hin, außerdem ist es billiger und man ist unabhängiger von den Herstellern“, sagt Karsten – und nickt Frank anerkennend zu, der langsam wieder aus seiner Wolke auftaucht.
Für beide ist Dampfen zu einem Hobby geworden. Zum Dampferstammtisch kommen sie, um neue Geräte kennen zu lernen oder um sich gegenseitig beim Wickeln zu helfen. Und natürlich, weil alle Dampfer eine große Familie sind. Das Glück, endlich nicht mehr zu rauchen, verbindet.
Der Übergang von der Zigarette zur E-Zigarette sei ein sanfter, meint Thorsten, ein leicht nervöser junger Mann aus Prenzlauer Berg, der schon zwei mal unter Qualen den kalten Entzug vom Rauchen geschafft hat, aber immer rückfällig wurde. Mit der E-Zigarette scheint es besser zu klappen, auch wenn er ab und zu noch eine normale Zigarette rauche. Das Dampfen sei insgesamt sanfter, mehr Tee als Kaffee. Schonender Dampfgarer eben, nicht funkensprühender Grill. Er sei noch dabei, die richtige Abstimmung zu finden, hat vor sich diverse Neoprenetuis und Schachteln, aus denen er sich mehrere „Dampfen“ zusammenbaut. Frank hilft ihm mit Dichtungsgummis aus. Dann wickeln sie synchron Draht zu Spiralen und fachsimpeln über Ohm und Watt. Frank hat Elektrotechnik studiert und kennt sich deshalb besonders gut aus.
Ein bisschen Angst haben sie schon vor der drohenden Regulierung, denn was genau auf sie zukomme, wissen sie noch nicht. Für ein Verkaufsverbot unter 18 sind sie alle, denn auch ihnen ist bewusst, dass die menschliche Lunge nicht auf Dampfen ausgelegt ist. Aber wenn man jahrzehntelang Zigaretten geraucht hat, ist das Dampfen eine Erlösung. Alle sprechen von verbesserten Lungenfunktionen und besserer Kondition, Geruchs- und Geschmacksinn kehren zurück. Kein Husten mehr am Morgen und das Wickeln und Basteln hilft zusätzlich, sich von der alten Sucht abzulenken.
Aber was, wenn die E-Zigarette, wie etwa in Singapur, ganz verboten würde? Karsten lacht. „Draht können sie nicht verbieten, Watte für den Docht auch nicht.“ Wie Thorsten hat er in letzter Zeit etwas mehr Geld für sein Equipment ausgegeben, für alle Fälle. Und auch schon Nikotinbasen in größeren Flaschen auf Vorrat gebunkert. Italien hat die Nikotinbesteuerung schon eingeführt, Deutschland könnte folgen. Und kommt bei uns die Steuer, ginge der Plan, mit dem Dampfen auch noch Geld zu sparen, wohl nicht mehr auf.

