Immer wieder klatschen sie ihn auf die Bühne zurück. Bryan Adams wirkt sehr authentisch, wenn er sich für all diesen Jubel in perfektem Französisch sichtlich bewegt bedankt. Dann spielt er für sie „Sommer of 69“, einen seiner Hits, die in diesen schlichten, akustischen Versionen so viel dynamischer klingen als die manchmal überproduzierten Rocksongs seiner Platten. „Bare Bones“ nennt er diese Akustik-Konzerte, die er immer wieder mal in seinen Tournee-Kalender einbaut. Im Winter kommt Adams wieder mit seiner Band nach Deutschland. Man bringt das nicht so richtig zusammen: diesen mitreißenden Straßenmusiker, der er ist, und den Zampano für Massenbeschwörungen in den Fußballstadien, der er auch ist. „In vielem, was ich mache“, sagt er, als wir ihn in seiner Garderobe treffen, „bin ich vor allem Pragmatiker.“
Berliner Illustrirte Zeitung:
Dieser langhaarige junge Bursche auf dem Cover Ihrer neuen CD erinnert auf den ersten Blick an Malcolm Young von AC/DC...
Bryan Adams:
(lacht) Nein, nein, das bin ich.
Was ist mit all den Haaren passiert?
Die Haare habe ich zum Glück ja immer noch. Sie sind nur nicht mehr so lang. Ich habe mir meine Mähne mit 17 stutzen lassen. Auf dem Bild muss ich 15 oder 16 sein.
Haben Sie es je bedauert?
Nein. Ich könnte sie mir ja wieder wachsen lassen. Aber so kurz, wie ich sie jetzt schon seit Langem trage, ist es einfach viel pflegeleichter. Ich bin da sehr pragmatisch.
Haben Sie damals Boney M. gehört?
Nicht wirklich, nein. Ich weiß natürlich, wer das ist. Ich habe die aber nie groß beachtet. Warum fragen Sie?
Sie covern auf der neuen CD den Song „Sunny“ von Bobby Hebb. Das Lied ist mehr als 100-mal nachgespielt worden, von Frank Sinatra, Stevie Wonder oder Marvin Gaye. Die erfolgreichste Version war die von Boney M.
Ich habe mir nur das Original angehört. Die anderen kannte ich nicht. Vielleicht auch besser so.
Das sollen wir glauben?
Ja. Wie ist die Version von Boney M.?
Ziemlich verhunzt – eine Euro-Disco-Variante – aber man kriegt sie auch Jahrzehnte später nicht mehr aus dem Kopf.
Verstehe (lacht), das hat Sie offenbar sehr mitgenommen. Gut, dass ich mich nur an Bobby Hebb gehalten habe.
Gehören Songs wie „Sunny“ zum Sound Ihrer Jugend?
Ja und nein. Sehen Sie, diese Idee, eine CD nur mit Coverversionen zu machen, wurde von Verve Records in den USA an mich herangetragen. Ich sollte mir vor allem Billboard-Hits aussuchen, Songs, die zu meiner Teenager-Zeit im Radio gespielt wurden, als ich noch so rumlief, wie es auf dem Coverfoto zu sehen ist. Ich habe jetzt nicht in erster Linie Songs ausgewählt, die ich damals ununterbrochen gehört habe – dann wären nur Led Zeppelin, Alice Cooper oder Deep Purple oder The Who auf dem Album. Ich wählte eher Lieder aus, die mich auf eine subtilere Weise durch mein Leben begleitet haben.
Lieder von den Beatles, Bob Dylan oder Kris Kristofferson. Sie vereinen all das durch Ihre raue Stimme. Geht das so leicht, wie es sich anhört?
Ich wollte nicht nur Kopien dieser Lieder bieten, ich wollte sie mir aneignen, es sollten meine Songs werden. Das ist verdammt schwer, weil viele der Originale so populär sind, oder weil sie sich durch andere Coverversionen ins Gedächtnis gebrannt haben. Das sehe ich jetzt ja an Ihnen, Sie zucken bei „Sunny“ offenbar immer noch zusammen, weil Sie erst mal an Boney M. denken. (lacht)
Ja, leider.
Also: Ich habe mir sehr viel Mühe gegeben, gegen solche Eindrücke anzuspielen.
Mr Adams, wenn Sie nicht singen oder Gitarre spielen, arbeiten Sie als Herausgeber und Fotograf. Berlin scheint für Sie bei all Ihren Aktivitäten ein wichtiges kreatives Zentrum zu sein. Sie haben hier Ihr Kunst-Magazin „Zoo“ gegründet. Vor Kurzem haben Sie ein Gelände in Berlin-Oberschöneweide gekauft, um dort ein Kulturzentrum zu errichten. Was genau haben Sie da eigentlich vor?
Als ich dieses Gelände in Oberschöneweide entdeckte, mochte ich es sofort. Ehrlich gesagt, weiß ich im Moment noch nicht genau, was ich damit anstellen werde. Das ist noch in der Schwebe. Ich arbeite noch daran. Ich weiß schon jetzt: Es wird mir Spaß machen, in Berlin etwas auf die Beine zu stellen. Ich bin gern in Deutschland, vor allem in Berlin, wo ich viele Freunde habe.
Haben Sie als Herausgeber und gelegentlicher Mitarbeiter Ihres Kunst-Magazins „Zoo“ etwas über den Journalismus gelernt, das Sie vorher noch nicht wussten?
Ich habe gelernt, dass es unglaublich schwer ist, ein derartiges Magazin an den Start zu bringen und dann am Leben zu halten. Vor allem in schwierigen Zeiten wie diesen, in denen gedruckte Zeitungen und Magazine nicht mehr so gefragt sind. Aber das brauche ich Ihnen ja nicht zu erzählen. Wir haben zu kämpfen. Wir hoffen jeden Monat, dass wir den nächsten noch durchhalten. Aber: Wir haben schon lange überlebt. Wir werden in diesem Jahr das zehnjährige Bestehen von „Zoo“ feiern. Wir blicken weiter nach vorn.
Sie haben sich in den letzten Jahren auch als Fotograf einen Namen gemacht, haben so unterschiedliche Prominente wie Queen Elizabeth, Mick Jagger oder die deutsche Fußball-Nationalmannschaft abgelichtet. Hat sich Ihre Einstellung zum Fotografiertwerden geändert, seit Sie die Perspektive auf der anderen Seite der Kamera kennen?
Nein. Wenn ich mich heute als Musiker fotografieren lasse, weiß ich, was ich brauche. Das ist keine große Sache. Auch da bin ich pragmatisch. Ich verwende nicht sehr viel Zeit darauf, mich zu stylen. Wenn ich selbst fotografiert werde, geht das immer ziemlich fix.
Seit es Smartphones gibt, ist ja quasi jeder Fotograf und Selfie-Ikone zugleich. Hat diese digitale Dauer-Fotografiererei Ihre Arbeit als Fotograf beeinflusst?
Nein. Mit meiner Kamera fotografiere ich weiter so, wie ich es immer gemacht habe. Ich finde es aber gut, dass so viele ihre Smartphones benutzen, um Fotos zu machen – wenn wir unsere Umwelt auf diese Weise visualisieren. Das bringt die Welt näher zusammen. Ein Beispiel: Nehmen wir den Krieg in Syrien. Der ist inzwischen einer der am besten dokumentierten Kriege in der Geschichte. Warum? Weil die Menschen in Syrien mithilfe ihrer Smartphones zeigen können, was dort vor sich geht.
Sie haben sich ebenfalls mit den Folgen des Krieges beschäftigt. In einer Serie von Fotos zeigen Sie schwer verwundete britische Soldaten, die von den Einsätzen im Irak und Afghanistan zurückkehrten. Wie kamen Sie darauf, gerade diese Menschen zu fotografieren?
Das ging auf die Idee einer englischen Journalistin zurück. Sie wollte, dass wir den Kriegsversehrten gegenüber Respekt zeigen. Wir haben über einen Zeitraum von fast fünf Jahren Porträts von Soldaten gemacht.
Das war eine ganz andere Herangehensweise als bei Auftragsarbeiten mit Prominenten. Wie haben Sie diese zum Teil schwer entstellten Menschen dazu bewegen können, sich fotografieren zu lassen?
Es war eine besondere Herausforderung, sich auf diese Menschen einzulassen, darauf, was sie durchlitten hatten. Es brauchte viel Zeit zum Zuhören. Ich habe in diesen Begegnungen einige außergewöhnliche Menschen getroffen. Man darf diese Bilder, die zeigen, was der Krieg aus Menschen macht, nicht unter den Teppich kehren.
Die Fotos waren in einer Ausstellung in Düsseldorf zu sehen, sind in einem 300 Seiten umfassenden Bildband erschienen. Sie zeigen Menschen mit Bein- und Armprothesen, verbrannten und verstümmelten Gesichtern und Gliedmaßen. Es fällt sehr schwer, sich diesen Fotoband von der ersten bis zur letzten Seite anzusehen.
Ja, viele haben grauenhafte Wunden und Verletzungen davongetragen, nicht nur an ihren Körpern, auch an ihrer Seele. Es sind Wunden, wie wir sie uns einfach nicht vorstellen können. Ich erinnere mich noch gut an die Ausstellungseröffnung in Düsseldorf, das NRW Forum war gefüllt mit Gästen – aber es war völlig still. Sprachlosigkeit. Dass all diese Soldaten überhaupt noch am Leben sind, haben sie oft der weit fortgeschrittenen Medizin zu verdanken. Vor 20, 15 Jahren wären sie noch auf dem Schlachtfeld an ihren schweren Verletzungen gestorben. Heute können sie gerettet werden. Aber nach ihrer Rückkehr beginnt der Krieg für sie von Neuem. Wenn sie versuchen, schwer verwundet, wie sie sind, ihr Leben in unserer Gesellschaft neu zu definieren. Das ist schon eine Veränderung, die den Alltag von uns allen mit prägt. Nach den langen Kriegen in Irak und Afghanistan gibt es immer mehr schwer verwundete Soldaten, die in unserem Alltag sichtbar sind. Und die gegenwärtigen Konflikte in der Ukraine, in Israel, im Nahen Osten machen nicht gerade Hoffnung, dass sich das ändern wird.
Sie klingen verbittert.
Nach all den Erfahrungen über Kriege in der nicht allzu weit zurückliegenden Vergangenheit frage ich mich heute immer wieder, wo denn unsere politischen Führungspersönlichkeiten sind, die das stoppen könnten.

