Unter einer mit Schnee bedeckten, fünf Meter hohen Affenrequisite solle der Schauspieler nun posieren. „Einmal in die Fesseln greifen, bitte.“ Wie die Opfergabe in „King Kong und die weiße Frau“ hängt der Schauspieler nun unter dem Affen in den Seilen. „Und jetzt aggressiv!“ Der Schauspieler brüllt. Immer wieder. Der Fotograf ist zufrieden. Die PR-Frau des Filmpark Babelsbergs, die den Park extra für dieses Unterfangen aufgeschlossen hatte, auch. Sie bittet um ein Autogramm für ihr Gästebuch. Bisher ist es noch leer.
Die vergangenen 16 Jahre hat Torsten Voges in Hollywood verbracht. Gerade pendelt er noch, aber spätestens im September soll seine Rückkehr nach Deutschland vollzogen sein. „Es war mir damals nicht bewusst, aber mein Gang nach Amerika war eine Flucht“, sagt der 52-jährige Schauspieler heute. Er habe damals einen Traum von seinem Beruf gehabt, der sich einfach nicht erfüllt habe. „Vom Theater habe ich erwartet, dass es etwas bewegt, dass es das Publikum aufrüttelt.“ Aber wann immer er im Düsseldorfer Schauspielhaus in „King Lear“ gespielt habe, Teile des „bourgeoisen Publikums“ hätten bei der gleichen Nacktszene türenknallend den Raum verlassen. Nur um am nächsten Abend wiederzukommen, und wieder türenknallend den Raum zu verlassen. „Die Reaktion war wie eine feste Verabredung. Theater war eine Abendveranstaltung. Bewirkt hat es nichts.“ 1993 kehrte er dem Theater den Rücken. Reine Unterhaltung wollte er nun machen. Deutsches Fernsehen. „Hier hatte ich immer nur Stichwortgeber-Rollen, wie der zweite Einbrecher, oder den ersten Polizist.“ Voges gibt seiner Größe – zwei Meter sechs Zentimeter – die Schuld an diesem Umstand. 1997 wandert sein gesamtes Hab und Gut im Container über den Atlantik. In Hollywood kann man ungewöhnliche Typen brauchen, glaubt er. Sein Plan scheint aufzugehen. Zwei Monate nach seiner Ankunft in Los Angeles erhält er das Angebot, für eine Rolle in der Coen-Brüder-Komödie „The Big Lebowski“ vorzusprechen.
Bonnie Tylers „It’s a heartache“ läuft in der kleinen „Erfrischungshalle“ am S-Bahnhof Griebnitzsee. Der Wirt bringt eine Brezel und eine Bulette neben einem Klacks dunkelbraunem Gewürzketchup. Der deutsche Nihilist Franz aus „The Big Lebowski“ ist bis heute Voges prominenteste Rolle geblieben. In 16 Jahren Hollywood spielte er sechs Episodenrollen in bekannten US-Serien und fünf Nebenrollen in weniger bekannten US-Filmen. Er lieh Computerspielfiguren seine Stimme und per „Motion Capturing“ auch seine Bewegungen. Zuletzt drehte er mehrere Low-Budget-Produktionen. „,The Lords of Salem’ hat gerade Premiere in Texas auf dem South by Southwest-Festival“, sagt Voges. „Der Film wird jetzt erst mal nur in ausgewählten Kinos gezeigt. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass er auch noch einem breiten Publikum zugängig gemacht wird.“ Vor den Fenstern der Trinkhalle beginnt es zu schneien. „Der ist von den Produzenten von ,Paranormal Activity’ gemacht worden. Haben Sie ein iPhone?“, fragt der Schauspieler. Er möchte Fotos zeigen. In „Lords of Salem“ spiele er einen norwegischen, satanischen Death-Metal-Typen. Er würde häufig für skurrile Rollen besetzt. Einen Omelette-Koch, der eine Omelette-Universät leite, habe er auch schon gespielt. Der Wirt hinter dem Tresen schaut ausdruckslos in unsere Richtung. Wir sind seine einzigen Gäste.
In den Siebzigern habe der Hamburger Regisseur Hark Bohm plötzlich vor Voges’ Tür gestanden. „Meine Mutter kannte ihn. Bohm suchte den Hauptdarsteller für den Spielfilm ,Moritz, lieber Moritz’.“ Voges bekam den Part nicht. Er sei zu groß, hieß es. Da der damals 15-Jährige so enttäuscht war, habe Bohm ihm dann doch noch eine kleine Nebenrolle gegeben. „Das Drehen hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht. Dieses Gefühl, diese ganze Aufmerksamkeit.“ Nach dem Abitur zieht Voges zu seiner Tante nach Foster City. „Ich hatte nicht gerade die beste Kindheit“, sagt er. „Aber eine Tante in einem Vorort von San Francisco und nun endlich Zeit, mich dort einfach mal auszuprobieren.“ Der Vater, ein Wirtschaftsanwalt, habe gewünscht, dass sein Sohn Wirtschaft studiere. Voges aber nutzte das Geld seines Vaters, um in San Francisco Schauspiel zu studieren.
Nach seinem Studium verlässt Voges Amerika wieder. In den Achtzigern spielt er am Theater am Kurfürstendamm. „Mit Heinz Drache und Wolfgang Spier“, ergänzt Voges. Danach sei er sechs Jahre feste Ensemblemitglied am Düsseldorfer Schauspielhaus gewesen. „Ich habe da so ziemlich alles gespielt, was man als Zwei-Meter-Mann so spielen kann.“ Voges heiratete, wurde Vater. Ließ sich wieder scheiden, wechselte zum Fernsehen und lernte seine heutige Frau kennen. Eine Schauspielerin mit amerikanischer Staatsbürgerschaft. „Wir hatten den Gang nach Hollywood von langer Hand geplant“, sagt Voges: „Hatten uns Erspartes zurückgelegt und ein Haus in West-Hollywood gemietet.“ Zwei Monate nach seiner Ankunft lernte er in Los Angeles auf einer Party eine Agentin kennen. „Sie hat zu mir gesagt: Du bist ungewöhnlich, dich kann ich vertreten.“ Schöne Menschen gebe es in Hollywood zuhauf, aber Voges könne eine Nische besetzten. Seine damals 12-jährige Tochter lässt er bei der Mutter in Deutschland zurück.
„Natürlich hatte ich jede Menge Castings, aber auch jede Menge Luft zwischen den Engagements“, sagt Voges über seinen Hollywood-Alltag. Mit Synchron-Jobs hält sich das Ehepaar über Wasser. „Wir haben vor allem viel B-Synchron gemacht. Also vorläufiges deutsches Synchron für US-Filme, die in den Airlines gezeigt werden.“ Voges plaudert aus dem Nähkästchen. Der Typ, der das in L.A. mache, sei ein bisschen verrückt. Er sei Deutscher, hasse aber alles Deutsche, nie würde der zurückgehen, trotzdem mache er den ganzen Tag nichts anders als deutsches B-Synchron. Sobald die Filme in Deutschland einen Verleih gefunden haben, wird Voges Stimme wieder ersetzt. Von deutschen Schauspielern. Vor Ort. „Additional Voice Recording – also Soundteppich einsprechen – ist in Amerika auch ein gut bezahlter Job“, sagt er. Bei „Operation Walküre“ mit Tom Cruise und der „Bourne Verschwörung“ mit Matt Damon wird der Schauspieler engagiert, um deutsche Hintergrundgespräche einzusprechen „Da heißt es im Vorfeld, wir brauchen excellent, authentic German actors und vor Ort sind die excellent authentic German actors dann irgendwelche Amis, die auch ein bisschen Deutsch können.“ Voges lacht trocken. Von einem amerikanischen Dialogregisseur habe er sich erklären lassen müssen, wie er seine Muttersprache betonen soll. „Skurril“, sagt der Schauspieler. Aber diese Jobs hätten ihn davor bewahrt, „desperate“ (verzweifelt) zu sein. „Und in Los Angeles trifft man viele Menschen, die desperate sind.“
Da sei zum Beispiel dieser ehemalige deutsche Soap-Darsteller: „In Deutschland hat er Hartz IV bekommen, in Hollywood läuft er überall mit seinem hübschen Gesicht herum und beschwert sich, wie ungerecht es sei, dass er keine Rollen bekäme.“ Voges schüttelt den Kopf. Das Radio in der „Erfrischungshalle“ bringt die Staumeldungen. Andere Verzweifelte böten Schauspielunterricht an. „Da ist zum Beispiel diese wunderhübsche, deutsche Frau. Ich fragte sie: ,Was hast du schon alles gemacht?’ Und sie antwortete: ,Ich habe zum Beispiel ein Buch über Til Schweiger geschrieben.’ Dann habe ich sie gefragt: ,Hast du auch irgendwas gespielt?’ Und schon verabschiedete sich die wunderhübsche Frau. Und fragte jemand anderen, ob er Schauspielunterricht bei ihr nehmen möge. Und solche Menschen wollen dann den Eindruck vermitteln, dass sie es in Hollywood geschafft haben. Aber da ist keine Substanz.“ Den Bezug zur Realität hätten diese Menschen längst verloren.
Um einen Oscar und die große Karriere sei es Voges in Hollywood nicht gegangen, sagt er. „Ich hatte einfach Spaß am Spiel und Spaß am Enthusiasmus der Amerikaner. Wenn man einen Christoph Waltz in Interviews über die Zusammenarbeit mit Tarantino reden hört…“ Voges lässt den Satz in der verbrauchten Luft der „Erfrischungshalle“ hängen. „In Hollywood steht die Figur im Mittelpunkt des Films. Als Schauspieler kann man sich da unheimlich entfalten.“ Den Traum von der Hollywood-Premiere, mit Limo und rotem Teppich, den habe er aber natürlich auch gehabt. Klar. „Ich habe das sogar erlebt“, sagt Voges: „Aber das Schicksal hat mir ein Schnippchen geschlagen.“ Als er 1999 eine Nebenrolle in der Disney-Produktion „Rent a man“ spielte, ließ man ihn mit einer Limousine zur Premiere abholen. Auf dem roten Teppich befragten ihn die Journalisten. „Wie hast du dich auf den Film vorbereitet?“ Voges lacht. Er spielte Tina. Eine Frau, die so groß war, dass sie nicht komplett auf die Leinwand passte. Sein Kopf war während des gesamten Films nicht zu sehen. „Ich habe mir Arme und Beine rasiert“, habe Voges den Journalisten geantwortet. Im Saal hatte Voges dann feststellen müssen, dass viel mehr auch nicht von ihm übrig geblieben war. Seine Stimme war weg. Eine Frau sprach seinen Part. Und in einer Szene, in der Rob Schneider seine Füße massierte, waren auch diese nicht mehr die seinen. „Meine Füße wurden durch größere ersetzt, Disney waren meine eigenen wohl zu klein“, sagt Voges. Trotzdem habe er mit seinem Torso-Auftritt, ohne Kopf, Stimme und Füße mehr verdient als mit irgendwas anderem.
Die Entscheidung, nach Berlin zurück zu gehen, sei aber trotzdem eine private und keine berufliche, betont Voges. „Ich habe in Amerika viel mehr Kontakte und Möglichkeiten als in Deutschland.“ Seine Frau sei der eigentliche Motor für die Rückkehr gewesen. Sie spiele in Köln am Millowitsch-Theater. Und obwohl sie gebürtige Amerikanerin sei, so richtig habe sie sich in Los Angeles nie wohl gefühlt. „Viele Deutsche erleiden einen Kulturschock in Hollywood.“ Das Zwischenmenschliche in Hollywood sei anders. Bedeutend anders. „Einer der größten Unterschiede ist, dass man in LA niemals nein zu jemanden sagt. Schließlich kann man nie wissen, wer er oder sie in ein, zwei Jahren mal sein könnte.“
Torsten Voges sagt, er gehe zurück nach Deutschland, weil ihm die Menschen fehlen. „Am Anfang einer Flucht fühlt es sich gut an, fremd zu sein. Man ist frei. Gerade aber, als ich älter wurde, stellte ich fest, dass ich mich zunehmend nach menschlicher Nähe sehnte.“ Er habe in Los Angeles Freunde, die er seit 15 Jahren kenne, und doch sei er ihnen nie so nahe gekommen wie seinen Freunden in Deutschland. „Der Umzug nach Berlin ist jetzt keine erneute Flucht. Im Gegenteil. Ich stelle mich, setze mich nun mit meinem damaligen Weggang auseinander.“ Seine Tochter sei nun 27 Jahre alt. Sie habe Psychologie studiert und beginne gerade eine Ausbildung zur Therapeutin.
Seine Hollywood-Erfahrungen hat der Schauspieler aufgeschrieben, gemeinsam mit seinem Bruder, dem Filmproduzenten Philipp Voges, und dem Medienboard Berlin-Brandenburg würde er seine Geschichte nun verfilmen wollen. „The German Guy“ heißt das Projekt. Unterricht will er auch geben. Deutschen Schauspielschülern von Hollywood erzählen. „Ich würde niemanden, der hier keine solide Karriere hat, raten, nach L.A. zu gehen. Das funktioniert nicht.“ Als Schauspieler wolle Voges in Deutschland nur arbeiten, wenn das Projekt interessant sei. Er sehe keinen Sinn darin, wieder den ersten Einbrecher oder zweiten Polizisten zu spielen. „In Amerika habe ich schließlich schon einen kleinen Kultstatus. Im April werden auf einer Horror Convention in New Jersey meine Autogramme verkauft“, sagt er. Udo Kier sei im Übrigen auch da.
Es hat aufgehört zu schneien. Der Schauspieler verlässt die „Erfrischungshalle“. Der Wirt tritt zu seinem einzigen Gast an den Tisch und fragt: „Musste man den irgendwoher kennen?“

