Nun hatten sie auch an der Nordwand des Nikolai-Friedhofs den Kampf aufgegeben. Von dem größenwahnsinnigen Treiben ihres Führers blieb in den Maitagen des Jahres 1945 rund um den Alexanderplatz nur eine Ruinenlandschaft zurück. Ein Hausskelett reihte sich an das andere. Aber ein Gebäude hatte die Bombardements fast unbeschadet überstanden. Trotzig, als wollte es demonstrieren, dass seine Geschichte noch nicht zu Ende ist, ragten acht Stockwerke in den Himmel.

Mehr als 60 Jahre später schlendert eine Frau durch die Zimmer. Sie sehen aus, als ob wieder ein Krieg über das Gebäude gefegt ist. Wellige Fußböden, beschmierte Fenster, Akten fliegen herum, Kabel hängen von den Decken runter. Die Frau hebt einige Sachen auf und steckt sie ein. Einen Passierschein. Ein Briefpapier, auf dem noch der letzte Mieter prangt: das Institut für Marxismus-Leninismus. Es ist das Jahr 2008. Bald soll alles renoviert werden, sollen neue Bewohner einziehen. Wieder einmal. Und die Frau? Sie wird dem Haus etwas geben, was es bisher noch nicht zeigen konnte: seine Geschichte.

Sybil Volks' Roman "Torstraße 1" (dtv, Hardcover, 19,90 Euro) ist vor drei Monaten herausgekommen. Die erste Auflage war nach wenigen Wochen vergriffen. Kurz vor Weihnachten musste nachgedruckt werden. Ein Erfolg, mit dem weder der Verlag noch die Autorin gerechnet hatten. Sybil Volks ist eine blonde, schlanke Frau. Sie wurde 1965 im münsterländischen Rheine geboren. Ihr Vater war Redakteur in einem Schulbuch-Verlag, die Mutter arbeitete als Physiotherapeutin. Nach Stationen in Freiburg, Ungarn, Hamburg lebt sie nun seit zehn Jahren in Berlin. Und hier fand sie nach Kurzgeschichten und Gedichten das Umfeld für ihre ersten beiden Romane. "Café Größenwahn", ein Krimi, spielt allerdings ausschließlich im Jahr 1912. Die "Torstraße 1" macht dagegen die Tür zu fast einem ganzen Jahrhundert auf. Volks ist durch einen Zeitungsartikel auf das Gebäude gestoßen: "2007 war es. Damals stand es noch leer. Es war aber schon klar, was rein sollte." Sie zitiert André Schmitz, den Berliner Kulturpolitiker, der einmal sagte: "Wenn Häuser Geschichten erzählen könnten, dann hat dieses Stoff für einen ganzen Roman." Das muss für die Autorin wie ein Auftrag geklungen haben. Sie recherchierte in Archiven, Bibliotheken, suchte nach Informationen im Internet. Vier Jahre brauchte sie von der Idee bis zur Fertigstellung des Werks.

Nun sitzt sie in einem rot gepolsterten Stuhl auf einem roten Teppich in einem holzgetäfelten Raum des Hauses, über das sie fast 400 Seiten verfasst hat. Schick ist es heute im Soho House, dem "Private Member Club", in dem man sich um eine Mitgliedschaft bewerben muss. Und die ist mächtig angesagt, wenn man die vielen Menschen weiter oben im Klub an ihren Laptops oder in Gesprächen verwickelt sieht. Die Biografin des Hauses sagt, sie sei froh, dass hier wieder ein lebendiger Ort entstanden sei, an dem Menschen ein- und ausgingen, und dass es keine abgeschottete Zentrale wechselnder Mächte mehr sei.

Vor fast 90 Jahren ließen die Architekten Georg Bauer und Siegfried Friedländer das wuchtige Gebäude im Stil der Neuen Sachlichkeit errichten: Spröde, modern, zweckmäßig. Friedländer wurde 14 Jahre später von den Nationalsozialisten in Riga ermordet. Und auch ein anderer Jude, der mit diesem Haus zu tun hat, wurde zum Opfer von Hitlers Schergen. Der gebürtige Danziger Hermann Golluber hatte hier das Kreditkaufhaus Jonass 1928 eröffnet. Ganz modern mit Restaurant und Dachgarten. Gerade für die ärmere Bevölkerung aus dem Scheunenviertel und den anderen Arbeitervierteln war es ein beliebter Anlaufpunkt. Sie konnten Geschirr, Kleidung, Möbel, Elektrogeräte und anderes erstehen und es vor allem auf Raten abzahlen. "Jonass hilft. Durch den Kaufschein" hieß es auf einem Werbeplakat im Jahr 1930. Als Hitler drei Jahre später an die Macht kam, wurde es immer schwieriger für Golluber. Banken wollten keinen Kredit mehr bewilligen. Die Nazis drängten ihn, einen "arischen" Geschäftsführer einzusetzen. So rückte der Einkaufsleiter ganz nach oben in die Chefetage. Golluber und seine Familie emigrierten vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in die USA. Dort starb er kurz nach der Ankunft.

Heute leben die Nachfahren Gollubers in Israel und in den USA. Sybil Volks hat sie nicht kontaktiert. "Ich dachte, wenn ich zuviel über die Familie weiß, bin ich nicht mehr frei im Ausdenken. Ich wollte doch erst mal den Roman mit meinen Figuren zu Ende schreiben. Vielleicht versuche ich jetzt, eine Verbindung herzustellen." Im Buch heißt der Inhaber des Kaufhauses Grünberg, und er hat einen Sohn: Harry. Er ist jung, noch nicht übermäßig an den Geschäften des Vaters interessiert, sondern mehr an Musik und Frauen. Besonders an einer, der Verkäuferin Vicky. Sie bekommt ein Kind von ihm, was seine Eltern allerdings nicht wissen dürfen. Eine Verbindung mit einer Verkäuferin wäre in ihren Augen nicht standesgemäß, fürchtet Harry. Vickys Wehen beginnen plötzlich, während der Eröffnungsfeier mitten im Kaufhaus, Elsa kommt dort zur Welt, und sie wird, so beschreibt es Sybil Volks, ihr Leben lang mit dem Haus verbunden sein. Wie auch Bernhard, der am selben Tag geboren wird. Er ist der Sohn eines Zimmermanns, der unfreiwillig bei Elsas Geburt assistieren muss. "Was historische Fakten angeht, habe ich versucht, sie wahrheitsgetreu zu übernehmen. Was das Persönliche angeht, das habe ich mir eben ausgedacht", sagt die Autorin. Erfunden ist also das weitere Schicksal Elsas, die Tochter eines Juden, was unter den Nationalsozialisten geheim gehalten werden muss. Die Mutter Vicky wird einen überzeugten Nazi heiraten, ausgerechnet den Mann, der die Geschäfte des Kaufhauses zunehmend in seine Hände nimmt.

Gegenüber des Hauses, das damals die Adresse Lothringer Straße 1 hatte, auf dem St.-Marien- und St.-Nikolai-Friedhof, wurde 1930 Horst Wessel begraben. Den SA-Führer und Texter des gleichnamigen Kampfliedes stilisierten die Nationalsozialisten nach seinem Tod zu einem Märtyrer. Friedrichshain wurde in Horst-Wessel-Bezirk umbenannt. Der Rosa-Luxemburg-Platz hieß Horst-Wessel-Platz. Auch die Volksbühne und das Karl-Liebknecht-Haus, die heutige Parteizentrale der Linken, trugen seinen Namen. Kein Wunder also, dass die Nationalsozialisten auch das Kaufhaus Jonass zunehmend okkupierten. Volks glaubt, die Nationalsozialisten hätten Kaufhäusern überhaupt negativ gegenüber gestanden. Konsum und internationales Flair passten nicht zu ihrer Ideologie. Erst waren es nur Propagandaausstellungen, später ließen sie die großzügigen Räume des früheren Kaufhauses in Hunderte kleine Büros umbauen und die Hitlerjugend einziehen.

Und dann, als das Regime der braunen Machthaber endlich vorbei war, zogen die roten Machthaber ein. Aus der Lothringer- wurde die Wilhelm-Pieck-Straße. Otto Grotewohl, Walter Ulbricht und Pieck führten nach dem Zwangszusammenschluss von KPD und SPD von hier aus das SED-Zentralkomitee. Es wurde als "Haus der Einheit" bezeichnet. 1959 kam wieder ein neuer Mieter, das Institut für Marxismus-Leninismus. Man erforschte Parteigeschichte und Arbeiterbewegung, wo einst Miederwaren verkauft wurden.

Nach der Maueröffnung änderte sich die Adresse des früheren Jonass wieder. Nun hieß sie Torstraße 1. Doch erst einmal blieben die Räume jahrelang leer. Sybil Volks erinnert sich noch an ein großes weißes "Ich", das ganz oben an die Fassade gesprayt worden war.

In dem Haus spiegle sich die Geschichte Berlins der letzten Jahrzehnte wider, sagt Volks. Doch die Geschichte ist so schwer, tragisch und dramatisch, dass man nicht noch viel anderes draufpacken muss. Deshalb wollte sie ihre erfundenen Figuren nicht exzentrisch erscheinen lassen, sondern eher als normale Menschen schildern. Vicky und ihre Tochter Elsa, zwei der Hauptpersonen, leben nach dem Zweiten Weltkrieg im Westen der Stadt. Vicky arbeitet jetzt im KaDeWe als Verkäuferin, Elsa als Fotografin. Bernhard bleibt währenddessen im Osten. Der Journalist ist mittlerweile beim "Neuen Deutschland" beschäftigt. Immer wieder vergräbt er sich aber zu Forschungsarbeiten in das Institut für Marxismus-Leninismus, weil er mit der eindimensionalen, gestanzten Sprache unzufrieden ist, die ihm die Parteizeitung auferlegt. Aber auch Elsa zieht es noch oft in den Osten, um das Haus ihrer Geburt und Bernhard zu sehen. Volks schildert die Lebenswege ihrer Haupt- und auch Nebenpersonen sehr einfühlsam. Was immer sie im Schatten der Geschichte des Hauses tun, scheint nachvollziehbar. Vielleicht gerade deshalb wird man als Leser immer wieder gepackt.

Und heute? "So wie damals das moderne Kaufhaus Jonass ist auch das Soho House mit seinem internationalen Publikum ein Ort, der zum Zeitgeist passt. Doch das", glaubt Sybil Volks, "wird nicht das Ende der Geschichte sein."