Der Berliner liebt sein Bier. Doch längst beginnt sich eine nachwachsende Generation zu fragen, ob die klassischen Marken wie Kindl, Schultheiss, Engelhardt oder Bürgerbräu wirklich schon alles gewesen sein sollen. Denn neben diesen bekannten Marken gab es lange Zeit fast nichts anderes in der Stadt. Das ändert sich seit einigen Jahren rasant. Junge Berliner Bier-Rebellen zelebrieren die Rückkehr zu handwerklich hergestellten Bieren, gründen wagemutig Manufakturen. Der Trend geht weg von der Massenproduktion, hin zum lokal gebrauten Spezialbier.
Aktuell gibt es in Berlin 22 kleine Brauereien, die sich mit neuen, mutigen Kreationen der Konzentration auf dem Biermarkt entgegenstellen. Der Auslandsreporter, Reisebuchautor und Bier-Kenner Peter Korneffel widmet sich in seinem gerade erschienenen Buch „Biermanufakturen in Berlin“ der erstarkenden Szene der Stadt und einer Bewegung junger Brauer, die immer professioneller und größer wird. Am Freitagabend wurde es in der Markthalle Neun in Kreuzberg vorgestellt.
Sie heißen BrewBaker oder Vagabund, Bogk-Bier oder Flessa Bräu, Heidenpeters oder Hops & Barley. Sie sind quer über die Stadt verteilt, von Spandau bis Marzahn, von Pankow bis Neukölln. Die Brauer haben unterschiedliche, oft skurrile Biografien. Und sie experimentieren lustvoll mit unterschiedlichen Hopfenarten, die dem Bier einen mal fruchtigen, mal herben, mal schokoladigen Geschmack verleihen.
Biere mit eigenem Charakter
Für Peter Korneffel ist der Boom der Kleinbrauereien eine Reaktion auf die zunehmende Vereinheitlichung des Geschmacks. „Wir haben ja in Berlin nur noch einen einzigen Industriebrauer“, sagt er. „Alle Traditionsmarken Berlins sind von Dr. Oetkers Radeberger-Gruppe aufgekauft worden, die letzte, Berliner Bürgerbräu, 2010.“ Egal ob Kindl oder Schultheiss, die Biere werden alle in der gleichen Brauerei in Weißensee hergestellt. „Natürlich kaufen die auch in Massen die gleichen Sorten Hopfen und Malz ein. Die Unterschiede, sagten mir Brauereibesitzer, sind da nur noch nuancenhaft.“ Da drängt sich der Wille zu neuer Vielfalt geradezu auf.
Der Anstoß für eine neue deutsche Bierkultur kam ausgerechnet aus den USA. Dort beherrschen Firmen wie Miller-Coors oder Anheuser-Busch den Markt. Allerdings war es in Amerika noch bis in die 80er-Jahre verboten, eine Kleinbrauerei zu führen. „Das kommt noch aus der alten Prohibitionszeit“, sagt Korneffel. „Nur einige Großbrauereien hatten überhaupt eine Lizenz. Doch es gab eine starke verbotene Bewegung von Kleinbrauern in den USA. Präsident Jimmy Carter hat diese alte Prohibitionsregelung aufgehoben, auf einmal durfte man legal brauen. Der Markt der Kleinbrauer explodierte. Die Craft-Beer-Brauer haben heute einen Umsatzanteil am nationalen Biergeschäft der USA von 14 Prozent.“ Davon kann die deutsche Szene bislang nur träumen.
Einfach ausgedrückt ist Craft Beer handwerklich (craft) gebrautes Bier (beer). Oft wird Craft Beer mit den Eigenschaften eines India Pale Ale beschrieben. Doch dieser stark hopfenbetonte und oftmals fruchtige Bierstil ist nur einer von vielen, der die Craft-Beer-Szene derzeit ausmacht. Ein Craft Beer ist ein Bier, dass sich von der Masse abhebt. Craft-Beer-Brauer machen oft trübe, ungefilterte Biere. Biere mit eigenem Charakter. Diese Bewegung schwappte in den 90er-Jahren nach Berlin. „Berlin ist nun mal die Start-up-Stadt“, sagt Korneffel. „Das ist die Stadt der kleinen Selbstständigen, der Kreativen, der Durchgeknallten im positiven Sinne, die sagen, wir müssen mal was probieren.“
So sei Johannes Heidenpeter aus der Markthalle Neun zum Brauen gekommen. „Hier gibt es Hausbesetzer, die haben schon hinter den Barrikaden an der Mainzer Straße für die autonome Szene Bier gebraut, um sich unabhängig von den verhassten Konzernen zu machen“, so Korneffel. „Diese alten Hausbesetzer kommen dann auch schon mal in die Jahre und melden dann ein Gewerbe an, so wie Christoph Flessa in Friedrichshain.“
Biere nach alten Rezepten
Die Amerikaner drängen auf den deutschen Markt und selbst nach Berlin. „Wir haben ja mit Vagabund schon eine kleine amerikanische Brauerei in der Stadt“, so Korneffel. „Die drei jungen Brauer von Vagabund waren am Anfang ganz zahm. Die wollten nichts sagen über die deutschen Biere und wie sie ihnen schmecken, weil sie Angst hatten, dass sie als arrogant rüberkommen. So nach dem Motto: Da kommen die Amis und müssen uns erklären, wie unser Bier geht …“
Aber es gibt auch die traditionsbewussten Kleinbrauer. Wie Achim Rubbert von der Schlossplatzbrauerei Cöpenick, der zu den ältesten Kleinbrauern der Stadt gehört. Rubbert hat sich auf historische Biere spezialisiert, die er unter anderem nach Rezepten aus dem 18. Jahrhundert nachbraut. „Er ist in Geheimarchive eingetaucht und hat dort alte Rezepturen herausgeholt“, sagt Korneffel. „Und er hat alte Importpläne vom großen Kurfürsten besorgt, um zu sehen, was für Behältnisse zum Brauen der damals gekauft hat, um das Mengenverhältnis abzuschätzen. Ein total kurioser Typ.“
Und was macht für Peter Korneffel ein gutes Bier aus? „Es muss mich provozieren“, sagt der Buchautor. „Gutes Bier muss mich überraschen. Ich mag fruchtige Hopfen-Aromen, zum Beispiel was die India Pale Ales an kräftigem, zitrusfruchtigem oder anderem Hopfen verwenden. Das ist für mich ein toller Bierstil.“
Zum Weiterlesen: Peter Korneffel: „Biermanufakturen in Berlin“, Nicolai-Verlag, 18,95 Euro

