Sechs Grad plus: Nicht besonders kalt für einen Novembermorgen. So dürften wahrscheinlich die meisten Passanten im Hauptbahnhof am gestrigen Montagmorgen gedacht haben – auf jeden Fall alle, auf die irgendwo ein geheiztes Drinnen wartete. Wie aber fühlt es sich für jene an, die kein Zuhause haben?
Obdachlosigkeit – darum dreht sich jetzt eine Ausstellung am Hauptbahnhof. Auf 25 großformatigen Tafeln erzählen Menschen vom Leben auf der Straße. Von der Kälte im Winter, aber auch im übertragenen Sinne als Menschen, die im Alltag oft übersehen werden. „Unsichtbar“ lautet der Titel der Porträts, die Reto Klar, Cheffotograf der Berliner Morgenpost, aufgenommen hat.
Eröffnet wurde die Ausstellung von Rüdiger Grube, der als Bahnchef auch Hausherr der Bahnhöfe ist, die für manche „Reisende“ die letzte Zuflucht im Leben sind. Nicht bei allen sind diese Art Bahnhofsgäste gern gesehen. Grube ist außerdem Beiratsvorsitzender der Deutsche Bahn Stiftung, die die Arbeit der Bahnhofsmissionen in vielfältiger Weise unterstützt. Er sieht sich als Vermittler. „Stellen Sie sich vor, Sie werden auf der Straße von Freunden, Bekannten, der eigenen Familie nicht erkannt. Sie denken jetzt, das ist unmöglich?“ Wohlfahrtsorganisationen, so Grube, hätten vor einiger Zeit ein Experiment gemacht, bei dem Menschen sich als obdachlos ausgaben und teilweise nicht einmal von ihren engsten Vertrauten erkannt wurden. Die Fotoausstellung, sagte Grube, solle diesen Bann brechen. „Ich freue mich, dass in diesen Bildern ‚Unsichtbare‘ sichtbar werden.“
Anstoß dafür war eine Reportage der Berliner Morgenpost über Menschen, die rund um den Bahnhof Zoo auf der Straße leben. In der Bahnhofsmission am Zoo bekommen sie täglich ein warmes Essen, Rat und Hilfe. Fotograf Reto Klar und Reporterin Uta Keseling konnten hier im vergangenen Februar Menschen treffen, die aus unterschiedlichsten Gründen keine Wohnung mehr haben. In den Gesprächen kamen teilweise erschütterte Lebensgeschichten zur Sprache. Carsten Erdmann, Chefredakteur der Berliner Morgenpost, schilderte, warum aus dieser Reportage zunächst ein Buchund dann auch eine Ausstellung wurde: „Wir wollen als Zeitung nicht nur berichten, sondern auch helfen.“
Die Berliner Morgenpost engagiert sich über ihren Verein Berliner helfen e.V. seit Jahren für die Obdachlosenhilfe. Auch das Buch mit dem Titel „Unsichtbar“ soll zu dieser Hilfe beitragen. „Der Reinerlös kommt der Arbeit der Bahnhofsmissionen in Berlin und den anderen Städten zugute, in denen die Fotografien gezeigt werden“, so Erdmann. Am Berliner Hauptbahnhof wird die Ausstellung bis kommenden Sonnabend zu sehen sein. Ab Januar wandert sie weiter nach Görlitz, Essen, Frankfurt und Hamburg.
Erdmann bedankte sich ausdrücklich bei allen, die die Ausstellung möglich gemacht hatten – „vor allem aber bei jenen, die den Mut hatten, für die Porträts ihr Gesicht zu zeigen“. Einige der Porträtierten waren persönlich zur Eröffnung erschienen. Unter ihnen war auch Christine, 58, die seit vielen Jahren auf der Straße lebt. Sie kam ziemlich nass am Hauptbahnhof an. Draußen regnete es, sagte sie, sie sei zu Fuß gelaufen. Was bedeutet es, obdachlos zu sein? „Für Fahrkarten habe ich kein Geld.“ In der Bahnhofsmission gab es immerhin heißen Kaffee.
Zur Eröffnung waren rund 100 Zuschauer gekommen. Journalisten, Mitarbeiter der Bahn und der Bahnhofsmission und Zufallsgäste wie der Schauspieler und Regisseur Detlev Buck. Er war gerade aus Hamburg angekommen und hatte im Vorbeilaufen einige Menschen auf den Fotos wiedererkannt. „Ich kenne sie aus dem Tiergarten, ich laufe dort zur Arbeit entlang.“ Er finde es wichtig, das Thema Obdachlosigkeit aufzugreifen.
Buch Reto Klar, Uta Keseling: Unsichtbar – Vom Leben auf der Straße, Verlag Atelier im Bauernhaus, Fischerhude, 128 Seiten, ISBN 978-3-88132-981-1, 19,80 Euro. Der Reinerlös des Buches kommt der Arbeit der Bahnhofsmissionen zugute. Erhältlich ist das Buch unter anderem am Empfang der Berliner Morgenpost, Kurfürstendamm 22, 10719 Berlin, Mo.-Fr., 9.00-15.30 Uhr sowie im Bücherbogen am Savignyplatz, Stadtbahnbogen 593, 10623 Berlin, Mo.-Fr., 10-18 Uhr, und bei Amazon.
Videoprojekt Die Porträts der Obdachlosen im Video und weitere Informationen: unsichtbar.morgenpost.de
Spenden: Berliner helfen e.V., Stichwort Bahnhofsmission, Konto 3 307 100, BLZ 100 205 00, Bank für Sozialwirtschaft
BM

