Ausgrabungen sind etwas Spannendes. Vor allem, wenn man einer längst verschwundenen Siedlung aus der römischen Kaiserzeit auf der Spur ist. Das ist in Neukölln der Fall, auf einem Grundstück in Rudow, auf dem der Neubau der Clay-Oberschule entstehen soll. Für den Bezirk haben die Ausgrabungen auch eine Schattenseite. Er muss sie bezahlen. Die erste archäologische Untersuchung wurde zu Beginn dieser Woche abgeschlossen. Eine zweite, gründliche wird 2015 folgen. Nach Auskunft von Neuköllns Schulstadträtin Franziska Giffey (SPD) werden Gesamtkosten von rund 880.000 Euro erwartet. Erst nach den Grabungen wird das Landesdenkmalamt die Fläche wieder freigeben.

Bis 1945 Zwangsarbeiterlager

Weil bekannt war, dass sich auf dem nördlichen Teil des Grundstücks an der Ecke Neudecker Weg und August-Froehlich-Straße ein Zwangsarbeiterlager befunden hat, wurde die erste Grabung beauftragt. Das Lager existierte bis 1945. Bis zu 1500 Menschen waren gleichzeitig in 16 Wohnbaracken untergebracht. Nur die Wirtschaftsbaracke blieb erhalten, sie wurde nach dem Krieg von der Firma Eternit genutzt. Der Archäologe Gregor Döhner hat mit seiner Firma Archaeofakt den Boden des Geländes untersucht. Zwei Monate dauerten die Grabungen, die Ende August begannen. Nun ist das Areal vorerst nicht mehr zugänglich.

Als das Lager geräumt wurde, füllte man ehemalige Splitterschutzgräben mit Gebrauchsgegenständen der Lagerinsassen. Bei den Grabungen haben die sechs Fachleute von Archaeofakt Schüsseln, Tassen, Blechgeschirr und persönliche Habseligkeiten gefunden. Sie stießen im Boden auf den Freiflächen zwischen den Baracken auch auf Pfosten, die zu Häusern und zu Vorratsgruben aus der römischen Kaiserzeit gehörten, und fanden Scherben von Schüsseln aus dieser Epoche. Die reichhaltigen Funde der vergangenen Wochen haben Konsequenzen. Denn es ist anzunehmen, dass die gründliche Untersuchung des Bodens noch weit mehr zu Tage fördert. Der nördliche Teil des Grundstücks sei deshalb vom Landesdenkmalamt zum Bodendenkmal erklärt worden, sagte Stadträtin Giffey. Ende September habe die Landesbehörde dem Bezirk mitgeteilt, dass die Entdeckungen der Archäologen zunächst durch eine Ausgrabung dokumentiert werden müssen und die Funde geborgen werden sollen. Danach könnte der Schulneubau beginnen.

Rund 9000 Quadratmeter groß ist die zu untersuchende Fläche. Sie soll im kommenden Jahr komplett geöffnet und 60 Tage lang gründlich untersucht werden. Bis jetzt habe man „prospektiert“, sagte Gregor Döhner, also das Gelände historisch eingeordnet. Die Ausgrabungen 2015 sollen bis in eine Tiefe von maximal 1,20 Meter Tiefe reichen. „Wir sind gespannt, was da zu Tage tritt“, sagte Döhner. Diese Arbeiten werden ausgeschrieben, seine Firma wolle sich bewerben. Das Bezirksamt muss die Grabung in Auftrag geben und die Kosten dafür tragen. So schreibt es das Landesdenkmalschutzgesetz vor. Das habe mit dem Verursacherprinzip zu tun.

Das Hochbauamt habe in einer groben Prognose etwa 415.000 Euro für die Grabung 2015 veranschlagt, sagte Stadträtin Giffey. Darin enthalten seien auch die Kosten für den Abbruch von Asphalt und den Abtransport, die ohnehin zu bezahlen gewesen wären. Zu bezahlen ist außerdem die bauhistorische Dokumentation der Wirtschaftsbaracke, die bereits abgerissen wurde. Nach den Grabungen könne der Schulneubau jedoch noch nicht beginnen, sagte die Stadträtin. Er verzögere sich durch andere Faktoren.