Auf die passende Fliege kommt es an. Nicht nur, aber doch zu einem guten Teil. Simon Stäblein hat etliche zum Wechseln dabei. Und genau wie Ole Rogowski bindet er sie selbst. Im Fliegen binden macht den beiden Freunden so schnell keiner etwas vor.
Das, womit Stäblein und Rogowski zwei bis drei Mal in der Woche an verschiedene Berliner Gewässer gehen, ist allerdings kein Kragenschmuck. Die beiden 30-Jährigen sind Fliegenfischer und gehören damit unter den rund 30.000 Anglerkarteninhabern in Berlin zu einer kleinen Minderheit. In hochgeschlossenen, unförmigen Hosen stehen sie bis zu den Knien in einem Seitenarm des Landwehrkanals und schwenken ihre Fliegenruten. Was so weit ausholend wirkt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als sehr beherrschte Geste. „Schau mal, wenn man sich eine Uhr vorstellt, verläuft die Bewegung zwischen 11 und 13 Uhr, gell“, ruft Simon Stäblein zum Ufer hinüber. Stäblein stammt aus Franken, dort entdeckte er seine Liebe fürs Fliegenfischen. Auch in der Hauptstadt, in die er zum Studium kam, suchte er sich umgehend geeignete Plätze für das Hobby, das bei ihm wie bei Rogowski weit mehr ist als nur Freizeitbeschäftigung. Im Sommer 2013 gründeten die beiden Berlins erste Fliegenfischerschule. „Damit einmal den Lebensunterhalt verdienen zu können“, sagt Ole Rogowski sinnierend, „das wäre schon das Größte.“
Im Flutgraben zwischen Kreuzberg und Treptow sind Stäblein und Rogowski ein Stück weitergewatet. Vier, fünf Mal landet die Schnur bei jeder Wurfprozedur auf dem Wasser, dabei wird immer mehr von der Spule abgerollt. Am Schluss schwimmt die Fliege bis zu 30 Meter entfernt, ehe sie, leicht ruckelnd, wieder eingeholt wird. Fischer mit Puppenspielertricks, und die Marionette ist der Köder. Entdecken Fische die aus Federn, Haaren oder ähnlichem Material auf den Haken gebundene Fliege, halten sie sie für ein Beutetier und beißen an. Bei Stäblein hat es geklappt. Vorsichtig zieht er den Haken aus dem Gaumen des noch viel zu kleinen Flussbarsches und lässt ihn ins Wasser zurückgleiten.
Advokaten der Umwelt
Was er dann sagt, klingt etwas befremdlich. „Mit ist es wichtig, dass das möglichst fair und tierfreundlich ist.“ Ein großes Wort für einen Fischer: Fairness. Und doch: Beim Fliegenfischen, erzählen die beiden, seien Haken ohne Widerhaken verbreitet. Mit 99,5 Prozent liegt die Überlebensquote wieder freigelassener Fische laut Studien deutlich höher als beim Angeln. „Weil wir im Gewässer stehen, nehmen wir die Fische nicht lange aus dem Wasser“, sagt Simon Stäblein. „Und wir müssen sie auch nicht so fest anfassen, dass ihre Schleimschicht zerstört wird.“
Sein Freund Ole Rogowski hatte mit etwa 19 Jahren das Fliegenfischen entdeckt und nach dem Kinofilm „Aus der Mitte entspringt ein Fluss“ über zwei fliegenfischende Brüder in Missouri zur Passion entwickelt. Auch weil sich dieser Sport vom Angeln unterscheidet. Diese völlige Konzentration auf das Werfen der Schnur. Vor allem aber, so Rogowski, seien Fliegenfischer, „immer in Bewegung und auf der Suche, gehen am Gewässer entlang, um zu sehen, wie die Bedingungen sind, welche Insektenart unterwegs ist, ob die Fische an der Oberfläche oder im tieferen Wasser schwimmen“. Davon hängt die Wahl der Fliege ab. Rogowskis zeigt auf einen aus Rehhaar gebundenen Köder in seiner Fliegenbox: „Eine Köcherfliege“, sagt er. Der etwas Größere daneben aus den Federn vom Hahnenkopf ist die Nachahmung einer Eintagsfliege. Andere Gebilde imitieren nach Form oder Bewegung im Wasser Grashüpfer, Kaulquappen, Frösche, sogar Mäuse. Das viele Unterwegssein an Gewässern, die Beobachtung der Umgebung „machen einen zum Advokaten der Umwelt. Man weiß, welche Insekten gerade schlüpfen, aber auch, wo Umweltverschmutzung vorliegt“, sagt Ole Rogowski.
Mitarbeit beim Lachsprojekt
Wenn sie nicht studieren, selbst fischen oder anderen zunächst in Theorieeinheiten über Fisch- und Gewässerkunde sowie das nötige Equipment, später in Übungen zur Wurfpraxis oder bei geführten Fliegenfischertouren ins Umland ihre Leidenschaft nahebringen, engagieren sich Stäblein und Rogowski für den Tierschutz. 16 Jahre ist es her, dass in Brandenburg das Lachsprojekt zur Wiederansiedlung dieses Fisches startete. Wenn Experten heute den Bestand kontrollieren oder Jungtiere aussetzen, sind die beiden immer wieder als ehrenamtliche Helfer dabei. Simon Stäblein schreibt seine Masterarbeit über das Projekt. Ein ähnliches Interesse für Naturschutzbelange beobachteten sie auch bei ihren Schülern, so Rogowski. Etwa 50 waren es bisher insgesamt, immerhin, wo doch der einzige reine Fliegenfischerverein in der Region Fario e.V. rund 100 Mitglieder zählt. Der älteste Flyrus-Schüler war über 60, der jüngste neun Jahre alt. Rund ein Drittel sind Frauen. Stäblein: „Fliegenfischen wirkt kompliziert, ist es aber nicht. Und das Werfen hat ja etwas Graziles.“
Die Fliegenfischer fallen jedenfalls auf, wenn sie auftauchen. Am Flutgraben werden sie von Anglern wie Passanten beobachtet. Ein Junge schlendert mit seiner Angel herüber. Ob sie diese Wurftechnik von Indiana Jones gelernt hätten, fragt er, lässt sich dann aber bereitwillig die Technik erklären. Simon Stäblein erzählt, wie er einmal früh morgens auch an dieser Stelle mit einem Fisch beschäftigt war. Kaum hatte er das Jungtier vom Haken befreit, da ertönte auf der Oberen Freiarchenbrücke lauter Applaus. Stäblein drehte sich um und staunte: „Die ganze Brücke“, sagt er und lacht bei der Erinnerung, „war voller Menschen, die gerade aus dem Club kamen und mir zusahen.“
Für Infos oder Kursanmeldungen: www.fliegenfischen-berlin.de oder info@fliegenfischen-berlin.de , zum Fliegenfischerverein: www.farioev.de

