Zwangsarbeit im Nationalsozialismus – 26 Millionen Menschen haben gegen ihren Willen im Deutschen Reich arbeiten müssen, allein in Berlin sollen es rund eine halbe Million Menschen gewesen sein, verschleppt aus den besetzten Gebieten. Der Verein „Denk mal an Berlin“ hat sich des Themas angenommen. „Wir wollen das Bewusstsein für den Denkmalschutz in Berlin fördern und das Bewusstsein der Jugend für solche Themen schärfen“, sagt Vorstandsmitglied Elisabeth Ziemer, die ehemalige Bürgermeisterin von Schöneberg.
Unterstützt vom Dokumentationszentrum Zwangsarbeit und dem Museum Neukölln ist ein „Materialkoffer Zwangsarbeit“ entstanden, den sich Schulen, Jugend- oder Kirchengruppen, aber auch andere Interessierte ausleihen können. Damit kann thematisch eine Doppelstunde Unterricht, aber auch eine Projektwoche gefüllt werden. Am Donnerstag wurde der Koffer, den es in drei Exemplaren gibt, im Geschichtsspeicher des Museums Neukölln vorgestellt. Getestet haben ihn Schüler der Clay-Oberschule.
Maschendraht, verrostete Nägel
Der Holzkoffer enthält Original-Funde von damals, beispielsweise ein Stückchen Maschendraht, Betonreste und verrostete Nägel vom KZ-Außenlager am Columbiadamm. Es gibt aber auch Reproduktionen, Fotos, Dokumente, Aufnäher für die Kleidung mit „Ost“ und „P“, für die polnischen Zwangsarbeiter. Auch ein winziges Stückchen Seife, das drei Monate reichen musste und dessen Verteilung keine Selbstverständlichkeit war, ist im Koffer, ebenso ein Rosenkranz, die Flucht-Zeichnung eines holländischen Zwangsarbeiters. Auf der kopierten Bauakte vom einstigen Barackenlager in Rudow können Interessierte erkennen, wie solch ein Lager aufgebaut und wie beengt alles war. 3000 Lager, in denen diese Menschen kaserniert wurden, sind in Berlin bekannt. In Neukölln sollen es rund 40 gewesen sein.
Dort auf dem einstigen Firmensitz der Eternit AG an der August-Froehlich-Straße Ecke Neudecker Weg soll bald ein Neubau für die Clay-Oberschule entstehen. Sie wartet seit 25 Jahren auf einen Ersatzbau. Das alte Gebäude an der Lipschitzallee, wo die Schule 1989 wegen Asbestbelastung ausziehen musste, ist längst abgerissen. Die Ersatz-Container am Bildhauerweg in Rudow, die die inzwischen 1100 Schüler der achtzügigen Integrierten Sekundarschule mit gymnasialer Oberstufe nutzen, waren laut Schulleiter Lothar Semmel eigentlich nur für fünf bis zehn Jahre gedacht. Doch bevor der Schulneubau jetzt endlich beginnt, muss auf dem Grundstück die noch vorhandene Wirtschaftsbaracke des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers vorsichtig zurückgebaut werden. Sie ist nach Auskunft der Neuköllner Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) mit Schadstoffen kontaminiert. Die archäologische Grabung soll im September beginnen.
Der Bezirk lässt sich die Arbeiten und die Dokumentation 400.000 Euro kosten. Der Materialkoffer sei Teil dieser Verpflichtung, das historische Erbe zu würdigen und zu bewahren. Giffey begrüßt es, dass die Clay-Schüler das Projekt begleiten. „Es ist schon jetzt beeindruckend, was sie mit Hilfe ihrer Lehrer, der Museumspädagogen und Denkmalschützer zusammengetragen haben“, so Giffey. Für den Neubau werde der Wettbewerb vorbereitet. Anfang 2015 sei geplant, dass die Jury entscheide, wie der neue Schulbau aussehe. Dem historischen Ort müsse der Entwurf gerecht werden.
Koffer-Ausleihorte: www.denk-mal-an-berlin.de; www.dz-ns-zwangsarbeit.de, www.museum-neukoelln.de

