„Viele Jahre haben die Berliner Klubs Hip-Hop-Veranstaltungen komplett abgelehnt“, sagt Ben Salomo: „Das Risiko, dass es unter den Zuschauern zu Ausschreitungen kommt, war einfach viel zu groß.“ Die meisten Klubs seien so zu einem Electro- oder House-Musikprogramm übergegangen. „Aber jetzt wandelt sich das wieder. Hip-Hop ist wieder gefragt.“
Ben Salomo ist 35 Jahre alt. 1998 initiierte er im Kellerraum der Tempelhofer Ufa-Fabrik eine „Open Mic“. Veranstaltung, die später zu einem offenen Rap-Wettkampf wurde. Per Handzeichen kommen zwei Zuschauer auf die Bühne. Mit möglichst originellen und gleichzeitig vernichtenden Zeilen gilt es den Gegner verbal in die Knie zu zwingen. „Hip-Hop hat seinen Ursprung in den afroamerikanischen Gettos der Siebziger.
Rap und Breakdance entstanden, um Rivalitäten friedlich beizulegen, um angestaute Energien über andere Kanäle als Gewalt rauszulassen.“ Statt der Fäuste entscheiden beim „Rap Battle“ die klatschenden Hände des Publikums über Sieg oder Niederlage. 1998 war ein junger Rapper namens Sido bei der Veranstaltung mit dabei, die Ben Salomo nach der 80er-Jahre-Kinderserie „Spaß am Mittwoch“ „Rap am Mittwoch“ (RaM) nannte. „Rap am Mittwoch, kommt alle mit. Doch wenn ihr mit Hip-Hop nichts zu tun habt, müsst ihr gehen“, rappte Sido damals spontan. Heute eröffnen und beenden diese Zeilen jeden RaM. Sido ist heute 32 Jahre alt, zweifacher Echo- und vierfacher Comet-Preisträger. Sechs seiner Alben und Kollaborationen haben in Deutschland Gold-Status erreicht.
„2000 wurde der Ufa-Halle der „Rap am Mittwoch“ zu groß. Auch gefielen denen das Publikum nicht, das wir anzogen“, sagt Salomo. Er legte die Veranstaltung auf Eis, arbeitete für ein polnisches Hip-Hop-Modelabel. Turnschuhe, weite Oberteile, weite Hosen. Im Hip-Hop gilt es lässig und cool zu sein. Der Szenebegriff für diesen Stil „Swag“ wurde 2011 zum Jugendwort des Jahres. Salomo schlug der Modefirma vor, seinen „Rap Battle“ wiederzubeleben. „Weil er eine gute Plattform ist, die Klamotten zu präsentieren“, sagt der Schöneberger. 2010 startete er die Neuauflage des „Rap am Mittwoch“ im „Calabash Club“ an der Veteranenstraße. Mittlerweile ist der Wettbewerb dem Veranstaltungsort in Berlin-Mitte entwachsen. Rund 700 Zuschauer finden sich nun zweimal im Monat im Kreuzberger „Bi Nuu“-Klub ein. „Man kann in Berlin wieder fast täglich auf eine Hip-Hop-Veranstaltung gehen“, sagt Salomo. Jeden Dienstag gibt es den „Swag Jam“ im „Badehaus“ in Friedrichshain, jeden ersten Samstag im Monat die „End of the Weak Challenge“ im „Cassiopeia“ – ebenfalls in Friedrichshain. Und der Kreuzberger Klub „Ritter Butzke“ mischt Hip-Hop mit elektronischen Klängen, feiert „Bass macht den Beat“-Partys.
Ein friedlicher Kampf
Salomo sagt, er fühle sich für diese Entwicklung mitverantwortlich. Er habe mit der Neuauflage des Rap am Mittwoch gezeigt, dass Hip-Hop-Veranstaltungen in Berlin wieder funktionieren würden. Friedlich funktionieren. „Ich erinnere bei jedem RaM daran, dass man sich nach einem Battle umarmt. Dass viel Mut dazu gehört, auf die Bühne zu gehen. Dass man Respekt zeigt.“
Mittwochs, 21 Uhr im „Bi Nuu“ im Schlesischen Tor. Das Publikum ist durchschnittlich zwischen 18 und 25 Jahre alt. Schirmmützen, große goldene Ohrringe und geblähte Kaugummiblasen. Frauen sind in der Minderheit, werden nach vorne in die erste Reihe gebeten. Ben Salomo moderiert. „Guckt mal nach links, guckt mal nach rechts“, fordert er auf: „Seht ihr da Menschen, die ihr nicht kennt? Dann gebt ihnen die Hand. Wir werden heute alle Freunde!“ Wenig später rappen Teenager und Anfang 20-Jährige über ihre eigene Größe, die Größe ihrer Geschlechtsteile, die Berliner S-Bahn, Atomkrieg und Angela Merkel.
Moustapha Traoré ist einer von ihnen. Der 23-Jährige wohnt im Norden Kreuzbergs in einer WG, die ihm seine Eltern finanzieren. „Mit dem Rappen habe ich in der Schule angefangen. Wir haben Zettel mit Reimen rumgegeben, die wir immer weiter geschrieben haben. Irgendwann bin ich dann zu ‚Open Mic‘-Veranstaltungen gegangen.“
Seit 2010 nimmt der Kultur- und Technikstudent als Main Moe an fast jedem Rap am Mittwoch teil. Auf einer Kommode in seinem Schlafzimmer sammelt er die dort gewonnenen Preise. „Die Platinen der Trophäen sind aus echtem Gold“, sagt Moustapha. „Diese hier hab ich für die Begegnungen mit Atzenkalle bekommen.“ Atzenkalle heißt bürgerlich Max, ist 22 Jahre alt und studiert Jura. „Du hast zu wenig Synapsen in deinem Spatzenhirn“, rappt Main Moe ihm auf der Bühne entgegen. „In deiner Crew sind nur Stricher, nennt euch doch Barcode“, kontert Atzenkalle. Das Publikum jubelt. Auch privat treffen sich die jungen Rapper häufiger. „Wir unterstützen uns, wo wir können“, sagt Moustapha.
In Moustaphas WG-Küche stehen frische Tulpen auf dem Tisch. Die Rapper essen geschälte Möhren aus einer Tupperdose. Moustapha setzt Tee auf: „Beim Battle steht das Publikum hauptsächlich auf Beleidigungen und Situationskomik. Es wird immer schwieriger, Zeilen mit Gewicht zu rappen.“ Max pflichtet ihm bei: „Ich bekomme auf Facebook viele Zuschriften von Leuten, die mich dafür abfeiern, wenn ich die Eltern Berliner Rapper in immer neuen Variationen mit meinem Genital erniedrige.“ Max lacht. „Fans nimmt man natürlich immer dankbar mit. Aber bei manchen denk ich mir auch: Ey, Leute das sind nur Metaphern. Das ist nur Spaß.“
Warum man sich beim Rap auf der Bühne gegenseitig beleidigt? „Das ist ein Ventil“, sagt Moustapha. Max ergänzt: „Außerdem ist doch das ganze Leben ein Battle. Auch wenn man morgens vor dem Kleiderschrank überlegt, was man anziehen soll, ist das ein Battle. Es geht immer darum: Wie kann ich besser sein als du?“
2012 hat Moustapha als „Main Moe“ die meisten „Rap am Mittwoch“-Battles gewonnen. Täglich schreibe er ein, zwei Stunden Rap-Texte. „Direkt von meiner Couch. Niemand hält mich auf. Lieber geh ich drauf. Rap kidnappte mich und verriegelte den Raum. Doch meine Zukunft sieht riesig aus. Passt niemals in dieses winzige Haus“, heißt es in „Lebemann“, einem seiner jüngsten Songs. „Meine Message ist eigentlich immer: Das Richtige tun. Auf sein Umfeld achten. Das wird einem auch beim ‚Rap am Mittwoch‘ vermittelt.“
Schluss mit Feiern
Das Richtige tun bedeutet für Moustapha momentan, nicht jedes Wochenende feiern zu gehen: „In der Schule war man nach fünf Tagen Unterricht immer so platt, dass völlig klar war: Am Freitag köpft man eine Flasche.“ Heute seien viele in seinem Umfeld erwerbslos. Trinken beschränke sich nicht mehr nur auf das Wochenende. Das sei nicht so cool. „Ich brauchte jetzt einen wirklichen Anlass zum Feiern“, sagt Moustapha. Dann lenkt er ein: „Aber diese Ansicht ist noch frisch. Ich habe erst vor drei Wochen aufgehört zu kiffen und zu saufen.“
Ben Salomo glaubt, dass der eine oder andere der regelmäßigen Teilnehmer von „Rap am Mittwoch“ wie einst Sido einem Plattenvertrag bekommen wird. „Bei dem Potenzial ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich jemand herauskristallisiert.“ Rapper, die neben der Musik noch eine bürgerliche Karriere und Familie haben, sind für Moustapha Vorbilder. Für Max ist das Rappen in erster Linie Hobby.
„Aber natürlich ist es ein Traum, damit mal Geld verdienen zu können.“ Erst mal aber wolle er nun, ohne dass ihm eine Plattenfirma rein rede, „sein Ding machen“. Mit zwei seiner „Rap am Mittwoch“- Kontrahenten hat er sich zur Band Egoland zusammengeschlossen. Ihr dritter Videodreh steht kurz bevor.

