Fast zehn Monate lang war der zweite Chefposten in der grünen Fraktion des Abgeordnetenhauses vakant, weil sich die zerstrittenen Flügel nicht auf einen Kandidaten einigen konnten. Schließlich erklomm im Oktober vergangenen Jahres Antje Kapek den Posten neben Ramona Pop. Erstmals stehen damit zwei Frauen an der Spitze der Grünen-Fraktion in Berlin. Nicht wenige zweifelten am Gelingen der Personalie. Kapek, gerade erst frisch ins Abgeordnetenhaus gewählt, galt als unerfahren und Vertreterin des linken Flügels der Partei, der zuvor allzu oft quergeschossen und die Fraktion in peinliche Streitigkeiten verwickelt hatte.

Doch fünf Monate später haben sich diese Zweifel weitgehend zerstreut. Nach Monaten der lustvollen Selbstzerstörung ist zumindest äußerlich Ruhe beim Oppositionsführer im Abgeordnetenhaus eingekehrt.

Die Doppelspitze – nur die Berliner Fraktion leistet sich bei den Grünen noch dieses Relikt aus alten Tagen – hat zusammengefunden. Ramona Pop gilt als Prima inter Pares, sie hält die wichtigen Reden, in denen es gegen den Senat und vor allem den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) geht. Kapek setzt weiter ihre Schwerpunkte in der Stadtentwicklung. Nach dem ersten Jahr des Zauderns nach dem neuerlichen Scheitern der Koalitionsverhandlungen mit der SPD hat der Pragmatismus bei den Grünen doch noch die Oberhand gewonnen.

An diesem Freitag soll der eingeschlagene Weg fortgesetzt werden. Die Grünen treffen sich zu ihrer alljährlichen eintägigen Winterklausur im Abgeordnetenhaus. Es gilt, die bestimmenden Themen des Jahres zu besprechen: den Haushalt und den Wohnungsbau.

Mit der Haushaltsexpertin Ramona Pop und der Stadtentwicklerin Antje Kapek steht der Fraktion das passende Doppel für die Klausur vor. Pop, gestählt aus endlosen Haushaltsberatungen im Abgeordnetenhaus, hat das große Ganze im Blick. Wohin steuern die Finanzen der Stadt angesichts des Flughafendesasters, des Investitionsstaus, der Schuldenbremse und des auslaufenden Länderfinanzausgleichs. Kapek, auf der anderen Seite, legt ein umfangreiches Papier zur Stadtentwicklung vor. „Wo muss was und unter welchen Voraussetzungen gebaut werden, damit sich die Situation auf dem Wohnungsmarkt entspannt“, fragt sie. Wie können neue Modelle des sozialen Wohnungsbaus aussehen und finanziert werden?

Dass es mit den beiden Frauen an der Spitze so geräuschlos klappt, war nach der Vorgeschichte nicht abzusehen. Der linke Flügel hatte die Fraktion bis zur Zerreißprobe gespalten. Nach der Wiederwahl des amtierenden Fraktionschefs Volker Ratzmann erkannte die Gruppierung die Wahlen nicht an. Ratzmann verließ entnervt das Abgeordnetenhaus und wechselte als Repräsentant in die Berliner Vertretung Baden-Württembergs unter dem neuen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann.

Auf einen Nachfolger konnten sich die Grünen lange nicht verständigen, alle Kandidaten scheiterten an der nötigen Mehrheit. Schließlich wurde Kapek gefragt, die sich nach einer Bedenkzeit zur Wahl stellte. Mit der Wahl der 36-Jährigen wähnten die Linken zudem eine von ihnen an der Fraktionsspitze. Doch Kapek stellte sich schnell als Pragmatikerin heraus. Wie so vielen der jüngeren Abgeordneten sind ihr die Grabenkämpfe zwischen den Flügeln eher fremd und vor allem lästig.

Lupenreine Biografie

Sie kann sich zudem ihre unabhängige Haltung leisten. Im Gegensatz zu den meisten Kreuzberger Grünen verfügt sie über eine lupenreine Kreuzberger Biografie. Der Vater war dort ein Grüner der ersten Stunde, die Mutter hausbesetzende Punkerin. Von der linken Flanke hat sie nichts zu fürchten, wenn sie sich auch der klüngelhaften Konspiration der Fundis entzieht. Das passt gut zur Haushaltsexpertin Pop, die in Rumänien geboren wurde, in Münster studierte und in Berlin ihr Diplom machte. Seit zwölf Jahren sitzt sie im Berliner Abgeordnetenhaus, seit 2009 ist sie Fraktionschefin. Sie gilt als die kommende Spitzenkandidatin der Partei.

Doch bis es so weit ist, müssen die großen thematischen Linien vorgegeben werden, die das Jahr bestimmen werden. Im Mittelpunkt der Klausur am heutigen Freitag stehen das öffentliche Personal und der Haushalt. „Wenn wir nichts unternehmen, haben wir bald deutlich weniger als die vom Senat beschlossenen 100.000 Stellen im öffentlichen Dienst“, klagt Ramona Pop. Doch schon jetzt sei das Personal an vielen Stellen knapp. Dringend nötig sei deshalb, ein Personalkonzept vorzulegen, um wegen der starken Überalterung des öffentlichen Dienstes die Behörden arbeitsfähig zu halten. Zudem müsse den Mitarbeitern eine verlässliche Perspektive gegeben werden, wie ihr Lohn in den kommenden Jahren an den Bundesdurchschnitt angepasst werden soll. „Das allein nach Kassenlage zu entscheiden, geht nicht“, sagt Pop.

Auch die Finanzen stehen auf dem Arbeitsplan der Fraktion an diesem Freitag. Wie kann es gelingen, den Haushalt bis zum Jahr 2018 fit zu bekommen, wenn der Länderfinanzausgleich und andere Bundeshilfen auslaufen? Gleichzeitig wird in Berlin zu wenig investiert. Die Schulen sind marode, die Straßen voller Schlaglöcher. „Die Infrastruktur in Schuss zu halten bedeutet, nicht nur Großprojekte wie den Großflughafen zu verfolgen, sondern die allgemeine Infrastruktur zu pflegen“, sagt Pop.

Es gehe darum, mit dem Geld solide zu wirtschaften. Der grüne Finanzexperte Jochen Esser hatte das zuletzt bezweifelt. Wenn für den künftigen Hauptstadtflughafen BER schnell 500 Millionen Euro im Haushalt gefunden würden, spreche das gegen eine stringente Haushaltsführung, so Esser. Dabei seien Spielräume durchaus vorhanden. Etwa 300 Millionen Euro stehen nach Ansicht der Grünen für eine Schwerpunktsetzung bereit. Ein Großteil davon soll nach dem Willen der Fraktion in den Wohnungsbau fließen. 100 Millionen Euro sind demnach jedes Jahr nötig, um angesichts der wachsenden Bevölkerungszahlen und steigender Mieten ausreichend bezahlbare Wohnungen zu bauen. Möglicherweise soll der Betrag nach dem Willen der Grünen auch größer ausfallen, sollten sich Partei und Fraktion dazu entschließen, den Wohnungsbau noch mehr in das Zentrum der künftigen Politik zu stellen.

Auch darüber werden die Fraktionäre sprechen. „Danach gehen wir einen trinken“, kündigt Kapek an. Sie selbst bleibt bei Mineralwasser und Tee: Die Fraktionschefin ist schwanger.