An der Pforte fehlt die erste Ziffer der Hausnummer. Im Garten liegen Spielsachen verteilt. Im Flur stehen diverse Kinderwagen und Schuhe in Größe 22 bis 42. Es ist nicht alles perfekt hier, in dem kleinen Einfamilienhaus in Kladow, aber darauf kommt es im Leben von Claudia und Martin Urban auch nicht an. Würden sie nach Perfektion streben, dann ließe sich ihr Alltag mit sechs Kindern wohl kaum stemmen. Die Urbans sind Pflegeeltern. Zu ihrer Familie gehören die zwei eigenen Söhne Henrik (15) und Nico (12), die zwei Halbschwestern Ivonne (7) und Anne* (4), die als Babys zu ihnen kamen. Und seit einigen Monaten leben auch noch Joschi* (15 Monate) und Vanessa* (neun Monate) hier. Und dann gibt es noch Paula, den Beagle.

Claudia Urban hat sich immer eine große Familie gewünscht. Mit Anfang 20 bringt sie ihre beiden Söhne zur Welt. Danach kann sie keine weiteren Kinder bekommen. Ein Schock für die junge Frau. Aber es entspricht nicht ihrem Naturell, mit dem Schicksal zu hadern. Sie sucht lieber nach Lösungen. 2004 besucht sie mit ihrem Mann einen Info-Abend für Pflegeeltern. Sie überlegen lange. "Es ist ja eine Entscheidung fürs Leben", sagt die heute 36-Jährige. Aber der Wunsch für Kinder da zu sein, die plötzlich ihre Familie verloren haben, die vernachlässigt oder gar misshandelt wurden, ist groß. Die Urbans sagen bei der Wadzeck-Stiftung zu, die in Spandau für die Vermittlung von Pflegekindern zuständig ist. Sie besuchen sechs Monate lang einen Kurs für Pflegeeltern, es gibt Gespräche und Überprüfungen.

Kind einer Alkoholikerin

Ivonne kommt 2006. Acht Monate ist sie alt. Die Mutter trank, das Kind kommt mit einer Alkoholschädigung auf die Welt. Wie stark sie ist, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen. "Ach, das wird schon nicht so schlimm sein", sagt sich Claudia Urban, als sie Ivonnes Vorgeschichte erstmals hört. Mit diesem Wird-schon-Gefühl, mit einer ordentlichen Portion Neugier und ganz viel Aufregung im Bauch fahren die Urbans damals nach Wartenberg, wo Ivonne kurzzeitig bei einer anderen Pflegefamilie untergekommen ist. Claudia Urban sieht den Moment der ersten Begegnung noch genau vor sich: "Ivonne lag im Laufstall. Wir schauten uns an und auf einmal lastete diese Riesenverantwortung auf mir: Du und ich - die nächsten 18 Jahre?" Richtig als "ihr" Kind sieht Claudia Urban das Mädchen erst, als es zum ersten Mal in ihrem Haus in Kladow ist und als sie das Leben ihrer Pflegeeltern in den nächsten Monaten auf den Kopf stellt.

Ivonne ist eines von 2700 Pflegekindern, die in Berlin leben. 700 Kinder wurden im vergangenen Jahr an eine Pflegefamilie vermittelt, für 700 weitere Kinder konnten keine Pflegeeltern gefunden werden. Sie landeten meist in einem Heim. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden 2011 deutschlandweit 38.500 Kinder und Jugendliche in Obhut genommen, 2100 mehr als ein Jahr zuvor. In den letzten fünf Jahren stieg die Zahl sogar um 36 Prozent.

Berlinweite Werbeaktion

Um neue Pflegeeltern zu gewinnen läuft gerade berlinweit eine Plakataktion unter dem Slogan "Pflegekinder bringen Lebendigkeit in die Familie". Mit der Kampagne sollen auch Singles, gleichgeschlechtliche und unverheiratete Paare angesprochen werden. "Es wird zunehmend schwieriger, geeignete Menschen zu finden, die diese Aufgabe übernehmen wollen", sagt Bärbel Greven von der Wadzeck-Stiftung. Die Anforderungen an Pflegeeltern seien gestiegen und die Perspektive, wie lange das Kind bleibt, werde immer unklarer. Noch Jahre später könnte es passieren, dass das Pflegekind in seine Ursprungsfamilie zurückgeführt wird. Für Pflegeeltern eine hohe Belastung. Bei Ivonne müssen die Urbans nicht damit rechnen, dass sie die Familie wieder verläst. Für die heute Siebenjährige haben die Pflegeeltern das Sorgerecht. Doch es leben noch drei weitere Pflegekinder in der Familie.

Bei einem Pflegekind wollten es die Urbans nicht belassen: "Ivonne ist so ein Sonnenschein - sie hat uns Lust auf mehr gemacht", erzählt Claudia Urban. Sie erinnert sich noch daran wie ihre Freundin damals im Spaß zu ihr sagt: "Das ist bei dir mit den Pflegekindern wie Tattoo-Stechen. Hat man eines, will man mehr." Es ist ein Zufall, dass Ivonnes Mutter gerade in dem Moment wieder schwanger wird, als die Urbans ihr Interesse für ein weiteres Pflegekind signalisieren. Schon während der Schwangerschaft ist klar, dass die Mutter auch dieses Kind nicht behalten wird. So holen die Urbans 2008 Anne direkt nach der Geburt aus dem Krankenhaus ab, erst fünf Tage ist sie da alt.

Inzwischen ist die Familie noch größer geworden. 2010 entschließen sich die Urbans, zusätzlich Kinder für einen begrenzten Zeitraum aufzunehmen, so haben sie heute noch zwei "Krisenkinder", Joschi und Vanessa. "Die Kinder haben es doch verdient, dass sich jemand um sie kümmert", sagt Claudia Urban. Und ihr Mann, der als stellvertretender Leiter eines Supermarktes arbeitet, ergänzt: "Es ist so schön zu sehen, wie die Kinder von Tag zu Tag offener und sicherer werden."

Wer Kinder in einer Krisensituation aufnimmt, muss sehr flexibel sein. "Manchmal kommt ein Anruf und schon wenige Stunden später ist das Kind da", erzählt Claudia Urban. "Manche werden fast nackt gebracht, nur mit einer Windel um den Po, ohne Kuscheltier, ohne einen Nuckel." Aber Claudia Urban hat vorgesorgt. Der Dachboden des Hauses ist eine Art Second-Hand-Boutique für Kinderkleidung. Nach Größe, Geschlecht und Jahreszeit sortiert, hat sie für jedes Alter genug Anziehsachen parat. Im Keller steht ein kleiner Fuhrpark und Windeln gibt es von XS bis XL.

Krisenpflege dauert drei Monate

Eine Krisenpflege sollte längstens drei Monate dauern, spätestens danach sollte geklärt sein, wie es weitergeht. Die Urbans wissen, dass die Realität anders aussieht. Joschi lebt bereits ein Jahr bei ihnen, Vanessa ein halbes Jahr. Joschi hatte bereits im Alter von vier Monaten in vier verschiedenen Familien gelebt, bevor er zu ihnen kam. Auch aus Sicht der Sozialarbeiterin Bärbel Greven dauern die Entscheidungsprozesse oft zu lang. Aber sie kennt auch die andere Seite. Sie kennt Eltern, die kämpfen, die ihr Kind wiederhaben möchten, die ihr Leben ändern wollen, aber es vielleicht nicht schaffen. Es sei schwer, zu entscheiden, wo ein Kind dann besser aufgehoben ist. Auch Claudia Urban kann den Wunsch der Eltern verstehen, und doch denkt sie manchmal, das Elternrecht werde über das Kinderrecht gestellt. Sie hat gelernt, mit den Eltern ihrer Pflegekinder professionell umzugehen: "Ich versuche, sie auf Abstand zu halten, gleichzeitig aber nicht zu verurteilen", erklärt sie.

Der Umgang mit den Eltern ist eine große Herausforderung für Pflegeeltern, die größte ist aber wohl, ein Kind wieder abzugeben. "Wir produzieren Trennungen", sagt Sozialarbeiterin Bärbel Greven, "das Kind wird von einer fremden Frau seiner Familie entrissen und einer anderen fremden Frau in den Arm gelegt." Und hat es sich an die neue Familie gewöhnt, steht womöglich wieder eine Trennung an. "Wenn ich ein Pflegekind abgebe, reißt es mir jedes Mal das Herz heraus", gibt Claudia Urban zu. Aber oft hat sie gar keine Zeit, um sich diesem Schmerz hinzugeben. Einmal hat Claudia Urban ein Pflegekind bei dessen Großeltern abgegeben und auf dem Rückweg hat sie Joschi vom Kindernotdienst abgeholt. Nur drei Stunden lagen zwischen dem einen und dem nächsten Pflegekind. Nur drei Stunden, um sich zu verabschieden und sich auf ein neues hilfsbedürftiges Baby einzustellen. Lachend hebt sie den heute 15 Monate alten Jungen auf den Arm. Humor, sagt sie, hilft über vieles hinweg.

Meist wissen die Urbans gar nicht, was die Kinder schon hinter sich haben. "Unter Schock stehen sie aber immer, selbst wenn sie sich durch angepasstes Verhalten schützen", sagt die Pflegemutter. Das ist auch bei Joschi und Vanessa nicht anders. Claudia Urban hat sich ihnen langsam genähert, erst einmal den Blickkontakt gesucht, bevor sie sie berührt. Sie weiß ja nicht, ob eine Hand vielleicht eine Bedrohung für das Pflegekind darstellt. Die größte Freude ist dann für sie, wenn sie merkt, wie die Anspannung aus den Kindern weicht, wenn sie ihr Lächeln erwidern. "Und nach einer Woche ist es meist schon so, als wäre das Kind schon immer hier gewesen", sagt der 42 Jahre alte Pflegevater.

Besonders die Begegnung mit den anderen Kindern erleichtert das Einfinden in die Familie, haben die Pflegeeltern beobachtet. Wenn Henrik heute von der Schule nach Hause kommt, läuft Joschi freudig auf ihn zu. Der 15-Jährige lässt seine Schultasche fallen und wirbelt den Kleinen durch die Luft. In diesem Moment spielt es keine Rolle, dass die beiden keine "echten" Brüder sind. Auch wenn Joschi und Vanessa bald nicht mehr bei den Urbans leben, vergessen wird die Familie sie nie. "Jedes Kind hat einen Platz in meinem Herzen", sagt Claudia Urban. Wie viele Pflegekinder da noch hineinpassen, wissen die Urbans nicht. Sie wollen noch vielen Kindern ein - zumindest temporäres - Zuhause geben.

Zeit, die fehlende Ziffer an der Gartenpforte zu ersetzen, werden sie da wohl nicht so schnell finden.

* Namen von der Redaktion geändert