Der SPD-Politiker Kurt Exner habe den Arbeitgebern in den westlichen Sektoren der Stadt empfohlen, "Einpendlern, die ihren Wohnsitz im Westsektor begründen wollen, möblierte Wohnungen oder freie Großwohnungen, die in Berlin noch zur Verfügung stünden, zu mieten und Wohnungen zu bauen".
Diese Empfehlung war die Reaktion der demokratisch gewählten Regierung unter Willy Brandt (SPD) auf den zunehmenden Druck, den die SED auf die "Einpendler", im Jargon der ostdeutschen Kommunisten "Grenzgänger" genannt, ausübten. Seit der letzten Juliwoche hatten die Räte der Kreise rund um West-Berlin, die lokalen Verwaltungen, alle bekannten "Grenzgänger" einbestellt und von ihnen meist unfreundlich verlangt, ihren Arbeit im Westen aufzugeben. Wer Interesse zeigte oder wenigstens heuchelte, bekam einen attraktiven Posten im Osten, einen ordentlichen Lohn und oft sogar eine neue Wohnung versprochen. Wer sich aber halsstarrig zeigte oder den Termin gar schwänzte, musste mit Nachstellungen durch die Volkspolizei, Nachbarn oder schlimmstenfalls die Staatssicherheit rechnen.
Angesichts solchen Drucks war es wenig erstaunlich, was die Berliner Außenstelle weiter mitteilte: Von den 238 "Einpendlern", die sich allein in der vorangegangene Woche im Notaufnahmelager Marienfelde als politische Flüchtlinge gemeldet hatten, sei fast jeder zweite so schnell wie möglich in die Bundesrepublik ausgeflogen worden. Darunter hätten sich "sehr wichtige Fachkräfte" befunden. Die "Grenzgänger", die so oft wie niemand sonst mit den Zwängen der besonderen Situation Berlins konfrontiert waren, erwarteten offenbar eine Verschärfung der Situation in der Vier-Sektoren-Stadt.
Da eine solche Abwanderung von Fachkräften aber nicht nur die DDR ökonomisch schwer traf, sondern auch West-Berlin, sorgte sich Exner - und startete eine Umfrage bei West-Berliner Arbeitgebern. Die Ergebnisse allerdings klangen beruhigend: Es gäbe "keine fühlbaren Ausfälle". Entstandene Lücken könnten "durch neue Einstellungen ausgefüllt" werden, berichteten die befragten Unternehmen.
Kaum ernst nehmen konnte man dagegen das Schauspiel, das an diesem Sonnabend vor dem Obersten Gericht der DDR inszeniert wurde. In einem Schauprozess waren angebliche "Menschenhändler" angeklagt, die DDR-Bürger mit Versprechungen nach West-Berlin gelockt und dort zum Bleiben genötigt haben sollten - angeblich im "Auftrag der westdeutschen Rüstungsindustrie". Vor dem Gerichtssaal wurden in Vitrinen angebliche Beweisdokumente präsentiert, doch außer bestellten SED-Claqueuren fanden sich kaum Interessierte ein.
Die eigene Erfahrung vieler DDR-Bürger widersprach den Behauptungen der Propaganda so deutlich, dass die konstruierten Behauptungen über "Menschenhandel" von fast niemandem geglaubt wurden. Denn es war dauernde Erfahrung jedenfalls aller Ost-Berliner und Bewohner des Umlandes, dass es eben keinen "Menschenhandel" gab.
Im Gegenteil prüfte das Notaufnahmelager Marienfelde teilweise sehr genau, ob den Neuankömmlingen der Status als politischer Flüchtling zugestanden werden sollte. Zurückgeschickt wurde zwar niemand, auch wenn er die begehrte Anerkennung nicht bekam. Doch bevorzugte Versorgung mit Wohnraum, einen baldigen Flug in die Bundesrepublik oder andere Unterstützung aus westdeutschen Steuermitteln hing vom Status ab, der keineswegs selbstverständlich war. "Menschenhandel" jedenfalls sah anders aus.
Zusammengestellt von Martin Gätke, Jana Kugoth und Sven Felix Kellerhoff

