Das erste Auto, an das ich mich erinnern kann, war eine Renault Dauphine. Heute würde man von einem Kleinwagen sprechen, obwohl die Dauphine alles hatte, was ein Auto ausmacht: vier Räder, vier Türen, ein Getriebe mit drei Gängen, einen Motor im Kofferraum und einen Kofferraum unter der vorderen Haube. In einer Serie über die schlimmsten Autos aller Zeiten des „Time“-Magazins kam die Dauphine auf den neunten von 50 Plätzen, „das miserabelste Produkt französischer Ingenieurskunst seit der Maginot-Linie“. Wenn man direkt neben dem Auto stand, „konnte man hören, wie es rostete“. Um von null auf Tempo 100 zu beschleunigen, brauchte es über eine halbe Minute und war damit „langsamer als viele landwirtschaftliche Geräte“. Dass mehr als zwei Millionen Exemplare verkauft wurden, erklärte „Time“ damit, wie „verzweifelt die Menschen nach Autos waren, egal welcher Art“.

Ich kann mich noch daran erinnern, welche Geräusche der Motor der Dauphine produzierte, wie ein Asthmatiker bei einem Langstreckenrennen. Ich weiß aber nicht mehr, warum meine Eltern das Auto überhaupt gekauft hatten. Sie hatten beide keinen Führerschein, und ich war erst 14. So stand das Auto im Hof und symbolisierte unseren Anteil am Wirtschaftswunder.

Ab und zu kam ein Bekannter meiner Eltern, der einen Führerschein hatte, vorbei und dann fuhren wir mit der Dauphine zusammen „ins Grüne“, wie meine Eltern es nannten. An den Rhein, ins Bergische Land oder in die Eifel, wo ich mich dann ans Steuer setzen und auf einem Waldweg üben durfte. So lernte ich Autofahren, und hatte schon den Führerschein, noch bevor ich das Abitur gemacht hatte.

Zur Hochschulreife 1966 schenkten mir meine Eltern dann ein richtiges Auto, einen gebrauchten Opel Kadett A, ein eckiges Ding, das zwar nur zwei Türen, dafür aber vier Gänge hatte. Verglichen mit der Dauphine war der Kadett eine Rakete. Ich war quasi vom Propeller- auf Düsenbetrieb umgestiegen. Aber das war auch schon alles. Der Kadett hatte weder Servobremsen noch Servolenkung, keine Klimaanlage, kein Radio und die Fenster wurden gekurbelt. Dafür aber hatte der Kadett Liegesitze, und das war alles, worauf es damals ankam.

Wenn man damals aber „cool“ sein wollte, musste man, obwohl es das Wort noch nicht gab, ein anderes Auto fahren. Am besten einen offenen Jeep oder einen VW Karmann Ghia. Der Käfer war okay, aber nur in der Cabrio-Variante. Und dann gab es noch ein Auto, das man nur selten sah. Und wenn, dann eher im Fernsehen als auf der Straße. Es hatte eine in die Länge gezogene, tropfenförmige Karosserie, mit einer wuchtigen Schnauze und einem elegant abfallenden Heck. Der Saab 96.

Man merkte es dem Wagen an, dass er von einem Flugzeughersteller produziert wurde. Die aerodynamische Form sollte nicht den Luftwiderstand reduzieren und damit den Verbrauch senken, das war damals kein Thema, sie war einfach schön und der Zeit voraus. Während VW das Heckfenster im Käfer vorsichtig vergrößerte, hatte der Saab 96 schon eine Panoramascheibe im Rücken, die den Innenraum optisch größer machte, als er in Wirklichkeit war.

Für damalige Verhältnisse war der Wagen ein Schwergewicht. Er wog fast eine Tonne und hatte einen Vierzylinder-Viertaktmotor mit 1,5 Liter Hubraum, der mehr als 60 PS hergab. Ich legte damals auf Exklusivität keinen Wert. Auf Sportlichkeit auch nicht. Ich kaufte bei C&A ein, fuhr in den Ferien nach Holland ans Meer und saß lieber in einem der Kölner Kaffeehäuser als in einer der Discos, deren Besitzer man kennen musste, um reingelassen zu werden.

Dennoch: Der Saab 96, das wäre mein Auto gewesen! Ich wollte etwas haben, was nicht jeder hat. Etwas anderes, etwas Besonderes. Man nennt es heute Distinktionsgewinn. Deswegen lassen sich junge Frauen piercen und junge Männer tätowieren, bis alle gepierct und tätowiert sind und der Distinktionsgewinn dahin ist. Aber zwischen mir und dem Wunsch nach etwas Besonderem standen meine Eltern. Alles, was sie kauften, musste vor allem praktisch sein. Die Eckbank, in der man auch Wäsche verstauen konnte. Das hässliche, aber praktische Sofa, das man in ein Gästebett verwandeln konnte. Die variable Schrankwand, der ausziehbare Esstisch, die Brücken, die man auf den Teppichboden legte, um den Teppichboden zu schonen. Wenn es damals auch im Westen einen Multifunktionstisch wie in der DDR gegeben hätte, meine Eltern hätten ihn sofort bestellt.

Und da kam ein Saab 96 natürlich nicht infrage. Zu teuer, zu auffällig und vor allem: zu unpraktisch! Zu wenig Platz auf der hinteren Sitzbank, zu niedrig und zu laut. Was sollen da die Nachbarn denken, wenn ich mit so etwas vorgefahren wäre? Zum Trost kauften sie mir einen anderen gebrauchten Opel Kadett, einen mit vier Türen und einem ordentlichen Kofferraum. War der hässlich! Dafür aber praktisch. Danach fuhr ich noch einen Peugeot, einen Citroën und mehrere Japaner.

Irgendwann hatte ich den Saab, den ich nicht haben durfte, vergessen, wie eine Jugendliebe, die sich für einen anderen entschieden hatte. Bis mein Freund Jo und ich zufällig in einem Oldtimer-Magazin über eine Anzeige für einen Saab 96, Baujahr 1977, stolperten. Er hatte lange ungenutzt in einer Garage gestanden, an einigen Stellen etwas Rost angesetzt, war aber im Ganzen in einem passablen Zustand. Zumindest auf den ersten Blick. Jo ist Volvo-Freak. Er besitzt ein halbes Dutzend Schwedenpanzer der Reihe 760 GLE, außerdem zwei Volvo-Bertone-Coupés, die perfekte Symbiose aus schwedischer Muskelkraft und italienischer Schönheit. Der Volvo 760 GLE, sagt Jo, sei „der Rolls-Royce des kleinen Mannes“ gewesen, er wurde noch von Arbeitsgruppen zum Teil in Handarbeit hergestellt. Und er hatte Hinterradantrieb, denn „Frontantrieb, das ist was für Hausfrauen und alleinerziehende Mütter“.

Werkstatt in Reinickendorf

Jo ließ den Saab in seine Werkstatt bringen und instand setzen: Motor, Getriebe, Bremsen, Kupplung. Der TÜV gab seinen Segen, für die Feinarbeit brachten wir den Wagen zu „Stylez & Customs“, einer Werkstatt in Berlin-Reinickendorf, die sich auf besondere Autos und spezielle Kundenwünsche spezialisiert hat. Timo und seine Jungs hatten schon unseren Volvo für die Dokumentation „Deutschland-Safari“ zu einem mobilen Aufnahme-Studio umgebaut; Jörni und Bolle, zwei Airbrush-Künstler, machten aus der „alten Hutschachtel“ ein Kunstwerk. Für den schwedischen Wagen hatten sie sich etwas anderes ausgedacht: außen Perlmuttmetallic, innen Rot. Und am Heck, über dem Saab-Logo, eine rote Welt-Kugel. Sonst nichts. Ein so radikaler Minimalismus verlangt Künstlern, die sich gerne austoben, viel Disziplin ab. „Das Auto hat so viel Charakter, dass wir uns zurückhalten mussten“, sagt Jörni. „Wenn etwas so fein ist, kann man es nicht verfeinern“, meint Bolle.

Nun hab ich also meinen Saab, den ich schon vor 40 Jahren haben wollte. Und wie ist es, wenn man sich so einen Wunsch erfüllt? Seltsam. Einerseits ist es tatsächlich so, als würde man seine Jugendliebe wiedertreffen. Sie hat sich herausgeputzt, aber sie ist nicht jünger geworden. Die Uhr lässt sich nicht zurückdrehen. In einem VW Polo steckt heute mehr Technik als in einem Mercedes 220 aus den 60ern. Ohne Servolenkung, Servobremsen und Klimaanlage zu fahren, vermittelt dem Fahrer ein sehr authentisches Gefühl, ist aber auch anstrengend. Einmal Ein- und Ausparken kostet so viel Kraft wie zehn Liegestütze.

Andererseits merkt man, auf wie vieles man problemlos verzichten kann – elektrische Fensterheber, Navigationsgerät. Muss alles nicht sein. Dafür gibt es tatsächlich einen Distinktionsgewinn. Jeder Stopp an einer Ampel zaubert ein Lächeln auf die Gesichter der Passanten. Das schaffen sonst nur kleine Kinder und junge Hunde.

Ich würde mit meinem Saab nicht von Berlin nach Neapel fahren. Aber ein Auto ist nicht nur dazu da, von A nach B zu kommen. Es ist auch Lustobjekt. Wie ein Schmuckstück, das man nicht trägt, weil es zu wertvoll ist. Man schließt es in einen Safe oder stellt es in eine Vitrine. In jedem Fall sollte man nicht lange warten, wenn man sich einen Wunsch erfüllen will. Es stimmt: Alte Liebe rostet nicht. Aber anstrengend kann sie schon werden.

Henryk M. Broder zählt zu den renommiertesten Publizisten Deutschlands. Die Arbeiten an seinem Saab wurden von einem Kamerateam begleitet und werden in der Sendung „Auto Mobil“ auf Vox gezeigt. Sendetermine: 20., 27.10. und 3.11., jeweils um 17 Uhr.