Jerusalem

Welle der Gewalt in Nahost ebbt nicht ab

Israelis und Palästinenser kommen nicht zur Ruhe. USA schalten sich ein

Jerusalem.  Die gewalttätigen Aus-einandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern sind am Wochenende unvermindert heftig weitergegangen. Bei Anschlägen und Zusammenstößen gab es erneut Tote und Verletzte. US-Außenminister John Kerry zeigte sich "zutiefst besorgt" über die Entwicklung, er telefonierte mit Israels Premier Benjamin Netanjahu und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas.

Einer der Brennpunkte war erneut der Grenzzaun zwischen Gaza und Israel. Dort hielten Demonstrationen junger Palästinenser den dritten Tag in Folge an. Bereits an den Vortagen hatte die Menge versucht, die Grenzbefestigung zu stürmen. Israels Militär drängte sie zum Teil mit Schüssen zurück. Neun Palästinenser wurden getötet, 90 weitere wurden verletzt. Der jüngste Tote war erst 13 Jahre alt.

Auch die Serie von Messerangriffen und Attentatsversuchen von Palästinensern ging weiter. Auf einer Fernstraße in Nordisrael wurden am Sonntag drei Menschen durch einen jungen israelischen Araber verletzt, berichtete die "Jerusalem Post". Bereits am Samstag waren in Jerusalem fünf Israelis bei Messerattacken verletzt worden, die Angreifer wurden erschossen.

Nahe Jerusalem zündete eine Palästinenserin zudem in ihrem Fahrzeug einen Sprengsatz. Sie wurde schwer, ein Polizist leicht verletzt. Regierungschef Netanjahu ließ mehrere Hundert Grenzpolizisten mobilisieren. Sie sollen für mehr Sicherheit in Jerusalem und in gemischten arabisch-jüdischen Städten sorgen.

Im Gazastreifen starben am frühen Sonntagmorgen eine schwangere Frau und ein zweijähriges Mädchen bei einem Luftangriff der israelischen Armee. Die Soldaten zielten offenbar auf eine benachbarte Waffenproduktionsstätte der Hamas und brachten ungewollt das Wohnhaus von Mutter und Tochter zum Einsturz. Nach israelischer Darstellung war der Militärschlag eine Reaktion auf Raketenbeschuss aus dem palästinensischen Küstengebiet.

US-Außenminister Kerry bietet Unterstützung an

Die Lage müsse wieder unter Kontrolle gebracht werden, appellierte US-Außenminister Kerry an Israels Premier Netanjahu und Palästinenserpräsident Abbas. Es sei jetzt wichtig, "mit Worten und Taten den Status quo aufrechtzuerhalten", meinte Kerry und bot seine erneute Unterstützung an.

Unruheherd der aktuellen Krise ist der Tempelberg, der schon voriges Jahr im Zentrum heftiger Auseinandersetzungen stand. Israels Regierung hatte mehrfach versichert, nicht am Status quo zu rühren, trotzdem hält sich das Gerücht unter Palästinensern, Israel wolle die Muslime von dort vertreiben.

In der angespannten Lage spielten soziale Netzwerke eine zentrale Rolle, sagt Harel Chorev, Nahost-Experte an der Tel Aviver Universität. Vor allem die Hamas im Westjordanland greife auf die Massenkommunikation per Internet zurück. Facebook, Twitter aber auch Smartphone-Apps dienten den Islamisten "sowohl zur Propaganda als auch bei der Organisation der Proteste". Chorev berichtet von manipulierten Videos, mit denen die Extremisten ihre Anhänger aufhetzten.

Laut der Zeitung "Haaretz" gehen israelische Nachrichtendienste davon aus, dass die palästinensische Führung alles unternimmt, um den Konflikt zu beruhigen. Die palästinensische Polizei habe zugesagt, Auseinandersetzungen zwischen Soldaten und Demonstranten zu unterbinden. Obwohl sich in nahezu jedem zweiten Haushalt im Westjordanland eine Pistole befinden soll, ist in der akuten Krise bislang ein einziges Mal Gebrauch von Schusswaffen gemacht worden. Nachdem die zweite Intifada "für die Palästinenser in einem kompletten Chaos endete", so Nahost-Experte Chorev, blieben die Kampfmethoden vorerst relativ harmlos.

Für die palästinensische Führung sei es von großem Interesse, weitere Eskalationen auszuschließen – auch mit Blick auf den innenpolitischen Konflikt in den Palästinensergebieten. Gewalt zahle sich erfahrungsgemäß nur für die Extremisten der Hamas und des islamischen Dschihad aus, sagt der Experte. Für Palästinenserpräsident Abbas und seine Sicherheitskräfte "geht es jetzt darum, die Demonstranten aufzuhalten, ohne sich den Zorn der Straße zuzuziehen".

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