Der rechte Mob und mit ihm viele Bürger zeigen in Heidenau offen ihren Ausländerhass. Als am Freitagabend die ersten Flüchtlinge in einem ehemaligen Baumarkt in der Kleinstadt bei Dresden Quartier beziehen wollen, versammeln sich Hunderte Menschen auf den Straßen der Kleinstadt zum Protest. Die rechtsextreme NPD hat dazu aufgerufen. Doch beileibe nicht alle Anwesenden gehören zur rechtsextremen Szene. Auch viele Anwohner haben sich eingefunden.

In dem rund 1000-köpfigen Demonstrationszug durch die Stadt laufen neben, vor und hinter erkennbar Rechten auch scheinbar normale Bürger, darunter auch Frauen mit Kinderwagen und Kinder. Eine Frau schwenkt die schwarz-weiß-rote Flagge des untergegangenen Deutschen Kaiserreichs. Zwei andere bekunden auf einem großen Transparent, dass sie auf Asylbewerber hier in der Sächsischen Schweiz bestens verzichten können. So empfängt Heidenau Menschen, die vor Krieg und Not aus ihren Heimatländern flohen.

Unter den Demonstranten sind Neonazis und sogenannte normale Bürger
Unter den Demonstranten sind Neonazis und sogenannte normale Bürger © dpa | Marko Förster

Heidenau ist eine kleine Stadt von etwa 16.000 Einwohnern, von Dresden aus nur wenig elbaufwärts. Die neue Flüchtlingsunterkunft liegt an der von Einkaufsmärkten gesäumten Bundesstraße 172 Richtung Pirna, eigentlich schon etwas außerhalb. In den nächsten Wochen sollen hier bis zu 600 Flüchtlinge unterkommen. Mit Bussen sollten die ersten am Freitagabend ankommen. Viele der Demonstranten laufen nach der Abschlusskundgebung zur Unterkunft. Einige setzen sich auf die Straße. Der Verkehr wird umgeleitet.

Anfangs ist es friedlich. Rechtsextreme und Schaulustige bleiben unter sich, tummeln sich - von Gegendemonstranten unbehelligt - auf der Straße. Bierflaschen liegen umher. Doch am späten Abend heizt sich die Stimmung zu gewalttätiger Randale gegen Menschen und Sachen auf. Teilnehmer der Demo sagen später, bei einigen ihrer Mitstreiter seien „die Sicherungen durchgebrannt“.

Auch Mütter mit Kindern sind unter den Demonstranten
Auch Mütter mit Kindern sind unter den Demonstranten © dpa | Marko Förster

Böller, Steine und Flaschen fliegen auf die Straße, die die Polizei weiträumig abgesperrt hat. Plötzlich erhellen Leuchtkugeln die Nacht. Die Beamten drängen die Menge zurück, setzen dabei auch Pfefferspray und Tränengas ein. Viele Demonstranten laufen weg, doch rechte Hardliner stellen sich ihnen in den Weg: „Stopp, bleibt hier!“ rufen sie. Nach rund einer Viertelstunde beruhigt sich die Szene etwas. Es gibt Verhaftungen und Verletzte, Rettungswagen fahren mit Blaulicht vor. Doch Rechte versuchen immer wieder, die Ankunft der Flüchtlinge zu blockieren.

„Eure Frauen werden alle vergewaltigt“

Das ganze Ausmaß des Fremdenhasses zeigt sich in den Gesprächen oder in dem, was ungehemmt im Sprechchor skandiert wird. Da werden Flüchtlinge als „Schweine“ und „Viehzeug“ beschimpft, da werden völlig aus der Luft gegriffene Bedrohungsszenarien an die Wand gemalt. „Eure Frauen werden alle vergewaltigt, ihr könnt sie nicht mehr schützen“, ruft eine Frau mittleren Alters beschwörend einer Gruppe junger Männer zu.

Am Abend eskaliert die Gewalt - 31 Polizisten werden verletzt
Am Abend eskaliert die Gewalt - 31 Polizisten werden verletzt © dpa | Arno Burgi

Die Männer beobachten - Bierflasche in der Hand - das Geschehen in der Flüchtlingsunterkunft von der gegenüberliegenden Straßenseite aus. Jugendliche singen leise vor sich hin: „Die Reihen fest geschlossen“ - eine Verszeile des verbotenen Horst-Wessel-Liedes der Nazis.

Es fließt viel Alkohol. Eine Gruppe diskutiert über die Rassepolitik der Nazis. Andere vertreiben sich Zeit bis zur Ankunft der Flüchtlinge mit diversen Verschwörungstheorien. Andere artikulieren ohne die geringste Hemmung oder Scham immer wieder, was sie von Asylbewerbern halten. Als viele Anwohner nach Mitternacht nach und nach abwandern, bleibt der rechte Mob noch eine Weile unter sich. Dann löst sich der Spuk auf. Vorerst. Denn die Polizei rechnet auch für den Sonnabend mit Protesten.

Maas: Mit der "Härte des Rechtsstaates wehren"

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) erklärte, die deutsche Gesellschaft dürfe niemals tolerieren, dass Menschen hierzulande bedroht und angegriffen werden und müsse sich mit der „Härte des Rechtsstaates“ wehren.

Am Sonnabendvormittag war es vor der Einrichtung zunächst ruhig. Für den Abend riefen das Bündnis „Dresden Nazifrei“ und die Antifa zu einer Aktion auf. Die Polizei geht nach eigenen Angaben zudem von neuen „Ansammlungen“ vor dem Heim aus. Es wurden mehr Flüchtlinge in der Notunterkunft erwartet.

Der stellvertretende sächsische Ministerpräsident und SPD-Landesvorsitzende Martin Dulig erklärte: „Dass solch blinder Hass und Ablehnung Asylbewerbern entgegenschlägt, welche vor Krieg, Not und Verfolgung geflohen sind, schockiert mich“. Innenminister Markus Ulbig (CDU) betonte: „Wir werden auch die ausufernde Gewalt gegen Polizisten nicht tolerieren und die Straftaten mit aller Konsequenz verfolgen.“

Der Grüne-Innenexperte im Landtag, Valentin Lippmann, kritisierte die Einsatzstrategie der Polizei. Es sei „unbegreiflich“, dass die Polizei – obwohl die Blockaden vor dem Objekt angekündigt waren – offenbar nicht mit ausreichend Beamten vor Ort gewesen sei. So habe sie die Krawalle nur schwer unter Kontrolle bekommen.