Keine Frage, Berlin ist kräftig auf Wachstumskurs. Gerade erst wurde bei der Einwohnerzahl die Grenze von 3,5 Millionen überschritten. Die Prognose von 50.000 Zuzüglern pro Jahr dürfte von der Realität schon bald überholt sein. Doch das rasante Wachstum bringt erhebliche Anforderungen mit sich: Es werden dringend neue Wohnungen gebraucht, selbstverständlich Schulen und Kitas, aber eben auch neue Busse, Züge und leistungsfähigere Bahntrassen.

Während die Politik die Herausforderungen etwa beim Wohnungsbau zumindest erkannt zu haben scheint, lebt sie etwa bei der Bewältigung des Nahverkehrs noch weitgehend von der Substanz, die weitsichtige Verkehrspolitiker vor langer Zeit schufen. Doch gerade bei der Berliner S-Bahn sind bis heute noch nicht die Löcher gestopft, die einst der Weltkrieg und die deutsche Teilung ins Netz rissen. Ideen gibt es viele, um die Leistungsfähigkeit des öffentlichen Nahverkehrs zu verbessern. Neue Trassen für U-Bahn und Straßenbahn gehören dazu, aber auch Vorschläge etwa zum Wiederaufbau der Stammbahn zwischen Berlin und Potsdam oder zur Verlängerung der S-Bahn nach Falkensee oder Velten.

Was fehlt, sind tragfähige Zukunftskonzepte der Landesregierungen von Berlin und Brandenburg: Welche Lücken sollten jetzt geschlossen, welche neuen Strecken gebaut werden? Antworten auf diese Fragen müssen jetzt und nicht irgendwann gefunden werden. Denn die Erfahrung besagt: Beim Bau neuer Verkehrswege vergehen zwischen Planungsbeginn und der Realisierung schnell zehn Jahre und mehr. Brandenburgs Infrastrukturministerin lässt derzeit ausloten, welche S-Bahnverlängerungen ins Umland finanzierbar sind. Und der Berliner Senat prüft erstmals seit vielen Jahren neue U-Bahnprojekte. Den Verkehrspolitikern beider Länder ist dabei dringend der Mut und der Weitblick zu wünschen, den ihre Vorgänger vor fast 100 Jahren schon einmal bewiesen haben.