Brennende Autos, eingeworfene Scheiben, beschmierte Hausfassaden – Berlin hat in den vergangenen Tagen eine heftige Welle mutmaßlich linksextremistisch motivierter Gewalttaten erlebt. Die Täter bezeichnen sie als Reaktionen auf Polizeieinsätze in der Rigaer Straße in Friedrichshain. Im Zentrum steht das Haus Nummer 94, Hort eines linken Wohnprojekts und Bastion des Widerstandes gegen den Staat, gegen Law-and-Order-Politik. Straße und Haus gelten seit Jahren als problematisch und gaben immer wieder Anlass zu politischen Debatten über richtige oder falsche Polizeistrategien und innere Sicherheit.

Doch in diesem Jahr sind die Debatten nicht nur zahlreicher geworden, auch der Ton, in dem sie geführt werden, nahm an Schärfe zu. Das hat etwas mit Wahlkampf zu tun, aber beileibe nicht nur. Und da es nur noch elf Wochen bis zum Wahltermin sind, kann „R 94“, wie die Linken das Gebäude inzwischen nennen, zur Nagelprobe für Innensenator Frank Henkel (CDU) und seine politische Zukunft werden.

Polizeieinsatz an der Rigaer Straße

200 Polizeibeamte sind am Mittwochmorgen zu einem Einsatz an der Rigaer Straße in Friedrichshain ausgerückt.
200 Polizeibeamte sind am Mittwochmorgen zu einem Einsatz an der Rigaer Straße in Friedrichshain ausgerückt.© Steffen Pletl
Sie sichern Arbeiten von Bauarbeitern in dem Haus Rigaer Straße 94.
Sie sichern Arbeiten von Bauarbeitern in dem Haus Rigaer Straße 94.© Steffen Pletl
An der Rigaer Straße war es zuletzt immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen gekommen.
An der Rigaer Straße war es zuletzt immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen gekommen.© Steffen Pletl
Die Polizei beschlagnahmte auch Fahrräder.
Die Polizei beschlagnahmte auch Fahrräder.© Steffen Pletl
Offenbar wurde in dem Haus auch eine Kiste mit Schlagstöcken und eine Waffe gefunden.
Offenbar wurde in dem Haus auch eine Kiste mit Schlagstöcken und eine Waffe gefunden.© Steffen Pletl
Die Untersuchung der gefundenen Gegenstände dauert an.
Die Untersuchung der gefundenen Gegenstände dauert an.© Steffen Pletl
Die Rigaer Straße ist im Bereich der Hausnummer 94 gesperrt.
Die Rigaer Straße ist im Bereich der Hausnummer 94 gesperrt.© Steffen Pletl
Autonome errichteten bei einer Spontandemo an der Kreuzberger Wrangelstraße Barrikaden.
Autonome errichteten bei einer Spontandemo an der Kreuzberger Wrangelstraße Barrikaden.© Thomas Schröder | Thomas Schröder
 Die Polizei war vor Ort.
Die Polizei war vor Ort.© Thomas Schröder | Thomas Schröder
Kurz darauf wurden die Sperren wieder abgebaut. Die Demo löste sich friedlich auf.
Kurz darauf wurden die Sperren wieder abgebaut. Die Demo löste sich friedlich auf.© Thomas Schröder | Thomas Schröder

Es begann im Januar mit der Durchsuchung des Hauses nach einem brutalen Angriff auf einen Polizeibeamten. 500 Polizisten waren an dem Einsatz beteiligt. Oppositionspolitiker und auch Anwohner hielten das für völlig überdimensioniert, Henkel für notwendig. Am 22. Juni wurde das Szeneobjekt dann teilweise geräumt. Wieder waren mehrere Hundert Polizisten im Einsatz, der Hauseigentümer hatte um Unterstützung gebeten. Seitdem gab es Nacht für Nacht Anschläge, überall in der Stadt. Daraufhin richteten Henkel und Polizeipräsident Klaus Kandt die Ermittlungsgruppe „LinX“ mit 14 Beamten ein. Immerhin sind beide Seiten kreativ im Erfinden sinnfälliger Namenskürzel.

Für diese Sonderkommission erntete der Innensenator mehr Kritik als Lob. Sie sei zwar folgerichtig, komme aber viel zu spät, monierte etwa Tom Schreiber, Innenexperte des Koalitionspartners SPD. Monika Herrmann, grüne Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg , nannte sie „durchsichtig“ und „Wahlkampfgewitter“. Bislang wurde noch keine der weit mehr als 100 Taten der vergangenen Tage aufgeklärt. Und dann tauchten auch noch Polizeidaten über linke Aktivisten aus der Rigaer Straße auf einer Neonazi-Internetseite auf. Ein Datenleck in den eigenen Reihen schließt die Polizei nicht aus. Erwiesen ist das nicht. Doch prompt folgten die nächsten politischen Angriffe auf den Berliner Innensenator.

Solidaritätsemo für Rigaer Straße

Solidaritätsdemo für Rigaer Straße zieht durch Kreuzberg

Die Teilnehmer hatten sich am Hermannplatz getroffen.
Die Teilnehmer hatten sich am Hermannplatz getroffen.© Sergej Glanze
Polizisten eskortierten die Demo.
Polizisten eskortierten die Demo.© Sergej Glanze
Die Teilnehmer zeigten ihre Solidarität mit den Bewohnern der Rigaer Straße 94.
Die Teilnehmer zeigten ihre Solidarität mit den Bewohnern der Rigaer Straße 94.© Sergej Glanze
Dort hatte es vergangene Woche einen Polizeieinsatz mit 300 Beamten gegeben.
Dort hatte es vergangene Woche einen Polizeieinsatz mit 300 Beamten gegeben.© Sergej Glanze
Die Demonstranten ließen sich auch von der Hitze nicht bremsen.
Die Demonstranten ließen sich auch von der Hitze nicht bremsen.© Sergej Glanze

Schreiber und Herrmann – und nicht nur sie – fordern von Henkel, Lösungsmöglichkeiten zu präsentieren, warnen vor weiterer Eskalation und mahnen Gespräche zwischen allen Beteiligten an. Schreiber schlägt eine Doppelstrategie aus Repression und Deeskalation vor, ähnlich wie am 1. Mai in Kreuzberg. Und der Innensenator? Er weist die Forderung nach Deeskalation zurück. Die Polizei könne ja wohl nicht höflich fragen, was sie denn tun solle, damit ihre Beamten nicht mehr mit Steinen beworfen werden.

Das kann sie sicher nicht. Doch eine Diskussion darüber, wie eine Strategie, ein Plan für die Rigaer Straße aussehen könnte, ist notwendig. Der sollte sich auch Frank Henkel nicht verschließen. Dabei geht es weniger um seine Profilierung als Innensenator und Spitzenkandidat der CDU, viel wichtiger ist das Lebens- und Sicherheitsgefühl der Berliner. Spätestens die jüngsten Gewaltakte haben gezeigt, dass sich das Thema längst nicht mehr auf Friedrichshain-Kreuzberg fokussiert. Am Freitag hat sich ein breites Bündnis demokratischer Parteien gegen die Alternative für Deutschland (AfD) formiert. Ohne Rechtspopulismus und Linksextremismus vergleichen zu wollen: Könnte dieser Weg nicht Schule machen?