Das Plakat für das Berliner Theatertreffen irritiert auf den ersten Blick: Ein Mensch, ein Modell, eine Maske – Isa Genzkens „Schauspieler“ wirbt für das Festival, das an diesem Freitag startet. Das Motiv weist auf eine Verschmelzung hin: die Grenzen zwischen darstellender Kunst, Performance und bildender Kunst zerfließen, die Interdisziplinarität der Künste nimmt zu. Und insofern bringt das Plakat die zehn eingeladenen Inszenierungen auf den Punkt: die Diversität an Stoffen und an Darstellungsformen.
Die Welt ist schneller, unübersichtlicher und unerklärbarer geworden – auch das spiegelt das zeitgenössische Theater wider. Legendäre Aufführungen wie die „Drei Schwestern“ in der Peter-Stein-Inszenierung an der Schaubühne wirken deshalb auf den heutigen Betrachter wie aus der Zeit gefallen, was nicht im Widerspruch zu ihrer künstlerischen Vollkommenheit steht. Vorausgesetzt, sie können noch betrachtet werden. Denn Theater ist eine flüchtige Kunst, die sich dem Medium Fernsehen eher verweigert, als anschmeichelt. Viele ältere Aufzeichnungen von klassischen Inszenierungen vermitteln wenig von dem Zauber, der diesen Arbeiten einst auf der Bühne innewohnte. Das erkennt natürlich nur, wer beides vergleichen kann. Und weil Theater nun einmal in überschaubaren (Zeit-)Räumen dargeboten wird, hat nur eine begrenzte Zahl von Menschen die Gelegenheit, einem Ereignis beizuwohnen.
Das führt schnell zu einem elitären Touch. Und dem Vorwurf, dass Steuergelder für eine kleine Minderheit ausgegeben werden. Und in der Tat: Lediglich rund 15.000 Karten stehen in diesem Jahr inszenierungsbedingt – es gibt einige Produktionen, die auf kleinen Spielstätten herauskamen und deshalb nicht auf der großen Bühnen gezeigt werden können – bei dem zweieinhalbwöchigen Theatertreffen zur Verfügung, das von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) im Haus der Berliner Festspiele eröffnet wird. Damit doch ein größerer Kreis in den Genuss der „zehn bemerkenswertesten Inszenierungen“, so das Auswahlkriterium, kommen kann, bieten die Festspiele Liveübertragungen der Aufführungen aus dem Festspielhaus ins obere Foyer an. Ein netter Service, der zumindest den Menschen ein bisschen Trost spenden kann, die abends an der Kasse vergeblich auf nicht abgeholte Tickets gewartet haben.
Eine künstlerisch hochwertigere Alternative bietet der Fernsehsender 3sat, der zumindest drei Inszenierungen aufgezeichnet hat. Fernsehaufzeichnungen sind ja in den vergangenen Jahren spannender geworden, was auch am ästhetischen Wandel auf der Bühne liegt. Wer lieber in der Gruppe und damit etwas authentischer Theater sehen möchte, kann sich am übernächsten Wochenende die Aufzeichnungen im Rahmen eines Public Viewing im Sony Center auf Großbildleinwand anschauen. Das entkräftet etwas den Vorwurf einer Veranstaltung für einen kleinen Kreis. Der trifft aber eigentlich ohnehin nicht zu, denn Theaterkarten sind jenseits des Festivals meistens problemlos käuflich zu erwerben. Nicht unbedingt zum Preis einer Kinokarte, auch wenn der Satz des Berliner Kulturstaatssekretärs Tim Renner (SPD) von den zu günstigen Kartenpreisen in der Hauptstadt anderes suggeriert: Wer im Deutschen Theater oder der Schaubühne nicht allzu weit von der Bühne entfernt sitzen möchte, zahlt knapp 50 Euro für ein Ticket.
Allein die Zahl der Besucher der Berliner Sprechbühnen liegt bei knapp einer Million jährlich. Das ist eine Masse und keine Elite und zeigt, wie lebendig das Regietheater ist, weil es sich verändert. Dass man nicht immer eine legendäre Inszenierung erlebt, liegt in der Natur der Sache. Nur wer zehn Arbeiten gesehen hat, bei denen man zwischendurch an den Einkauf für den nächsten Tag gedacht hat, weiß die elfte zu schätzen, die einen vollkommen gefangen nimmt. Die glücklichen Momente, sie sind rar. Aber sie bleiben in Erinnerung.


