Sie kommen aus der Hölle – und sie haben nichts mehr zu verlieren als ihr Leben. Die Menschen, die sich in diesen Tagen zu Zehntausenden aus Aleppo an die türkische Grenze retten, geben dem Irrsinn des Syrienkriegs ein Gesicht: Es ist nicht das erste und es wird nicht das letzte sein. Doch es sind am Ende immer wieder solche Bilder von schutzlosen Opfern, die einen Wendepunkt ausmachen. So war es mit der Leiche des dreijährigen Aylan an der türkischen Küste. Oder mit den verzweifelten Flüchtlingen auf den Bahnsteigen des Budapester Hauptbahnhofs. Und so sind es jetzt die Opfer der russischen Angriffe auf Aleppo.
Diese Menschen haben es geschafft, die Schlacht um die Metropole zu überleben. Vielleicht gehören sie zu den letzten, die überhaupt lebend aus den Trümmern kommen. Hunderttausende harren noch immer in der zerbombten Stadt aus. Weil sie arm sind, weil sie nicht wissen, wohin. Viele Wohlhabende dagegen sind längst aus Aleppo geflohen. Denn eines darf man nicht vergessen: Der Krieg in Syrien ist für die Menschen in Aleppo nicht erst in den letzten Monaten eskaliert. Das Bomben, Foltern und Sterben dauert hier seit Jahren an. Aleppo war zu Anfang des Krieges das Symbol des Aufstands gegen das Assad-Regime – jetzt droht es zum Symbol für das Scheitern der Weltgemeinschaft zu werden.
Sicher, in München haben sich Russland, die USA und wichtige Regionalmächte wie die Türkei und Saudi-Arabien gerade auf eine Feuerpause binnen einer Woche geeinigt – was für die Menschen in und um Aleppo aber zunächst einmal nichts anderes bedeutet, als dass sie noch tagelang vor den russischen und syrischen Bomben um ihr Leben rennen müssen.
Wer Geld hatte oder besser noch Verwandtschaft in Europa, der ist schon lange fort aus Aleppo. Die Ärzte, die Geschäftsleute, die Akademiker – alle, die sich die Flucht auch nur irgendwie leisten konnten. Sie sind in Deutschland angekommen, in Schweden oder in einem anderen EU-Land, oder sie warten in den Flüchtlingslagern darauf, wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können. Anders als die syrischen Flüchtlinge vom letzten Herbst erleben dagegen die Menschen, die jetzt aus Aleppo fliehen, eine doppelte Katastrophe: das Inferno in ihrer Heimat und das Nichts, vor dem sie gerade stehen. Sie stehen an der Grenze – und sind konfrontiert mit einer Staatengemeinschaft, die glaubt, ebenfalls an einer Grenze zu stehen –, an der Grenze ihrer Aufnahmebereitschaft, ihrer Fähigkeit, Schutzsuchenden Schutz zu geben.
Europa muss diesen Menschen helfen. Und es wird nicht ausreichen, Lastwagen mit Decken und Lebensmitteln zu schicken und die Menschen in den Flüchtlingslagern und den eingekesselten Städten zu versorgen.
Europa kann am Beispiel der Flüchtlinge aus Aleppo beweisen, dass seine Grundsätze nicht nur ein Arsenal für Sonntagsreden sind. Dass sein hoher Anspruch, Hort von Frieden, Freiheit und Menschenrechten zu sein, nicht nur ein Credo für gute Zeiten ist. Das katholische Polen, das selbstbewusste Ungarn, all die freiheitsliebenden Länder des ehemaligen Ostblocks – aber auch die Deutschen und die anderen Europäer müssen jetzt handeln: Sie müssen die humanitäre Hilfe schnell und kräftig aufstocken. Sie müssen besonders schutzbedürftige Flüchtlinge in Europa verteilen. Und gleichzeitig noch deutlicher sagen, wer in diesen Tagen Schutz braucht und wer nicht.
Ein Überlebender aus Aleppo hat unbedingt ein Recht auf humanitären Schutz. Die meist jungen Zuwanderer aus den Armutsregionen des arabischen Raums oder Nordafrikas dagegen brauchen nicht das Asylrecht. Sie suchen Arbeit, schnelles Geld, ein besseres Leben – aber ihr Leben selbst ist in den allermeisten Fällen nicht bedroht. Für diese meist jungen Männer gibt es Einwanderungsregeln. Die können besser werden. Aber das kann erst der übernächste Schritt sein.





