Kommentar "Unsere Mütter, unsere Väter" stellt die wichtigen Fragen

Am Sonntag hat das ZDF den Dreiteiler über die NS-Zeit gestartet: Für unseren Autor Hajo Schumacher eine besondere Produktion.

Das Beschäftigen mit den zwölf bösen Jahren ist eine deutsche Lebensaufgabe, die oft mit dem Bewerten und Begucken anderer Schicksale bewältigt wird, mit Zahlen und Fakten, die das Unfassbare auf Distanz halten. Nazis – das waren die anderen.

Der Vierteiler "Holocaust" durchbrach vor fast 40 Jahren erstmals die Schranke zwischen Geschichte und Zuschauern. Der Alltag des Grauens kam näher, so wie zuvor in "Jeder stirbt für sich allein" von Hans Fallada.

Knopps wissenschaftliche Kälte

Die wissenschaftliche Kälte der Guido-Knopp-Dokumentationen dagegen bedeutete den Rückfall in die Distanzfalle. Faszination und Forscher-Pose mengten sich bisweilen zu einem seltsamen Führer-Business. "Das Leben ist schön" von Roberto Benigni und Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" wiederum entwickelten ein neues Befremden gegenüber der Nazi-Zeit; der Zuschauer wollte nicht und musste dennoch lachen über die Banalität des Bösen wie zuvor schon bei Chaplin und "Schtonk!".

Vor lauter Filmen und Büchern und Forschung kam ein Aspekt oft zu kurz – der persönliche. Was war eigentlich in der eigenen Familie los? Wie häufig, wie ehrlich, wie lehrreich haben Eltern und Großeltern berichtet? Und was bleibt wie in wem zurück? Als Jonny Buchardt, Onkel von Ben und Meret Becker, im Jahre 1973 auf einer Karnevalssitzung "Zicke zacke" rief, entgegneten die Jecken "Hoi, hoi, hoi". Als der Komiker "Sieg" rief, antworteten das Publikum "Heil". Was wäre wohl heute?

Der ZDF-Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" stellt endlich die grausam einfache Frage: Was hat der Nationalsozialismus mit unseren Vorfahren gemacht? Und damit auch mit uns? Was bleibt nach von Krieg und Vernichtungskult?

Wie viele Kinder mögen beim Ausräumen des elterlichen Hauses Erinnerungsstücke mit Hakenkreuz gefunden haben, peinlich genug, sie in der hintersten Ecke zu deponieren, aber zu erinnerungsschwer, um sie wegzuwerfen? Was war wirklich los damals? Wirklich nur die Anekdoten aus der BDM-Zeit und ein paar Gruseligkeiten von der Kriegsgefangenschaft des Onkels? Wie schwer war es, zu fragen? Habt ihr Menschen im Stich gelassen, verraten, getötet? Wie schwer wäre es gewesen, Erzähltes zu glauben? Und wie trügerisch ist eine vermutlich schwer traumatisierte Erinnerung?

Dreiteiler verwendet die schlaue Dramaturgie amerikanischer Serien

Das Lebenswerk des TV-Produzenten Nico Hofmann, von den eigenen Eltern inspiriert, verwendet die schlaue Dramaturgie amerikanischer Serien, ist historisch genau ohne kompensatorische Penibilität und hat den Mut, nicht das erste naheliegende Moralurteil zu fällen. Stattdessen werden Vielschichtigkeit und Zerrissenheit gezeigt, jene Zwischenwelten, die eisige Achtundsechziger ihren Eltern nicht zugestehen mochten, was nur zu längerem und noch verbissenerem Schweigen führte.

Endlich werden ganz unwissenschaftlich die wichtigen Fragen gestellt: nach dem menschlichen Miteinander im ganz alltäglichen Grauen. Es gibt kein einfaches Schema von Gut und Böse, dafür aber das kollektive Scheitern an eigenen und anderen Ansprüchen. Wer will, wer kann da einfach urteilen? Der bislang beste Beitrag des ZDF zur Gebührendebatte.

"Unsere Mütter, unsere Väter" – Diskutieren Sie mit!

"Unsere Mütter, unsere Väter": Der zweite und der dritte Teil am 18. und 20. März, 20.15 Uhr, ZDF

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