Nein, der Eurovision Song Contest (ESC) wird nicht nach Australien auswandern. Auch dann nicht, wenn Australien gewinnt. Dass ein Land vom anderen Ende der Welt an einem Wettbewerb teilnimmt, der einmal als genuin europäisches Projekt gedacht war, hatte so manchen irritiert – auch wenn sich das Teilnehmerfeld zuletzt um nicht eben EU-beitrittsverdächtige Länder wie Aserbaidschan oder Weißrussland erweitert hatte. Aber Australien? 24 Flugstunden vom Berlin entfernt? Tatsächlich handelt es sich um eine einmalige, freundschaftliche Geste. Schon 2014 war es den notorisch ESC-verrückten Australiern vergönnt, am Rande in Kopenhagen dabei zu sein. Sie schickten eine tanzende Gute-Laune-Phalanx in Koalakostümen und Sängerin Jessica Mauboy für einen Gastauftritt in eins der beiden Halbfinale.
Das kam so gut an, dass man in der 60. Ausgabe des ESC tatsächlich einem australischen Interpreten die Teilnahme am Wiener Finale gestattet hat. Geschickt wird nicht irgendwer, sondern mit Guy Sebastian einer der erfolgreichsten Stars des Landes. Die Zahl seiner Albumverkäufe geht dort längst in die Millionen, und sein Song „Tonight Again“ nistet auch noch derart hartnäckig im Ohr, dass man ihn schon zum engeren Favoritenkreis rechnen muss. Wenn er nun tatsächlich am Ende auf dem ersten Platz landen sollte, wird sich die riesige Karawane im kommenden Jahr nicht auf den Weg nach Sydney machen müssen. In diesem Fall wird der ESC in einem Mitgliedsland der „European Broadcasting Union“ ausgetragen, unterstützt von der australischen Rundfunkanstalt SBS. Niemand im musikalisch erweiterten Europa wird also das Wettsingen wegen der Zeitverschiebung am Vormittag ertragen müssen.
Hochkomplexer Befund über populäre Gegenwartskultur
Aber was heißt hier überhaupt ertragen. Aus- und durchhalten muss man den ESC ja sowieso nur dann, wenn man ihn als musikalische Fundgrube missversteht – und nicht als hochkomplexen Befund über populäre Gegenwartskultur. Als Conchita Wurst alias Thomas Neuwirth aus dem oberösterreichischen Gmunden 2014 im Gewand einer bärtig-glamourösen Dragqueen triumphierte, wurde das allenthalben als Respektsbezeugung gegenüber sexuellen Minderheiten gefeiert – doch schnell wurde dabei vergessen, dass mit der israelischen Sängerin Dana International schon 1998 in Birmingham eine transsexuelle Künstlerin auf dem ersten Platz gelandet war und exakt dieselbe Diagnose die Runde machte. Die begeisterte Umarmung sexueller Unterschiede ist schon seit Jahrzehnten ein Wesensmerkmal dieses Wettbewerbs, eines von vielen freilich.
Ein anderes Phänomen liegt in der Einbettung folkloristischer Grußadressen in den globalisierten Massengeschmack. Kein ESC in letzter Zeit, bei dem nicht irgendwelche Trachten, Ukulelenklänge oder sonstiger Zierrat das liebestolle Schmachten dekoriert hätten. 2014 konnte man das etwa an den polnischen Teilnehmerinnen sehen, die sündig geschminkt und tief dekolletiert auf der Bühne derartig leidenschaftlich in Butterfässern herumstampften, dass man meinen konnte, damit sei etwas ganz anderes gemeint. Auch in diesem Jahr werden Restbestände regionaler Überlieferung in vielen Liedern zu entdecken sein – die Italiener etwa werden ihre große und gottlob vergangene Disco-Ära der Achtziger opernhaft wieder auferstehen lassen und sich dabei sogar ihrer Landessprache und nicht des Englischen bedienen. Das englische Duo Electro Velvet nimmt Anleihen aus der eigenen Musikgeschichte von den Zwanzigerjahren bis zum Retro-Britpop der Gegenwart. Und der georgische Beitrag zitiert, wie in den vergangenen Jahren häufiger geschehen, die offenbar landestypische Vorliebe für dominante Frauen mit schwarzem Outfit und ebensolchen Haaren.
Ann Sophie vielleicht in den Top Ten
Deutschlands Kandidatin Ann Sophie verzichtet auf solche Eskapaden, bleibt aber mit ihrem Lied „Black Smoke“ vielleicht am Ende musikalisch so gut in Erinnerung, dass die Top Ten denkbar sind – einen Spitzenplatz halten die meisten Buchmacher für unrealistisch. Sie sehen dagegen die italienische Band mit dem Namen Il Volo auf den vorderen Plätzen. Eine gute Chance wird auch den Schweden eingeräumt, die mit Måns Zelmerlöw einen daheim gut etablierte Fernsehprominenten ins Rennen schicken – wie auch den gebeutelten Griechen mit der Sängerin Maria Elena Kyriakou. Aber beim ESC ist nicht wichtig, wer am Ende noch mal singen darf. Wichtig ist, was vorher sichtbar wird.
Die Übertragung des 60. Eurovision Song Contest startet in der ARD um 20.15 Uhr mit Vorberichterstattung von der Hamburger Reeperbahn. Der eigentliche Wettbewerb startet um 21 Uhr.



