„Willkommen im Kalten Krieg“, begrüßt uns Frank Plasberg am Beginn dieser Sendung. Und muss wohl selbst erstaunt feststellen, dass „Landraub im Jahre 2014 noch möglich ist“. Gemeint ist natürlich der Ukraine-Konflikt, die von Separatisten besetzte Krim und Wladimir Putins Phantasien eines Neu-Russlands. All das will Plasberg an diesem Abend zum Thema machen, und er hat sich dafür eine spannende Mischung an Talkgästen in sein Studio geholt. Putin-Versteher, Putin-Gegner, der Chef des Bundeskanzleramtes – alles dabei. Vielversprechend.

Wer hat die Schuld?

Und es geht auch gleich zur Sache. Ein „eklatanter Völkerrechtsbruch“ sei das, was auf der Krim gerade geschehe, eröffnet der ehemalige ARD-Moskau Korrespondent Fritz Pleitgen die Runde. Das sei ganz klar. Aber dann geht er einen Schritt zurück. Die Art, wie sich das Assoziierungsabkommen mit der EU anbahnte, sei ein riesiger Fehler gewesen. „Das konnte nicht gut gehen. Wir hätten ihn nicht so provozieren dürfen.“. Ihn – das ist Wladimir Putin. Die EU habe da schlicht und einfach nicht sehr intelligent agiert. An der Krimkrise, so Pleitgen, trägt der Westen eine Mitschuld.

Frank Plasberg, ganz Moderator, nimmt diesen Ball geschickt auf. „Herr Altmaier? Müssen Sie Fehler einräumen?“, fragt er den Chef des Kanzleramtes direkt. Der antwortet diplomatisch: Fehler mache man in der Politik immer. Aber das sei noch lange kein Grund, die Souveränität eines Landes nicht zu respektieren und die Grenzen zu überrennen.

Putin, der Bösewicht?

Schnell wird klar – hier geht es um Territorium und um Befindlichkeiten. Ja, erzählt die russische Journalistin Anna Rose später, viele Russen fühlten sich tatsächlich von der Ausbreitung der EU und damit auch der Nato bedroht. „Putin ist nicht der Bösewicht“, sagt sie, eine klare Putin-Befürworterin. Es sei ein Fehler, die ganze Diskussion nur an einem Mann aufzuhängen. Er setze nur um, was vielen Russen ein Anliegen sei.

Aber Putin ist nun mal die Hauptfigur in diesem Konflikt. Und so darf Hubert Seipel berichten, der Putin lange Zeit als Journalist für einen ARD-Film begleitet hat. Wie wirkt Putin im Moment, fragt ihn Plasberg? „Er steht unter Spannung. Ich habe einen angespannten Mann erlebt“, berichtet der. Wogegen der erklärte Putin-Gegner Boris Reitschuster, der das FOCUS-Büro in Moskau leitet, eher die kalte Seite der Macht sieht. Für jemand wie Putin gebe es nur „Starke und Schwache“. Er wolle der uneingeschränkte Rudelführer sein. Und da zeigen solche Kriegsspielchen immer Wirkung.

Sanktionen oder Sanktiönchen?

Ins Studio wird nun zwischenzeitlich eine Eilmeldung hineingereicht. Die EU hat schärfere Sanktionen beschlossen. Allerdings kann man sich nicht darauf einigen, ab wann genau. Es ist schwierig, diesen großen EU-Haufen von 26 Ländern – „ein ganzer Bus voll“, sagt Plasberg – zu einer Stimme zu vereinigen. ARD-Urgestein Pleitgen schüttelt nur den Kopf. So ein Chaos, keine Strategie, keine Vision. „Nur mit Empörung kommen wir nicht weiter“, sagt er. Und dann wendet er sich an Altmaier neben ihm und lobt die Politik Merkels, Steinmeiers und der Regierung. „Sie sind sehr klug, denn sie sind sehr zurückhaltend.“

Wie genau sieht sie denn aus, die deutsche Politik? „Militärischer Eingriff: nein“, sagt Altmaier ganz klar. „Diplomatie und Druck“ sei das Motto der Bundesregierung. Das klingt ein wenig wie „Zuckerbrot und Peitsche“. Und dann fügt er noch hinzu: „Man muss in dieser Krise auch Geduld haben“. Wer eine schnelle Lösung erwartet, wird enttäuscht werden.

„Das ist ein Kinderglauben“

Die EU-Sanktionen aber, die lösen in der Runde allgemein wenig Begeisterung aus. „Kinderglauben“, sagt TV-Autor Hubert Seipel verächtlich. In Moskau seien die Oligarchen schon stolz, die auf der Liste der Putin-Freunde landen. Das sei eine Art Auszeichnung. Und die steigenden Preise für Lebensmittel, die FOCUS-Mann Reitschuster anspricht, sind ein echtes Problem. Das könne auch nach hinten losgehen, und zu einer trotzigen „wir-gegen-den-Rest-der-Welt“-Haltung führen.

Am Ende essen alle versöhnlich einen Anti-Putin-Apfel, außer den beiden Putin-Befürworter Hubert Seipel und Anna Rose. Aber die lehnen sehr höflich ab. Ein Talk, in dem viel miteinander geredet wurde, statt übereinander hinweg. „Wir sollten uns endlich mal intelligent verhalten“, sagte Pleitgen zwischenzeitlich. In dieser Sendung haben sie es alle getan.