ein, dies ist kein Biopic. Auch wenn man das bei einem Film mit diesem Titel erwarten könnte. „Fritz Lang“ gibt nicht die Biografie des bedeutendsten deutschen Filmregisseurs in epischer Breite wieder. Er beschränkt sich vielmehr auf eine kurze, wenngleich markante Zeitspanne.

Und nein, Regisseur Gordian Maugg hält sich auch nicht an historische Fakten, sondern spekuliert lustvoll ins Blaue und in die Leerstellen hinein. Was Puristen aufbringen könnte, aber dennoch einen faszinierend neuen Blick auf ein Stück Filmgeschichte wirft.

Mann im Zwiespalt: Fritz Lang
Mann im Zwiespalt: Fritz Lang© BM | W Film

„Fritz Lang“ zeigt seinen Protagonisten in der Krise. Und nicht nur ihn. Sondern seine ganze Branche, das Kino, gleich mit. Der Stummfilm ist tot. Und von Lang (Heino Ferch) – dem Filmgenie, der mit „Metropolis“ ein Meisterwerk geschaffen, aber fast ein Studio ruiniert hat – , erwartet man nun den ersten künstlerisch bedeutenden Tonfilm.

Die Kinos für sein nächstes Werk sind schon gebucht – aber Lang hat noch nicht mal eine Idee. Auch die Ehe mit seiner Drehbuchautorin Thea von Harbou (Johanna Gastdorf) hat sich totgelaufen.

Stell dich den eigenen Dämonen

Da fällt sein Blick auf die Schlagzeile einer Zeitung von der „Bestie von Düsseldorf“, von einem Massenmörder, der dort sein Unwesen treibt. Da muss er hin. In Düsseldorf macht er sich auf die Spur dieses Peter Kürten (Samuel Finzi), besucht seine Tatorte, lauert dem ermittelnden Kommissar (Thomas Thieme) auf, lässt auch ein paar Indizien mitgehen.

Es ist nicht nur so, dass der Mann hier seine Story findet. Es ist auch ein bisschen Flucht vor dem Druck in Berlin. Und gleichzeitig stellt sich der Mann seinen eigenen Dämonen. Denn auch Lang ist ein Getriebener, dessen erste Frau unter mysteriösen, nie geklärten Umständen gestorben ist – durch seine Pistole.

Reizvolle These: Fritz Lang trifft auf den Massenmörder Peter Kürten (Samuel Finzi, r.)
Reizvolle These: Fritz Lang trifft auf den Massenmörder Peter Kürten (Samuel Finzi, r.)© BM | W Film

Und hier lehnt sich der Film ganz weit hinaus. „Mein Film ist ein Dokumentarfilm über die damalige Zeit in Deutschland“, hat Fritz Lang einmal rückblickend über „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ gesagt. Das war natürlich auch ein bisschen und übertrieben. Aber wirklich hat man in dem Film, in der die Unterwelt selbst Jagd macht auf den Mörder, als Parabel, als Menetekel auf den Nationalsozialismus gesehen, als Mörder an die Macht kamen.

Genauso übertrieben wird hier aber nun eine andere These behauptet: dass Fritz Lang sich in dem Mörder wiedererkennt, sich in ihm spiegelt, sich selbst als einen Täter sieht. Er sorgt sogar dafür, dass er den Mörder, als der schließlich gefasst wird, wiederholt allein sprechen darf. Das ist alles Film, ist alles Fiktion. Kürten wurde erst gefasst, als das Drehbuch zu „M“ schon geschrieben war. Und Lang war wahrscheinlich nicht einmal in Düsseldorf und hat nur ähnliche Fälle in Berlin aufgearbeitet.

Reizvolle Montage: Aus der Realität (vorn) wierden die Filmbilder mit Peter Lorre
Reizvolle Montage: Aus der Realität (vorn) wierden die Filmbilder mit Peter Lorre © BM | W Film

Wie das aber erzählt wird, das ist großartig. Gordian Maugg hat schon in früheren Werken wie „Zeppelin!“ oder „Der olympische Sommer“ seine Spielszenen meisterhaft mit Dokumentarmaterial verwoben.

Bei „Fritz Lang“ hat er diese Kunst noch einmal überhöht. Gedreht hat er in expressiven, kontraststarken Schwarzweißbildern und im alten 4:3-Format, wie die alten Filme damals.

Eine Hommage 40 Jahre nach Langs Tod

Und wenn Heino Ferch – der Fritz Lang überhaupt nicht ähnlich sieht, aber ihm eine starke Präsenz verleiht – durch das alte Berlin fährt, blickt er aus dem Fenster und wir sehen wirklich Aufnahmen aus den 30er-Jahren. Vor allem aber spielen sich immer auch schon die Bilder des späteren Films in seinem Kopf ab. „M“ – Ein Regisseur sucht sein Meisterwerk.

Der Rest ist bekannt. Mit „M“ hat Lang wirklich den ersten deutschen Tonfilm gedreht, der die Technik auch dramaturgisch einzusetzen wusste, und ein zeitloses Meisterwerk geschaffen. Man müsste deshalb jetzt, 40 Jahre nach seinem Tod, beide Filme hintereinander sehen. Als Double-Feature. Dann wäre das eine wie ein fiktives Making-Of des anderen.