Als erstes trifft es ein Atomkraftwerk in Japan. Wir sehen Juliette Binoche im Schutzanzug einen Störfall untersuchen. Da wackelt der Bau, und ihr Filmmann Bryan Cranston lässt, auf ihr Geheiß, die gesamte Anlage herunterfahren. Die Sicherheitstür muss er höchstselbst schließen. Die hat aber ein kleines Fenster. Und so sehen wir, wie sich das Paar durch diese Luke ein letztes Mal in die Augen schaut.

„Godzilla“, die 29. Variante des Filmmonsters, beginnt gleich mit einem Schock. Hier wird nicht nur einer der größten Stars des Films gleich zu Beginn geopfert. Ganz klar wird hier auf die Katastrophe in Fukushima vor drei Jahren angespielt. Diesmal wütet die alte Riesenechse also im Atomkraftwerk. Und wenn sie später auch in den USA aus dem Meer stapft, löst sie einen Tsunami aus. Die Bilder wirken befremdend vertraut.

Der Inbegriff der Angst vor allem

Immer wenn ein neuer Katastrophenfilm produziert oder ein altes Horrormonster reaktiviert wird, stellt sich die Frage des Warum. Ist es nur noch die Einfallslosigkeit der großen Studios, die in regelmäßigen Abständen die immergleichen Hits aufwärmen? Oder finden damit auch kollektive Urängste diskussionswürdige Verarbeitungen? Als sich das japanische Kino 1954 den ersten „Godzilla“-Film ausdachte, bekam nicht nur die Angst vor einem Atomkrieg ein metaphorisches Gesicht. Der direkte Auslöser war ein amerikanischer Atombombentest im Bikino-Atoll, der unerwartet stark ausfiel und japanische Fischer verstrahlte.

Godzilla war damit ein Bruder im Geiste von bizarren Riesenmonstern wie Tarantula und Co., die durch radioaktive Strahlen mutierten. Überlebte sie aber um Generationen, weil Japan sein Monster immer wieder reaktivierte, es auch mal gegen andere Kreaturen kämpfen ließ und damit plötzlich auf Seiten der Menschheit stand. Und mal zur Allegorie auf die zunehmende Umweltverschmutzung wurde oder später auf die Gefahren der Gentechnologie. Godzilla, der Inbegriff der Furcht vor allem und jedem.

Bis Roland Emmerich, der Master of Disaster, sich 1998 dem Mythos annahm und zum Quasi-Dinosaurier verwandelte, um „Jurassic Park“ Paroli zu bieten. Die 98er-Variante war nur noch Popcornkino: die kindliche Lust am Untergang, gepaart mit der Lust der Computerpixler an digitalen Effekten. Ernst hat diesen Film keiner mehr genommen. Bis auf die echten „Godzilla“-Fans, die das Remake noch heute verdammen.

In der neuesten Version des Klassikers ist Schluss mit lustig

16 Jahre nach Emmerich und 60 Jahre nach dem allerersten „Godzilla“ hat sich Hollywood nun noch einmal an den Stoff gewagt. Und so viel darf man sagen: Hier ist Schluss mit lustig. Keine tollkühnen Stars mehr, die zwischen den Beinen des Monsters herumhüpfen und ständig dumme Sprüche reißen. Die in Kanada und auf Hawaii gedrehte Neuversion gibt der Serie ihren Ernst zurück. Und das Kino wird wieder zum Katalysator realer Ängste. Als habe man sich auf die letzten Worte des allerersten Godzilla-Films besonnen: „Wenn wir in maßloser Vermessenheit fortfahren, die Atomkraft zu missbrauchen“, hieß es damals, „kann es sein, dass größeres Unheil über uns hereinbricht als dieser Godzilla.“

Es dauert lange, sehr lange, bis das Monster auftaucht. Man sieht mal unscharf Riesenzacken aus dem Meer ragen. Später gibt es von der Echse zunächst nur verwackelte Fernsehbilder. Erst nach über einer Stunde ist es dann in seiner ganzen Größe zu sehen. Bis dahin haben wir schon ironisch erfahren, dass die Atombombentests der 50er-Jahre gar keine Tests waren, sondern Versuche, die Monster zu bezwingen.

Bis dahin wissen wir auch, dass Godzilla nicht das eigentlich Böse ist, Sondern sogenannte Mutos (Massive Unidentified Terrestrial Organisms), Parasiten, die sich von radioaktivem Abfall ernähren und bald Las Vegas und San Francisco platt machen. Godzilla ist wieder mal der Gute, der Freund an der Seite des Menschen.

Die Japaner lästern über den „wuchtigen“ Hintern der Bestie

Regie führte Gareth Edwards, Jahrgang 1975, der bisher mit gerade mal einem Film von sich reden machte, dessen Titel allein ihn aber schon prädestiniert: „Monsters“. Edwards weiß das Monster nicht nur so spektakulär zu inszenieren, dass die Tricks von Emmerich schon wieder ganz schön alt aussehen. Er schenkt der Serie auch ihren alten Geist zurück.

Nur bleiben die Menschen dabei auf der Strecke. Sie sind immer nur Staffage und Monsterfutter, können aber kein Eigenleben entwickeln und machen schon gar keine Entwicklung durch. Bis auf Bryan Cranston („Breaking Bad“) als Atomwissenschaftler. Wenn auch der dahinstirbt, verliert der Film sein Zentrum. Aaron Taylor-Johnson als sein Filmsohn kann da noch so gut aussehen, neben dem Panzerkoloss verblasst auch er.

Die Japaner immerhin könnten ganz zufrieden sein, dass die Amerikaner Emmerichs Ulk-Version revidieren und dem originalen, japanischen Godzilla Respekt erweisen. Es sieht aber nicht so aus. Bei einer Godzilla-Ausstellung in Tokio fielen hämische Urteile über den „wuchtigen“ Hintern der Bestie. Auch vom „Marshmallow-Monster“ ist die Rede. Der American Way of Life mit seiner kalorienwütigen Fast-Food-Kultur geht offenbar auch an einer solchen Leinwandikone nicht spurlos vorbei.