Jetzt kommen natürlich wieder alle mit dem Stockholm-Syndrom. Das ist ja inzwischen ein echtes Klischee geworden: Sowie irgendein Kino- oder Fernsehfilm von Entführungen und Geiselnahmen handelt, bringt unweigerlich einer dieses Reiz- und Schlüsselwort ins Spiel. Und auch wenn jeder Zuschauer längst wissend mit dem Kopf nickt, gibt es da im Film immer noch einen, der fragt, was das denn bitte sei, und dem das noch einmal erklärt werden muss: Stockholm 1973, Banküberfall, Geiseln entwickeln Sympathien für die Entführer etcetera etcetera.
„Labor Day“, der neue Film von Jason Reitman, der diese Woche in die Kinos kommt, ist eigentlich ein Musterbeispiel für das psychologische Phänomen. Und doch wird dieses Wort, dieses Erklärmuster, und damit hebt sich der Film wohltuend von der Masse ähnlich gearteter Produktionen ab, nicht ein einziges Mal ins Feld geführt. Die Verfilmung von Joyce Maynards Roman, der im Original genauso heißt, auf dem deutschen Buchmarkt aber unter dem schändlich kitschigen Titel „Der Duft des Sommers“ erschien, handelt von einem Entführungsfall. Und von einer Verbrüderung mit dem Aggressor. Und doch ist alles ein bisschen anders.
Der Sohn umsorgt die Mutter
Zunächst geht es um ein ganz anderes Drama. Das einer gewesenen, zerstörten Familie. Nach einer traumatischen Scheidung, wir schrieben das Jahr 1987 und befinden uns irgendwo in Massachusetts, verfällt die junge Mutter Adele (Kate Winslet) in Depressionen. Sie muss ihren 13-jährigen Sohn Henry (Gattlin Griffith) allein erziehen. Aber eigentlich, das macht der Film schon in seinen ersten Einstellungen klar, ist es anders herum. Der Sohn muss sich um die Mutter kümmern. Die wirkt immerzu abwesend und somnambul. Der Junge macht ihr das Frühstück, badet, massiert sie. Er ist es auch, der im Auto in den richtigen Gang schaltet. Damit scheint der Gang der Geschichte vorgezeichnet: ein Erziehungs-, Verantwortungsverhältnis, das sich ins Gegenteil verkehrt hat.
Aber dann, bei einer der wenigen Besorgungen für das lange Wochenende vor dem Tag der Arbeit, dem Labor Day, macht sich plötzlich ein Mann (Josh Brolin) mit blutigem T-Shirt an die beiden heran. Zwingt sie, ihn mitzunehmen, zu ihnen nach Hause. Wo er sich einige Stunden verstecken will. Der Mann ist ein entflohener Sträfling, er sitzt wegen Totschlags an seiner Frau, wurde zu 18 Jahren verurteilt. Adele wird erst mal an den Stuhl gefesselt, der Sohn so unter Druck gesetzt.
Sechs Hände im Kuchenteig
Aber bald schon fallen die Fesseln und allmählich auch die Ängste. Frank, so heißt der Mann, kocht für die beiden. Er wird bald auch das Auto reparieren und die quietschende Verandatür ölen. Er wird dem Jungen vor allem das Ballspielen beibringen. Und irgendwann stehen sie zu dritt in der Küche und backen unter seiner Anleitung einen Pfirsichkuchen. Das ist der Moment, wo gewöhnlich jemand das Stockholm-Syndrom bemühen würde. Aber wer sollte die Erklärung einwerfen? Das Kammerspiel spielt fast ausschließlich in den vier Wänden von Adeles Haus. Die Außenwelt dringt nur hie und da in Form von neugierigen Nachbarn ein, vor denen man Frank verbergen muss.
Denn schnell ist klar: Der Sträfling ist genau der Vater, den Henry nie gehabt hat. Der Film variiert in gewisser Weise Clint Eastwoods „Perfect World“, in dem Kevin Costner ebenfalls einen Jungen als Geisel nahm und dessen bester Kumpel wurde. „Labor Day“ geht allerdings noch einen entscheidenden Schritt weiter, wenn der Eindringling auch in der Mutter Gefühle weckt, von denen sie nie geglaubt hätte, dass sie sie je wieder fühlen würde. Das Bild von den sechs Händen im Teig ist vielleicht ein bisschen zu aufdringlich: Backe backe Kuchen. Und doch lässt es einen sofort an ein anderes, das wohl älteste aller Sandkastenspiele denken: Vater, Mutter, Kind. Die Urzelle der Gemeinschaft, sie scheint sich hier als Schicksalsgemeinschaft von Verletzten, Ausgestoßenen neu zu (er-)finden.
Ein feines Melodram der leisen Töne
Jason Reitman, Sohn des „Ghostbusters“-Regisseurs Ivan Reitman, hat sich bislang mit ironisch-lakonischen Star-Komödien wie „Juno“ und „Up in the Air“ hervorgetan. In „Labor Day“ schlägt er nun erstmals ganz andere, völlig ironiefreie Töne an. Sein Plot mag manchmal ein wenig konstruiert wirken, wenn der Fremde etwa vor Nachbarn versteckt wird, aber sich unübersehbar an der verstopften Dachrinne zu schaffen macht. Und die Geschichte bekommt eine unnötige Rahmenhandlung verpasst, in der auch noch Tobey Maguire als erwachsener Henry, was sonst, sein Geschäft mit perfekten Pfirsichkuchen macht.
Und doch ist „Labor Day“ ein großartiges Kammerspiel, das ganz von seinen Stars getragen wird. Kate Winslet hat gerade, mit eisig-weißem Haar, die böse Gegenspielerin in „Divergent“ gespielt, eine jener wohlkalkulierten Franchise-Produktionen, um die sie gewöhnlich einen großen Bogen macht. Mit „Labor Day“ revidiert die Oscar-Preisträgerin diesen Seitensprung ins Kommerzkino. Josh Brolin dagegen ist aus Filmen wie „No Country For Old Men“ oder zuletzt „Oldboy“ als harter Brocken bekannt, der hier genüsslich gegen sein Image anspielt und den weichen Kern unter der rauen Schale entblößt. Jason Reitman lässt sie auch darstellerisch aufeinanderprallen und inszeniert dies als großes Fest aus kleinen Blicken und Gesten. Ein feines Melodram der leisen Töne. Auch wenn dieser unmöglichen Beziehung natürlich kein Happy End vergönnt sein kann.



