Man hatte sie schon abgeschrieben. Keiner hat wirklich mit solch einem fulminanten Comeback gerechnet, mit dem es die Ethno-Brit-Pop-Band Kula Shaker der Rockwelt nochmal beweisen will. 20 Jahre nach ihrem furiosen Nummer-1-Debüt „K", auf dem sie Brit-Pop mühelos mit indischen Einflüssen und Psychedelic-Rock gepaart hatten, haben sie nun nach sechs Jahren Funkstille „K 2.0" veröffentlicht, auf dem Sitar und Sarod nurmehr im Hintergrund agieren. Dafür regiert die raue Rock-Gitarre.

Seit Wochen ausverkauft war das Berlin-Konzert von Kula Shaker am Montagabend im Heimathafen Neukölln. Und als das Quartett nach dem imponierenden Vorprogramm der Londoner Alternative-Rock-Band Black Casino & The Ghost Schlag 22 Uhr vor einem Leinwand-Triptychon im Rampenlicht erscheint, ist nach den ersten Tönen von „Sound of Drums" klar: diese Band hat nichts von ihrer Faszination verloren. Das Publikum, mehrheitlich in den Vierzigern wie die Musiker da oben, ist von Anfang an auf ihrer Seite.

Es riecht nach Räucherstäbchen

Vor der Bühne müffelt es doch tatsächlich nach Räucherstäbchen. Auf der Bühne sind Perfektionisten am Werk. Die Songauswahl umspannt zwei Dekaden Bandgeschichte. Sie wissen, was ihr Publikum hören will. Die Einsätze sitzen auf den Punkt. Der Sound ist brillant. Licht und grafische Projektionen sind exakt abgestimmt. Und Sänger und Gitarrist Crispian Mills gibt den ekstatischen Entertainer, der sich emotionsgeladen um die Saiten windet, mal den George Harrison gibt, mal den Jimi Hendrix, mal den Jerry Garcia, und ganz in seinen Songs aufgeht.

Viel geändert hat sich in den letzten 20 Jahren, in denen sich die Band auch einige Zeit getrennt hatte, freilich nicht. Das Kalkül von Kula Shaker - der Name zitiert Kulashekhara, einen indischen Fürsten aus dem 9. Jahrhundert - ist so konsequent wie durchschaubar. Sie nehmen sich das Beste der Rockmusik der 70er-Jahre, machen es sich zu Eigen und verfremden das Ganze mit einem Schuss indischer Rhythmik. Dazu kommt eine gehörige Portion Brit-Pop-Energie und ein wenig englische Folktradition.

Ethnos-Sounds und Rock

Diese 1996 auf der Multi-Platin-Platte „K" einmal gefundene Rezeptur nutzen Kula Shaker bis heute. Auch das neue, fünfte Album „K 2.0" schließt nahtlos daran an. So beginnt etwa der neue Song „Infinite Sun" noch leicht indisch angehaucht, wechselt dann aber in einen beinharten Rockmodus. Diesen Wechsel markiert die Songzeile „and everything she touches changes" mit einem eingestreuten Bowie-Zitat: „Ch-Ch-Ch-Changes".

Immer wieder wird man an Gruppen wie Led Zeppelin, Pink Floyd und vor allem die Beatles in ihrer psychedelischen Phase erinnert. Hier werden kräftig die Strawberry Fields geharkt. Hier wird, auch in den kaleidoskopartigen Projektionen im Hintergrund, hippieskem Fernweh gehuldigt. Kula Shaker beweisen sich als eingespielte Truppe, die sich blind versteht und bei der klar ist, dass Bassist Alonza Bevan, Keyboarder Harry Broadbent und Drummer Paul Winterhart vor allem dem Blondschopf am Mikrofon den Rücken stärken.

Mitunter nehmen sie sich nicht Versatzstücke der Klassiker vor, sondern gleich einen ganzen Song. Wie den Billy Joe Royal-Hit „Hush", den bereits Deep Purple in ihrer Anfangsphase gecovert hatten. Oder ein Stück wie „Hurry On Sundown" von der britischen Psychedelic-Rockband Hawkwind. Crispin Mills, der Mann mit einer Vorliebe für den Buchstaben K, plaudert zwischendurch immer mit dem Publikum. „Das nächste Stück haben wir seit bestimmt acht Jahren nicht mehr live gespielt", sagt er einmal. „Bitte übt Nachsicht." Doch „Into The Deep" vom „K"-Album kommt genauso makellos lautstark über die Rampe wie „Gokula" oder „Grateful When You're Dead/Jerry was There", „Mystical Machine Gun" oder „Tattva".

Den 90er-Jahren verhaftet

Kula Shaker stecken immer noch knietief in den 90er-Jahren. Und das ist überhaupt kein Makel. Sie haben früh ihren Sound gefunden, und den pflegen sie bis heute. Und wenn dann so großartige Platten wie jetzt „K 2.0" dabei herauskommen: wen stört's? Mit einem ihrer größten Hits eröffnen sie den Zugabenteil. „Das Stück haben wir geschrieben, als wir noch Kids waren", sagt Mills in den Saal. „Vielleicht erinnert der euch an eure eigene Kindheit." Und „Hey Dude", der Song, der 1996 nur wegen der Spice Girls nicht auf Platz eins der britischen Charts landete, bringt den Saal nochmal zum Kochen.

Eine andere Kuriosität setzen die unkonventionellen Rockmusiker ganz ans Ende. „Govinda" war in den Neunzigern die einzige in Sanskrit gesungene Platte, die es in die britischen Top-Ten schaffte. Und auch in Berlin beweist sich das Publikum als textsicher und singt den Refrain „Govinda Jaya Jaya, Gopala Jaya Jaya, Radha-Ramana Hari" mühelos mit. Ein großartiges Konzert. Man kann eben auch bestehen, wenn man die Rockmusik nicht jedes Jahr von neuem zu revolutionieren versucht. Einmal reicht auch. Kula Shaker sind dafür der beste Beweis.