Das Comeback nach neun Jahren Funkstille startet er am 8. Januar 2013 mit einem Video über seine Zeit in der Mauerstadt. An jenem in Berlin von Minusgraden geprägten Dienstag verbreitet David Bowie in aller Welt eine Hommage, die ahnen lässt, dass ihm die Stadt in den 33 Jahren seit seinem Rückzug zu so etwas wie einem Ort verlorener Unschuld geworden ist. „Ich hatte mich bis dahin nirgendwo so frei gefühlt, wie in Berlin“, zitiert ihn das Musikmagazin NME. Oft, wenn auch nur kurz, ist war er seit Ende der 70er-Jahre dorthin zurück gekehrt.

Die rauhe, mysteriöse Musik von damals soll 1980 den Soundtrack für das Heroin-Drama „Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ liefern. Großproduzent Bernd Eichinger will zudem Bowie für die Schlüsselszene, einen Live-Auftritt, bei dem ihn Christiane erstmals erlebt. Aber: Mit einer Antwort lässt sich Bowie Zeit - bis Scriptautor Herman Weigel von den Dreharbeiten zu einer Besprechung ins Berliner Büro einer Plattenfirma gerufen wird. „Guten Tag, Herr Weigel, ich führe sie nach hinten“, wird er dort begrüßt. Und dort „hinten“ - Weigel muss erstmal tief durchatmen -, sitzt Bowie.

Dreharbeiten in der einstigen Stammdisko von Christiane F.

Man wird sich schnell einig, so Katja Eichinger in ihrer Biografie „BE“. Danach ging es auf Kurzbesuch zum Filmset an der Genthiner Straße in Tiergarten, wo Christiane F. in der Disco „Sound“ in die falschen Kreise geraten war. Bowie testet seine Ortskenntnisse und setzt sich persönlich ans Steuer eines uralten Opel Olympia.

Im Jahr darauf macht er seine letzten Berliner Aufnahmen. Im Hansa Studio an der Mauer, wo er 1977 „Heroes“ gesungen hatte und eines Abends voll Panik unter das Mischpult gehechtet war, weil er den Eindruck hatte, die NVA gegenüber werde jeden Moment das Feuer auf ihn eröffnen. Im Meistersaal singt er dort nun Stücke für einen BBC-Film ein, in dem er Bert Brechts Tunichtgut „Baal“ verkörpern soll. Nachts führt Bowie seinen staunenden Begleiter, den ihm die BBC für eine möglichst Brecht-getreue Musikaufnahmen mitgeschickt hat, ins Berliner Nachtleben ein. Der erzählt danach ganz hingerissen von Spelunken, in denen „die Gäste auf Zahnarztstühlen abhingen“, einem Kellerclub mit Herman Görings vergoldetem Spiegel und dem obligatorischen Besuch im Szenetreff „Dschungel“, wo Bowie mit einem „elfenhaften Jungen“ getanzt habe.

David Bowie – Stationen einer Karriere

David Bowie war ein Gigant der Musik-Geschichte. Millionen Fans waren geschockt, als sie von seinem Tod erfuhren. Bowie erlag am 10. Januar 2016 im Alter von 69 Jahren einem Krebsleiden. Nur wenige Tage zuvor hatte er sein letztes Album "Blackstar" veröffentlicht. Dieses Foto gab seine Plattenfirma zur Veröffentlichung von "Blackstar" heraus.
David Bowie war ein Gigant der Musik-Geschichte. Millionen Fans waren geschockt, als sie von seinem Tod erfuhren. Bowie erlag am 10. Januar 2016 im Alter von 69 Jahren einem Krebsleiden. Nur wenige Tage zuvor hatte er sein letztes Album "Blackstar" veröffentlicht. Dieses Foto gab seine Plattenfirma zur Veröffentlichung von "Blackstar" heraus.© dpa | Jimmy King
Bowie galt als „musikalisches Chamäleon“. Das Foto zeigt ihn während eines Auftritts in Wien im Februar 1996.
Bowie galt als „musikalisches Chamäleon“. Das Foto zeigt ihn während eines Auftritts in Wien im Februar 1996. © REUTERS | LEONHARD FOEGER
In den 80er-Jahren war es zeitweise etwas still geworden um David Bowie. Hier ist er bei einem Konzert 1983 in der Frankfurter Festhalle zu sehen.
In den 80er-Jahren war es zeitweise etwas still geworden um David Bowie. Hier ist er bei einem Konzert 1983 in der Frankfurter Festhalle zu sehen. © dpa | Katja Lenz
Seit 1992 war Bowie in zweiter Ehe mit dem Model Iman Abdulmajid verheiratet. Mit der gemeinsamen Tochter Alexandria Zahra lebte die Familie zuletzt in New York.
Seit 1992 war Bowie in zweiter Ehe mit dem Model Iman Abdulmajid verheiratet. Mit der gemeinsamen Tochter Alexandria Zahra lebte die Familie zuletzt in New York.© REUTERS | LUCAS JACKSON
Im britischen Brixton, der Heimatstadt David Bowies, legten trauernde Fans nach seinem Tod Blumen vor dem einem Wandgemälde des Künstlers nieder.
Im britischen Brixton, der Heimatstadt David Bowies, legten trauernde Fans nach seinem Tod Blumen vor dem einem Wandgemälde des Künstlers nieder. © dpa | Andy Rain
David Bowie war auch bekannt für zum Teil ausgefallene Bühnenauftritte.
David Bowie war auch bekannt für zum Teil ausgefallene Bühnenauftritte. © REUTERS | SHAUN BEST
Bowies Bühnenshows waren nicht selten ein optisches Ereignis für sich.
Bowies Bühnenshows waren nicht selten ein optisches Ereignis für sich. © REUTERS | IAN HODGSON
1997 wurde der Rockmusiker mit einem Stern auf dem Hollywood Walk of Fame geehrt.
1997 wurde der Rockmusiker mit einem Stern auf dem Hollywood Walk of Fame geehrt. © REUTERS | FRED PROUSER
Kaum wiederzuerkennen: Bowie mit seiner ersten Ehefrau Angela Bowie. Die Ehe  hielt von 1970 bis 1980.
Kaum wiederzuerkennen: Bowie mit seiner ersten Ehefrau Angela Bowie. Die Ehe hielt von 1970 bis 1980. © Smith
2004 erlitt Bowie auf dem Hurricane Festival in Scheeßel (Niedersachsen) einen Herzinfarkt. Nach diesem Zwischenfall reduzierte er seine Auftritte deutlich.
2004 erlitt Bowie auf dem Hurricane Festival in Scheeßel (Niedersachsen) einen Herzinfarkt. Nach diesem Zwischenfall reduzierte er seine Auftritte deutlich.© REUTERS | STRINGER
Gern gab sich David Bowie geheimnisvoll. Er pflegte diesen Stil, legte so manche Bühnenpause ein und zog sich ins Private zurück.
Gern gab sich David Bowie geheimnisvoll. Er pflegte diesen Stil, legte so manche Bühnenpause ein und zog sich ins Private zurück. © dpa | Fabrice Coffrini
Begegnung zweier Ikonen: Prinzessin Diana gratuliert dem Rockstar im Backstage-Bereichs der Wembley Arena in London, wo Bowie ein Konzert gab.
Begegnung zweier Ikonen: Prinzessin Diana gratuliert dem Rockstar im Backstage-Bereichs der Wembley Arena in London, wo Bowie ein Konzert gab.© REUTERS | POOL
Während seiner Karriere erhielt Bowie zahlreiche Auszeichnungen, wie hier im Jahr 2013.
Während seiner Karriere erhielt Bowie zahlreiche Auszeichnungen, wie hier im Jahr 2013. © REUTERS | LUCAS JACKSON
Die Bühne war Bowies Welt. Hier ist er im Jahr 1995 bei einem Auftritt in Hartford in den USA zu bewundern.
Die Bühne war Bowies Welt. Hier ist er im Jahr 1995 bei einem Auftritt in Hartford in den USA zu bewundern.© Reuters
Auch auf dem Glastonbury-Festival in Großbritannien fiel Bowie mit Extravaganz auf.
Auch auf dem Glastonbury-Festival in Großbritannien fiel Bowie mit Extravaganz auf.© REUTERS | DAN CHUNG
Starke Mimik, fesselnde Präsenz – das waren Bowies Markenzeichen.
Starke Mimik, fesselnde Präsenz – das waren Bowies Markenzeichen.© REUTERS | LEONHARD FOEGER
Pure Bühnenpräsenz. Bowie während eines Konzerts im Juli 2002 in Norwegen.
Pure Bühnenpräsenz. Bowie während eines Konzerts im Juli 2002 in Norwegen. © dpa | Heiko Junge

„Let’s Dance“ ist das Erfolgsalbum, mit dem er im Juni 1983 in die Waldbühne kommt. Sein nächster Berlin-Auftritt 1987 aber wird nicht wegen schmissiger Rhythmen in Erinnerung bleiben. Ein „Wetterleuchten zum Ende der DDR“ schreibt später „Der Spiegel“ über das Pfingstwochenende, an dem die Ost-Berliner Jugend aufbegehrte.

Zur 750-Jahrfeier spielt Bowie am 6. Juni beim „Concert for Berlin“ auf dem Platz der Republik, ganz dicht bei denen, die nicht dabei sein können. Ausweiskontrollen auf Ostseite nutzen nichts, immer mehr Menschen versammeln sich dort vor dem Brandenburger Tor. Drei Tage lang treten vor dem Reichstag Bands wie Genesis und die Eurythmics auf. Auch mit Blick auf die vielen Hörer im Osten strahlt der Radiosender RIAS die Konzerte live aus. In beiden Stadthälften haben Musikfans 72 Stunden lang die Finger stets nahe den Aufnahmetasten ihrer Cassettenrecorder.

Die Menschen hinter der Mauer sangen mit

„Als wir anfingen, ,Heroes’ zu spielen, hörten wir, dass auf der anderen Seite der Mauer mehrere tausend Menschen laut mitsangen“, sagt Bowie später. Ein Lied danach ruft er auf Deutsch: „Wir schicken unsere besten Wünsche zu allen unseren Freunden, die auf der anderen Seite der Mauer sind.“

In der Nacht lassen die Menschen, die den Auftritt nur hören aber nicht sehen durften, ihren Frust heraus. „Gorbi, Gorbi“ rufen sie auf der Straße Unter den Linden. Die Außeinandersetzung wird bald handfest. Ost-Berlin reagiert mit Polizeiketten, Hundestaffeln, Gummiknüppeln und vielen Festnahmen.

So trauern Bowie-Fans in Berlin

Am Wohnhaus an der Hauptstraße in Schöneberg haben bereits am frühen Morgen Fans des heute verstorbenen Sängers David Bowie Blumen und Kerzen niedergelegt
Am Wohnhaus an der Hauptstraße in Schöneberg haben bereits am frühen Morgen Fans des heute verstorbenen Sängers David Bowie Blumen und Kerzen niedergelegt© Steffen Pletl | Steffen Pletl
Sänger Dyko aus Australien trauert um David Bowie.
Sänger Dyko aus Australien trauert um David Bowie.© Steffen Pletl | Steffen Pletl
Fans pilgern zum früheren Wohnhaus David Bowies an die Schöneberger Hauptstraße.
Fans pilgern zum früheren Wohnhaus David Bowies an die Schöneberger Hauptstraße.© REUTERS | FABRIZIO BENSCH
Blumen und Kerzen haben Bowie-Fans vor der Tür abgelegt.
Blumen und Kerzen haben Bowie-Fans vor der Tür abgelegt.© REUTERS | FABRIZIO BENSCH
Fotos erinnern an den Popstar David Bowie, der in Berlin einige seiner Hits schrieb.
Fotos erinnern an den Popstar David Bowie, der in Berlin einige seiner Hits schrieb.© REUTERS | FABRIZIO BENSCH
Ein Fan legt Blumen nieder.
Ein Fan legt Blumen nieder.© REUTERS | FABRIZIO BENSCH
„Where are we now?“ steht Berlin Schöneberg in der Hauptstraße 155, dem ehemaligen Wohnhaus des Musikers in Berlin, auf einem Zettel neben ein Foto des Musikers.
„Where are we now?“ steht Berlin Schöneberg in der Hauptstraße 155, dem ehemaligen Wohnhaus des Musikers in Berlin, auf einem Zettel neben ein Foto des Musikers.© dpa | Jens Kalaene
Blumen, Kerzen und Karten für David Bowie liegen neben einen Foto des Musikers in Berlin Schöneberg in der Hauptstraße 155, dem ehemaligen Wohnhaus des Musikers in Berlin, vor dem Hauseingang. Bowie verstarb am 10. Januar an einem Krebsleiden.
Blumen, Kerzen und Karten für David Bowie liegen neben einen Foto des Musikers in Berlin Schöneberg in der Hauptstraße 155, dem ehemaligen Wohnhaus des Musikers in Berlin, vor dem Hauseingang. Bowie verstarb am 10. Januar an einem Krebsleiden.© dpa | Jens Kalaene
Blumen vor dem Gebäude des früheren Hansa-Studios
Blumen vor dem Gebäude des früheren Hansa-Studios© Steffen Pletl
Jacky Byrne, ein Fan von David Bowie, macht in Berlin Schöneberg in der Hauptstraße 155, dem ehemaligen Wohnhaus des Musikers in Berlin, am mit Blumen geschmückten Eingang ein Erinnerungsfoto.
Jacky Byrne, ein Fan von David Bowie, macht in Berlin Schöneberg in der Hauptstraße 155, dem ehemaligen Wohnhaus des Musikers in Berlin, am mit Blumen geschmückten Eingang ein Erinnerungsfoto. © dpa | Jens Kalaene
„For David, Thank you for the music!“ steht auf einem Zettel in einem Blumenstrauß.
„For David, Thank you for the music!“ steht auf einem Zettel in einem Blumenstrauß. © dpa | Jens Kalaene
Rund 30 bis 50 Menschen legten am Nachmittag an dem Haus Blumen und Kerzen nieder.
Rund 30 bis 50 Menschen legten am Nachmittag an dem Haus Blumen und Kerzen nieder.© Frank Lehmann
Viele Fans nehmen bewegt Abschied von ihrem Idol.
Viele Fans nehmen bewegt Abschied von ihrem Idol.© Frank Lehmann
Vor dem Eingang der Hauptstraße 155 herrschte am Nachmittag dichter Andrang.
Vor dem Eingang der Hauptstraße 155 herrschte am Nachmittag dichter Andrang. © Frank Lehmann

Aus den folgenden Jahren sind von Berlinbesuchen und den Erinnerungen von Stadt und Künstler aneinander viele Momentaufnahmen geblieben: Lange Warteschlangen bei der großartigen „David Bowie“-Ausstellung im Martin-Gropius Bau, zu der 2014 150.000 Besucher kommen. Ein triumphales Konzert 2002 in der Max-Schmeling-Halle, am Sonntag als Edmund Stoiber nicht zum neuen Bundeskanzler gewählt wird. Seine Rückkehr nach den grässlichen 80er-Jahren zu alter Klasse mit dem 93er-Album „Buddha of Suburbia“. Im CD-Booklet gelingt es einem frisch verheirateten Bowie, die Worte Roxy Music, Philip Glass, New York clubs und Unter den Linden in einen Satz zu bringen.

Dann der Auftritt mit seiner ulkigen Hardrock-Band Tin Machine 1991 im Huxley’s, wo er rauchend und - das wäre nun wirklich nicht nötig gewesen - oben ohne zur Zugabe erscheint. Und schließlich jener Januarmorgen 2013, als Bowie aus dem Nichts wieder da ist und den Comeback-Titel „Where are we now“ veröffentlicht, das Stück über seine alte Liebe, West-Berlin. Das Video zeigt langsame Fahrten entlang der Mauer und das Haus an der Hauptstraße, wo einmal „David Jones“ auf dem Klingelschild stand.

In fünf Jahren geht die Menschheit unter

Drei Jahre später: In den prächtigen Räumen des einstigen Hansa-Studios kommen am Abend des 8. Januar 2016 400 Fans zusammen, um den 69. Geburtstag Bowies zu feiern. Die Menschen strahlen. Es gibt seit dem Morgen ein neues Album, zwei von Bowies ehemaligen Berliner Tontechnikern sind da, erzählen lebhaft Anekdoten, und eine Dame in Blau raunt, sie habe früher mal was mit Bowie gehabt.

Auf der Bühne sitzt ein täuschend echter Bowie-Imitator mit Schrammelgitarre. Er singt den Klassiker „Five Years“, eine packende Hymne über den Tag, als die Menschheit erfährt, dass ihr noch fünf Jahre bis zum Untergang bleiben. Eine Menge Zuschauer singen mit, man tanzt, ruft „Five Years“ und reckt die Fäuste bei jeder Silbe in die Höhe. Es ist Freitagnacht in Berlin. In drei Tagen wird die Nachricht von David Bowies Tod auf Facebook erscheinen.