Riesen-Überraschung beim Europäischen Filmpreis. Schauspiellegende Sir Michael Caine erhält einen außerordentlichen Ehrenpreis, direkt vom Vorstand der Europäischen Filmakademie. Das hat es in den 27 Verleihungen zuvor überhaupt nur zwei Mal gegeben. Der 82-Jährige kommt auf die Bühne und freut sich. Weil er, wie er bekennt, nie einen Preis bekommt.

Weil er auch bei den Oscars vier Mal nominiert war und immer bei den anderen klatschen musste. Was er, wie er lakonisch anmerkt, gut könne. Gut also, dass es so etwas wie einen Ehrenpreis gibt, den er gerührt entgegen nimmt. Dann aber geht es lange Zeit später an die Auszeichnung für den besten Schauspieler. Und da gewinnt er wieder – für seine großartige Altersrolle in dem italienischen Drama „Ewige Jugend“.

Völlig überrascht: Sir Michael Caine Reuters

Eine solche Doppelung gab es noch nie beim Europäischen Filmpreis. An diesem Abend sollte es sich aber gleich noch einmal wiederholen. Auch Charlotte Rampling, Landsmännin des Briten Caine, erhielt den Ehrenpreis, sie den regulären. Und auch die 69-Jährige hatte ihre Dankesrede schon gehalten (und den Preis ihrem erst im Oktober verstorbenen Mann Jean Noel Tassez gewidmet).

Aber dann ging es an die Kategorie Beste Schauspielerin – und sie gewann für das Ehedrama „45 Years“, der Film, der ihr schon auf der Berlinale im Februar einen Silbernen Bären eingebracht hat. Obwohl sie schon damals behauptete, dass sie nie Preise bekomme. Eine doppelte Huldigung, eine doppelte Freude für die beiden britischen Altstars. Die anderen Schauspieler freilich, die nominiert waren, sahen ein wenig enttäuscht aus.

ebenfalls überwältigt: Charlotte Rampling
ebenfalls überwältigt: Charlotte Rampling © dpa | Clemens Bilan

Ein wenig enttäuscht war wohl auch der deutsche Regisseur Sebastian Schipper. Kein Kinofilm des Jahres 2015 war so kühn und experimentell wie sein Berlin-Film „Victoria“, der 140 Minuten lang quer durch Kreuzberg in einer einzigen Einstellung gedreht worden ist. Damit hatte der Filmemacher einen beispiellosen Lauf.

Auf der Berlinale, wo er uraufgeführt wurde, hatte er zwar „nur“ einen Silbernen Bären für die Kamera eingeheimst, aber auch den Leserpreis der Berliner Morgenpost, ein Garant, dass ein solcher Film nicht nur bei Cineasten, sondern auch beim breiten Publikum ankommt. Der Film wurde dann in 35 Länder verkauft, gewann zahlreiche weitere Preise und räumte dann beim Deutschen Filmpreis gleich sechs Lolas ab, darunter für den Besten Film und die Beste Regie.

Nicht eine Trophäe für das deutsche Kino

Was wäre das für ein Jahresabschluss gewesen, wenn er nun auch beim Europäischen Filmpreis reüssiert hätte. Und was wäre das für ein Zeichen für den deutschen Film gewesen, der in diesem Jahr nicht eben mit großen Meisterwerken glänzte.

Aber am Ende gab es kein Victory für „Victoria“. Obwohl drei Mal nominiert, für die beste Schauspielerin, die Regie und den besten Film, ging er völlig leer aus. Auch Christian Friedel, der für „Elser“ als bester Schauspieler ins Rennen ging, reüssierte nicht.

Moderierte den Abend: Thomas Hermanns
Moderierte den Abend: Thomas Hermanns © REUTERS | POOL

Schippers roher, experimenteller, komplett improvisierter „Victoria“ und Paolo Sorrentinos hochartifizieller, komplett durchgestylter „Ewige Jugend“ waren die großen Antipoden des Abends. Letztlich stand damit auch zur Wahl: junges oder altes Kino. Und Sorrentino sollte als strahlender Gewinner hervorgehen, nicht ganz so strahlend wie vor zwei Jahren, als er mit „La grande bellezza“ gleich fünf Mal gewann.

Aber doch mit drei Trophäen, für Caine, für den Regisseur selbst und die Königskategorie, den Europäischen Film. Die Tatsache, dass auch zwei Alt-Stars als beste Schauspieler ausgezeichnet wurden, verstärkt das Gefühl: Das europäische Kino dieses Jahres - sieht reichlich alt aus.

So viel Glamour gab es lange nicht

Die Zeremonie, die Thomas Hermanns im Haus der Berliner Festspiele moderierte, geriet ein wenig zäh und war nicht ohne Pannen. Und so sehr die 3000 Mitglieder starke Europäische Filmakademie an diesem Abend den „Europäischen Film“ beschwörte, muss man doch immer wieder feststellen, dass ein solches europäisches Kino gar nicht wirklich existiert.

Zwar war es diesmal nicht so, wie oft in den Vorjahren, dass die Stars des Kontinents durch Abwesenheit glänzten. Tatsächlich waren diesmal fast alle Nominierten und viele Gaststars angereist. So viel Glamour gab es lange nicht mehr. Aber man ist sich an dem Gala-Abend doch sichtlich fremd.

Fremdeln mit dem Europäischen Kino

Und der einfache Kinogänger kann sowieso nicht mitbangen. Allein von den sechs Filmen, die um die Hauptkategorie als Europäischer Film konkurrierten, sind in Deutschland drei, also genau die Hälfte, noch gar nicht gelaufen. Und in ganz Europa ist es so, dass die Filmnationen immer weniger über ihre Grenzen hinweg Kino aus Nachbars Garten verfolgen.

Der Filmpreis wirkt da fast wie das Hobby einer verschworenen, entrückten Akademie. Und dass das deutsche Fernsehen die Zeremonie in diesem Jahr gar nicht mehr überträgt, nicht mal zeitversetzt, das spricht auch Bände.