„Hello, hello!“, ruft sie wie eine Diva. June Newton ist eine Diva, auch wenn sie mittlerweile auf den Rollstuhl angewiesen ist. 92 Jahre Leben, das hinterlässt Spuren. Schon wirft sie ihre Arme in die Luft, und das schwarze Mantelfell fliegt mondän, die Kette um den Hals funkelt. „Sexy“, ruft sie nun in die Fotografenmenge. Klick. Klick. Klick. „Einen besseren Sound gibt es nicht“, lacht sie und wirft sich in Pose, so gut es eben noch geht.
Man könnte ihr lange zusehen, so schlagfertig und witzig wie sie ist. Erstaunlich, je älter Helmut Newtons Witwe wird, umso stärker schlägt ihr darstellerisches Talent wieder durch, bricht sich geradezu Bahn. Sie war Schauspielerin, in ihrem ersten Leben, also bevor sie ihren Mann kennenlernte und den Job an den Nagel hing. „Ich dulde keinen anderen Gott neben mir“, hat Newton mal gesagt, dass hieß übersetzt: alle unterordnen. Mrs. Newton blieb also im Hintergrund. Doch jetzt ist es anders. Sie macht nun so, als wolle sie ihr Dekolleté zeigen. „Seid doch nicht scheu, wenn ihr nicht fragt, langweile ich mich.“ Nach Berlin kommt sie immer, wenn sie wieder eine neue Ausstellung mit Bildern aus dem schier unerschöpflichen Fundus ihres Mannes eröffnet. So wie jetzt: „Pages from the Glossies“. Und in „June’s Room“ zusätzlich die „Color Works“, Farbporträts vom langjährigen Newton-Freund, dem amerikanischen Fotografen Greg Gorman.
Zu sehen sind Faksimiles der damaligen Magazine
Gemeint sind mit den „Glossies“ jene Auftragsfotos, also Modestrecken und Reportagen, die Newton für Hochglanzmagazine wie „Vogue“, „Elle“, „Queen“ oder „Stern“ in den letzten 40 Jahren gemacht hat. „Mode ist, was man auszieht“, hat der 2004 verstorbene Fotograf einmal gesagt und wusste, dass er damit die Aufmerksamkeit auf seiner Seite hatte. Er liebte die Provokation, rhetorisch und als Stilmittel. „Newton versuchte, bei den Auftragsarbeiten die Grenzen auszuloten“, erzählt Kurator Matthias Harder. Er wusste, was in Magazinen geht, und was eben nicht. „Doch gerade dieses Korsett war die Herausforderung für ihn. Dagegen arbeitet er an.“
Ein gutes Beispiel ist die Fotostrecke „Berlin Berlin!“, die weit mehr ist als nur die Aneinanderreihung von Modefotos. Hier zeigt sich Newton als Erzähler. Mag sein, dass es damit zusammenhängt, dass diese Reportage in gewisser Weise auch eine Liebeserklärung an seine Heimatstadt Berlin war. Im Sommer 1979 beauftragte die „Vogue“ ihn mit dem Thema „Frauen in Berlin“. Der Fotograf mit Wohnsitz in Monaco, tat das, was wohl jeder machen würde: Er geht zurück an jene Orte, die ihm seit seiner Kindheit vertraut sind, natürlich besichtigt er das Brandenburger Tor, er besucht den Grunewaldsee und fährt zum Schlachtensee. Sein Model setzt er mit schwarzen Strapsen („Lycra Charmeuse“, 75–85) in ein Boot, irgendwo am Wasser gibt es ein Techtelmechtel eines Pärchens mit Ledermantel und Schäferhund.
Drumherum ist alles grau – die Aufnahmen finden im November statt. Die Szene scheinen wie aus einem Agententhriller zu Zeiten des Kalten Krieges. Ein Foto daneben zeigt eine verruchte Ninotschka, mit nichts als einem Ledermantel am Körper, ein glänzender Stern hängt am Kettchen um den blanken, tiefen Hals. Newton hat diesen Bildern einen Teil der Berliner Geschichte eingeschrieben.
Vergrößerte Faksimiles der Magazin-Seiten
Die Ausstellung, die sich über mehrere Räume zieht, präsentiert nicht etwa die Originale, sondern vergrößerte Faksimiles der damaligen Magazinveröffentlichungen. Was von Vorteil ist, weil man gleichzeitig auch den damaligen Kontext sieht, die Seitenzahlen, Beschriftung, Typografie und Bildunterschriften. Fotografen hatten nicht nur alle Zeit, sondern viel mehr Geld für das Setting, das ist klar.
Und so kann man viele dieser Fotos längst als ein Stück Mode- und Gesellschaftsgeschichte studieren, den Wandel von Kleidung und die Stellung der Frau generell. Etwa den Aufbruchsgeist der 70er-Jahre, beim „look of skin“ für die „American Vogue“. „The Story of Ohhh“ und „mm-MMM“, die sich typografisch am unteren Rand über die Seiten zieht. Es ist verblüffend, wie viele Motive tatsächlich zeitlos sind, und dass Newton, mächtiger Dompteur der „Big Nudes“, neben seinen unterkühlten Inszenierungen durchaus mit subtiler Erotik zu überzeugen wusste. Ein begleitender Bildband erschien schon 1998 im Schweizer Scalo Verlag, der ist längst vergriffen. Der Taschen Verlag hat den Band nun wieder aufgelegt.
Der Sänger Michael Jackson in ausgetüftelter Ballettpose
Etwas Zeit für „June’s Room“ sollte man sich unbedingt aufsparen. Greg Gormans „Color Works“, Close Ups aus dem Showbiz in XXL, sind allesamt unterschiedlich und ebenfalls im Auftrag von Magazinen entstanden oder von Künstlern selbst geordert: Graces Jones, John Waters, Bette Davis, Jodie Foster, Sharon Stone. Nicht vergessen: unbedingt Al Pacino direkt ins Gesicht blicken.
Gleich am Eingang hängt, einem Altarbild ähnlich und erstmals in Deutschland zu sehen, ein Foto von Michael Jackson (1987) in Tänzerpose und weißen, knappen Outfit am Boden sitzend – graziös wie eine Ballerina. Einen ganzen Tag habe er damals mit dem Sänger gearbeitet, erzählt Gorman. „Ein harter Arbeiter.“ Das sieht man dem Foto auch an – echt ist an Michael Jackson überhaupt nichts.
Museum für Fotografie, Jebensstr. 2. Di, Mi, Fr 10–18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr. Bis 22. Mai. Katalog: 39,99 Euro.


