Jahr für Jahr aufs Neue ziehen im Juli Zigtausende Lesben, Schwule und Transsexuelle am Christopher Street Day (CSD) über den Kudamm. Und ebensoviele Schaulustige säumen den Weg, Einheimische wie Touristen, um all das nackte Muskelfleisch und die schrillen Paradiesvögel zu bestaunen, die da für ihre Rechte demonstrieren. Nur, was Christopher Street Day eigentlich bedeutet, das wissen die wenigsten.

Nun kommt mit „Stonewall“ ein Film ins Kino, der zeigt, wie es 1969 in New York zu Straßenkrwallen mit der Polizei kam, was zum ersten CSD und einer weltweiten Schwulenbewegung führte. Seltsam genug, dass es 46 Jahre dauern musste, bis die Ereignisse zum Topos eines großen Spielfilms werden konnten.

Boykottaufrufe im Internet

Noch seltsamer aber, dass erst ein deutscher Regisseur kommen musste, der offen schwul lebende Roland Emmerich, um es zu inszenieren. Ausgerechnet er, der mit Katastrophenfilmen von „Independence Day“ bis „2012 – Das Ende der Welt“ den zweifelhaften Titel als „Master of Disaster“ hält und mit seinem ersten ernst zu nehmendem Drama, dem Shakespeare-Film „Anonymous“, an den Kinokassen empfindlich floppte.

Bei „Stonewall“ kam die Häme sogar lange, bevor der Film in die US-Kinos kam. Schon der erste Trailer löste einen regelrechten Shitstorm im Internet aus. Wobei man dem Regisseur ein geschichtliches „Whitewashing“ vorwarf und zum Boykott aufrief.

Flucht in die Großstadt

Wer den fertigen Film sieht, darf erkennen, wie unsinnig diese Vorwürfe waren. Zwar ist der jugendliche Held ein typischer WASP, ein weißer, angelsächsischer Protestant also. Aber er gerät in eine politisch fast überkorrekte Multikulti-Gang aus Weißen, Schwarzen und Latinos. Daran also krankt der Film nicht. An anderen Schwachstellen aber schon.

„Stonewall“ nähert sich seinem Thema aus einer so einleuchtenden wie un-originellen Perspektive. Da ist ein (fiktiver) Junge aus der Provinz, den der Vater aus dem Haus wirft, weil er mit einem anderen Jungen rumgemacht hat. Es ist, wohlgemerkt, eine Zeit, in der man Homosexualität noch immer für eine Geisteskrankheit hält und Elektroschocks für eine probate Heilungsmethode.

Willkürliche Polizei-Übergriffe

Die Flucht nach New York scheint der einzige Ausweg. So strandet der junge Danny (Jeremy Irvine) also mit kleinem Koffer und großen Augen in der Großstadt. Steht erwartungsfroh unterm Straßenschild der Christopher Street. Und wird aufgenommen von einer illustren Schar halbwüchsiger Gelegenheitsstricher, die ihn in die große, illustre Gay Community einführt, der Bar Stonewall Inn inklusive.

Aber auch im Big Apple werden die Schwulen nur geduldet, nicht akzeptiert. Immer wieder kommt es zu willkürlichen Polizei-Razzien, bei denen Schwule und Lesben gedemütigt, verhaftet oder gar verprügelt werden. Der Neuankömmling kriegt das gleich in der ersten Nacht am eigenen Leib zu spüren.

Die ganze Spannbreite der Schwulengemeinde

Aber dann kommt jener 28. Juni 1969, an dem die Schwulen nicht länger klein beigeben. Sondern sich wehren. Und den herbeigerufenen Polizei-Einheiten zeigen, dass sie doch mehr Manns sind, als man es ihnen nachsagt. Und Danny wirft den ersten Stein.

Bis es dazu kommt, sind allerdings die ersten anderthalb Stunden des Films schon vorbei. Emmerich scheint zu bemüht, die ganze Spannbreite der damaligen Schwulengemeinde aufzuzeigen, von der offensiven Transe bis zur angepassten Klemmschwester, dass er kaum zu den eigentlichen Ereignissen kommt.

Und so schrill er seine jungen Männer auch zeichnet: Wenn es um Sexualität geht, ­belässt auch er es bei einigen verschämten, im Halbdunkel angedeuteten Bettszenen. Offensichtlich wollte er das Massenpublikum nicht zu sehr verschrecken.

Sehr mainstreamig erzählt

Der Aufstand entlädt sich dann fast zufällig. Und es ist auch nur eine Nacht zu sehen, wiewohl sich die Straßenkrawalle auf mehrere Tage ausdehnten. Statt am Ende kämpferisch eine stolze, erstarkende Schwulenbewegung zu zeigen, gießt Emmerich wie in seinen Disaster Movies ein klebriges Happy End über den Film.

Schade. Da wäre mehr drin gewesen. Immerhin: Ein Anfang ist gemacht. Und vielleicht sagt auch das etwas über die heutige Akzeptanz von Schwulen: dass sie genauso glatten Mainstream machen können wie die anderen.