Das Warten hat sich gelohnt: Die mit Spannung erwartete „Faust“-Premiere von Robert Wilson war kurzfristig um zwei Wochen verschoben worden. Das macht kein Theater gern, aber es war eine kluge künstlerische Entscheidung. Am Mittwochabend wurde „Faust I und II“, Herbert Grönemeyer hat für die Aufführung eine eingängige, diverse musikalische Stile zitierende Musik komponiert, am Berliner Ensemble gefeiert. Der Schlussapplaus dauerte eine Viertelstunde, Grönemeyer sang live zwei Zugaben auf der Bühne. Nach viereinhalb Stunden verließ das Publikum gegen 23.30 Uhr das Theater – ein bisschen geschafft, aber glücklich.
Dass man aus Goethes „Faust“, diesem zugleich berühmtesten und immens aufgeladenen Werk der deutschen Klassik, ein Musical machen kann, hätte man nicht unbedingt gedacht. Textliebhaber kommen hier weniger auf ihre Kosten, denn Dramaturgin Jutta Ferbers, die die Spielfassung erstellt hat, musste kräftig kürzen. Regisseur Peter Stein hat mal vor vielen Jahren den letztlich gescheiterten Versuch unternommen, beide Teile an zwei Abenden ohne Striche zu inszenieren, an einem Abend ging dieser letztlich gescheiterte Versuch allerdings nicht über die Bühne
Best of Goethe
Eineinhalb Stunden braucht Wilson für den ersten Teil. Die größte Überraschung: Es sind nahezu alle Szenen drin, wenn auch meist nur kurz angerissen – Wilson und Ferbers liefern eine Art Reader’s-Digest-Version. Es gibt sogar Vorspiel, Zueignung und den Prolog im Himmel, bei dem ein Erzengel mit seiner Trompete ein paar Misstöne verbreiten darf und ein anderer sich bereitwillig von Mephisto angrabbeln lässt – schließlich trifft der Teufel hier auf alte Bekannte, war er selbst doch einst ein Engel.
Christopher Nell spielt Mephisto mit spöttischem Unterton, die Verwandlung vom Pudel zum Teufel kommentiert er mit einem schlichten „Wau“. Gern schiebt er sein Becken vor, die Teufelshörnchen auf dem Kopf wirken allerdings bloß albern. Mephisto nimmt die Wette mit Gott sportlich. Und hat es gleich mit mehreren Fausts (Nicolaas van Diepen, Marvin Schulze, Joshua Seelenbinder, Alexander Wanat und Fabian Stromberger) zu tun. Der Osterspaziergang wird gesungen, der Zaubermantel, mit dem es später in die Lüfte geht, ist bei Wilson, der auch die Bühne und das Lichtkonzept entworfen hat, eine Jahrmarktschaukel – bevor die aufsteigt, schnallen sich die Fausts noch schnell an.
Mephisto ist stimmlich top
Auch Grete (Antonia Bill, Christina Drechsler, Dorothée Neff) gibt es mehrfach. Die Vervielfachung der Personen dürfte dem choreografischen Ansatz der Inszenierung geschuldet sein. Und wohl auch dem Umstand, dass es oft besser klingt, wenn mehrere Personen singen und nicht nur eine. Bei Mephisto stellt sich diese Frage nicht, der ist stimmlich top.
Dass man den ersten Teil der Tragödie problemlos eindampfen kann, haben auch schon Nicolas Stemann, dessen Hamburger Thalia-Inszenierung beider Teile der Tragödie beim Berliner Theatertreffen zu sehen war, und Michael Thalheimer gezeigt. Er hat daraus am Deutschen Theater ein Sprachkunstwerk gemacht, leider musste die Inszenierung nach dem Tod des Schauspielers Sven Lehmann, der ein Jahrhundert-Mephisto war, abgesetzt werden.
Jetzt gibt es endlich wieder einen „Faust“ in Berlin – und natürlich einen ganz anderen. Die Premiere hatte schon den Charakter eines Events. Berlins Regierender Bürgermeister und amtierender Kultursenator Michael Müller (SPD) ließ sich die Aufführung trotzdem entgehen. Er hätte an diesem Abend nach den heftigen verbalen Auseinandersetzungen um die Zukunft der Berliner Theater – und die Diskussion um die Vertragsverlängerung von bewährten Kräften wie Volksbühnenchef Frank Castorf – seinen Frieden mit Claus Peymann, dem 2017 scheidenden Intendanten des Berliner Ensembles, machen können. Das Stück liefert eine wunderbare Vorlage. Da sagt der Kaiser in der Walpurgisnacht-Szene: „Denn bei dem Volk, wie bei den Frauen, steht immerfort die Jugend obenan. Jetzt ist man von dem Rechten allzu weit, Ich lobe mir die guten Alten; denn freilich, da wir alles galten, da war die rechte goldne Zeit.“
Wie ein altes Ehepaar
Die Herausforderung bei „Faust“ ist natürlich der zweite Teil, das Bezwingen der gewaltigen Textgebirge. Dieser Teil verweigert sich einem schnellen Konsum, Goethe taucht hier tief in die Antike ein, mit einem Hang zum Mystizismus. Wilson und Grönemeyer scheren sich weniger darum, ihre „Faust“Inszenierung ist keine intellektuelle, sondern eine ästhetische Veranstaltung: Wilson schafft reizvolle Bilder, Grönemeyer schöne Songs, die das kleine Orchester unter der Leitung von Hans-Jörn Brandenburg und Stefan Rager live spielt.
Das Schöne an Goethes Tragödie ist ja, dass man aus dem Stück so vieles herausholen kann. Wilson interessieren naturgemäß nicht die psychologischen Aspekte, nicht das „Faustische“, das Streben nach Allmacht – und insofern ist es konsequent, dass er den Schluss verändert: Eigentlich kommt da der große tragische Moment. Faust, mittlerweile alt und erblindet, hört Arbeitsgeräusche und denkt, ein Damm wird zum Wohle der Menschheit gebaut, aber in Wahrheit, kleiner Zynismus von Goethe, wird sein Grab ausgehoben.
Wilson schenkt sich diese Szene, in seiner Inszenierung sitzen Mephisto und Faust wie ein altes Ehepaar auf der Bank und fragen sich, wohin es nun gehen soll. Das Ensemble stimmt dann zum Abschluss das Lied vom Vergänglichen, vom Unzulänglichen, vom Ewig-Weiblichen an und fürs Publikum ist die Antwort auf Fausts Frage klar: Es geht nach Hause.
Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Karten: 284 08 155. Nächste Vorstellungen: 17.-20. und 22. Mai


