Klassik

Was Stargeiger David Garrett an Berlin besonders mag

Der Stargeiger David Garrett hat einen vollen Terminkalender. Für uns hat er sich trotzdem Zeit genommen, um an Berliner Ecken wie den Flughafen Tegel zu fahren, die ihm etwas bedeuten.

Foto: Reto Klar

Der erste Blick fällt auf den Totenkopfring. Kaum ein Artikel über David Garrett, bei dem dieses Accessoire nicht erwähnt wird. Gleich beim Händeschütteln wage ich deshalb die Frage, ob so ein schwerer Ring denn nicht stört beim Handwerk, beim Fingerspiel. Der Stargeiger lacht. "Ich halte es da mit der Aussage von vielen, vielen Geigern: Je schwerer der rechte Arm, desto lauter der Sound." Dann setzt der 33-Jährige noch nach: "Und da ich nicht so viel auf den Rippen habe, muss ich nachhelfen." Damit sind schon mal ein paar Wesenszüge des Wundergeigers angeklungen. Der Mann ist nahbar. Blöde Fragen gibt es nicht. Und Humor hat er auch.

Ich treffe den Musiker zu einem außergewöhnlichen Termin. Wir wollen gemeinsam ein paar Ecken der Stadt abfahren, die ihm etwas bedeuten, die ihm besonders am Herzen liegen. Immerhin ist Berlin ja sein Zweitwohnsitz – nach New York. Der Zeitplan ist indes ambitioniert. Am Tag zuvor war Garrett noch in Hamburg, am nächsten Tag geht es nach Halle weiter. Und am Abend des Treffs gibt er zwar kein Konzert, bekommt aber einen Preis verliehen. Da bleiben keine anderthalb Stunden für die Tour. Wir wagen es trotzdem.

Zu kalt für die Geige

Treffpunkt ist das Soho-Hotel in Mitte. Er steigt aus dem Lift, wie fast immer in Jeans und offenen Boots, Shirt mit tiefem V-Ausschnitt und Sakko. Noch ein wenig kühl für den frühen Märzabend. Das berühmte blonde Wallehaar hat er unter eine schwarze Mütze gezwängt. So ist er vielleicht nicht ganz so leicht zu erkennen. Auf der Schulter trägt er, wie einen Designer-Schulranzen, seinen Geigenkasten. In der Hand hat er eine Glasschale voller Bonbons. Und schenkt sie den Damen an der Rezeptionist. Die Süßigkeiten standen wohl in seiner Suite. Eine Aufmerksamkeit, die er gern weiterreicht. Und eine Versuchung, die er wohl vermeiden will.

Draußen wartet schon sein Tourwagen, ein schwarzer Audi Van Q 7. Samt Chauffeur. Weil er sich "aus versicherungstechnischen Gründen" nicht selbst ans Steuer setzen darf. Dass sagt Jörg Kollenbroich, sein Tourmanager, der mit einsteigt. Der Fotograf ist schon vorgefahren. Los geht es Richtung Tiergarten. "Wir schaffen das schon", meint Garrett optimistisch, was das Zeitfenster angeht. Er hat nur zwei Sorgen: dass sein Handy durchhält, er hat nur noch vier Prozent Saft. Und dass die Preisverleihung rechtzeitig zu Ende ist, damit er noch ein Champions-League-Spiel im Fernsehen schauen kann.

Der Kühlschrank ist leer

Wie oft ist David Garrett eigentlich in Berlin? Vielleicht vier bis acht Wochen. Warum treffen wir uns dann im Soho-House? Warum nicht bei ihm zu Haus? "Das Problem ist", sagt Garrett, "wenn du arbeiten musst und der Terminkalender voll ist, lohnt es sich gar nicht, nach Hause zu gehen. Da habe ich nichts im Kühlschrank. Da ist es einfacher, ins Hotel zu gehen." Auf die Art und Weise kennt er Berlin als Einheimischer wie als Reisender. Wenn man jede Nacht in einer anderen Stadt aufwacht, weiß man da eigentlich noch, wo man ist? "Wenn du im Dunkeln aufwachst, nein. Aber wenn du aus dem Fenster guckst, dann meistens doch." Meistens.

Garrett liebt Mitte, wohl weil er hier seine erste eigene Wohnung bezogen hat. Den Trend zurück in den Westen, an den Kudamm findet er dagegen "wuah". Das erste Ziel, das wir anpeilen, ist, nicht sehr überraschend, die Philharmonie. Wir kommen gerade noch so in der Dämmerung an, die blaue Stunde, wie man das nennt. Den Geigenkasten könnten wir mitnehmen, meint der Manager, aber herausholen dürfen wir das Instrument nicht. Zu kalt. Das findet auch der Geiger, der nun doch ein bisschen zu wenig anhat, aber tapfer auf das Gestein vor der Gemäldegalerie klettert. Der Fotograf muntert ihn auf, sich dort auch aufzurichten. Aber da interveniert der Tourmanager: "David, ich kann alles gebrauchen, aber nicht, dass du dir die Hand brichst."

Die Philharmonie spielt man nicht locker runter

Die Philharmonie ist nicht nur eine der zehn wichtigsten Konzertsäle der Welt. Hier war David Garrett schon als ganz kleines Kind praktisch zu Hause. Und kannte schon damals den Künstlereingang besser als die Hauptpforte. Hier hat er für Itzhak Perlman vorgespielt, da war er neun, für Zubin Metha, da war er zehn, für Barenboim mit elf und Abbado mit zwölf. Meist auf der Bühne, oder wie für Perlman backstage, im Aufenthaltsraum für Solisten. Da, wo er heute selber sitzt, wenn er hier ein Konzert gibt. "Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, die Philharmonie spielt man locker runter." Hier gab er gerade mal wieder ein ganz klassisches Recital: alle drei Violinsonaten von Brahms, nur er und der Pianist auf der Bühne. Ein anspruchsvolles Programm vor 2400 Zuhörern. Das ist natürlich eine andere Herausforderung, als wenn er am 23. Juni in der Waldbühne mit seinem Crossover-Programm "Classic Revolution Open-Air" mit großem Orchester vor fast zehn mal so vielen Fans auftreten wird. "Zwei Welten", meint er selbst. Aber er will sich nicht auf das eine oder andere festlegen. Das genau ist seine Marke. Und die ewige Diskussion um E- und U-Musik, die langweilt ihn.

Ich spreche ihn daher auf eine andere Diskussion an. Hier, am Kulturforum, wird ja eifrig debattiert, die Brache zu beleben und wo das neue Museum der Moderne stehen soll. Wie steht er denn dazu? Da erwische ich den Musiker offensichtlich kalt. Da sei er nicht eingeweiht, da müsste ich ihn mal auf den Stand bringen. "Wo soll es denn gebaut werden? Davor, damit man die Philharmonie nicht mehr sieht?" Er scheint geschockt. Der Platz sei doch Kult, das sei wichtig für die Stadt. "Da würde ich nichts dran machen." Er merkt, dass das vielleicht ein bisschen simpel klingt, lässt sich zeigen, wo das Museum bestenfalls hinkommt. "Na auf so einer freien Stelle fände ich das nicht schlimm. Wird ja auch sonst soviel gebaut." Dann flüchtet er sich in wirtschaftliches Kalkül: "Solange das Budget stimmt und man am Ende nicht das Drei- bis Vierfache zahlt, weil es schlecht kalkuliert war, ist alles in Ordnung."

Auch beim Joggen immer mit Manager

Die Aussage beschäftigt mich noch, als wir längst wieder im Wagen sitzen. Der nächste Ort ist schnell erreicht, wir sind im Tiergarten. Den Park liebt er, ähnlich wie den Central Park in New York, als wohlige Oase mitten im Verkehr. Hier joggt David Garrett gern. Von seiner Wohnung aus durchs Brandenburger Tor in den Park und zurück. Gut zehn Kilometer in knapp 55 Minuten, ein Pensum, das uns überrascht. Noch mehr überrascht uns, dass der Tourmanager immer mitjoggt. Offensichtlich kann David Garrett nichts alleine tun, immer spricht er im Plural. "Das ist besser für die Motivation", erklärt er. "Wenn dich einer aus dem Bett zieht, wenn du mal keinen Bock hast." Beim Geigen-Üben sei er ehrgeizig, beim Sport nicht. Da müsse er – oder ein anderer – oft seinen inneren Schweinehund überwinden.

Aber wird man in so einem öffentlichen Park nicht überall erkannt und ständig angequatscht? Garrett grinst überlegen: "Moving target ist immer super. Niemand hält jemanden an, der joggt. Klar gucken die Leute. Aber solange du dich bewegst, spricht dich selten jemand an. Wenn du allerdings in der Gegend stehst, passiert das natürlich schnell." Wir sind da vielleicht an der empfindlichsten Seite des Startums angelangt: den Fans. Den Trauben, die sich um einen bilden. Nervt das nicht? "Nein", sagt er bestimmt. "Du musst das wirklich so verstehen: Das ist mein Publikum." Er gibt zu, dass es manchmal wenig Hemmungen gibt. Dass Leute ihn oft ungefragt fotografieren, wenn er gerade isst oder in ässiger Kleidung reist. Da denke er manchmal schon: "Hallo, ich bin doch kein Affe im Zoo." Aber das gehöre nun mal zum Job. Und es sei auch ein Riesenluxus, Leute um sich zu haben, die das mögen, was du tust. "Das darf man nicht mit Füßen treten." Fast scheint es, als würde jetzt eine Nagelprobe kommen, als ein paar Passanten unseren Weg kreuzen. Aber nein, sie erkennen den Mann unter den Mütze nicht. Vielleicht ist es schon zu dunkel.

Krokodilstränen für Flughafen Tegel

Wir peilen unsere letzte Station an. Den Flughafen Tegel. Der Musiker wird nun allerdings doch nervös. Schaffen wir das noch? Haben wir uns nicht verquatscht? Der Manager vorn kalkuliert kühl, der Fahrer gibt Gas. Und wir haben einen Trumpf in der Hand: Am Ende könnte David Garrett ein Foto von ihm am Flughafen haben. Das möchte er auch wirklich. Denn Tegel, schwärmt er, "ist der schönste, angenehmste, der geilste Flughafen der Welt. Und ich muss es wirklich wissen, ich habe sie alle gesehen." Die kurze Anfahrt, das direkte Vorfahren zum Gate, kein Durchgeschleustwerden durch die kommerzialisierten Duty-Free-Bereiche – "das alles", sagt er, "gibt es nur in Tegel. Und das ist perfekt für Reisende."

Gerade noch im Zeitlimit, schaffen wir es zum Haupteingang. Jetzt ist es schon richtig dunkel, selbst die Taxifahrer und die Reisenden erkennen Garrett nicht oder sind einfach zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Das gefällt ihm, wie er hier unerkannt stehen und schwärmen kann. "Das ist eine Katastrophe, dass es Tegel bald nicht mehr geben soll. Ganz großer Käse. Ich weine dem Flughafen jetzt schon hinterher." Vergessen ist auch alles, was er zuvor noch über Bauarbeiten sagte, die im Rahmen bleiben. "Man drückt immer die Daumen, dass die Fertigstellung des BER sich so lange wie möglich hinauszieht."

Heißhunger auf Currywurst

Jetzt, mitten auf dem Flughafen, überkommt den Musiker plötzlich eine irre Lust auf eine Currywurst. Könnte man nicht noch irgendwo schnell hinfahren...? Der Manager guckt auf die Uhr, schüttelt energisch den Kopf. Entschuldigt: "Wir haben gerade Wochenlang Low-Carb hinter uns. Da überkommen einen solche Gelüste." Immer ist vom Wir die Rede, alles machen die beiden offensichtlich gemeinsam. Sogar auf Kohlehydrate verzichten. Lass uns erst mal zur Preisverleihung, meint der Manager, und gucken, was es da so gibt. Wenn "wir" danach noch einen Jieper darauf hätten, könne man das immer noch tun. Dann aber das volle Programm, seufzt Garrett. Mit Pommes. Rotweiß.

Eine letzte Frage: Was macht David Garrett eigentlich, wenn er nichts tut? Der Geiger schaut ein wenig verständnislos. "Ganz normal." Auf die Frage, was das heißt, überlegt er erst einmal. Frühstücken. Bisschen Sport. Üben. Alles ein wenig länger. Und sonst? Er muss den Manager fragen. Auch das Privatleben von David Garrett scheint genau gemanagt zu werden. Eine etwas traurige Erkenntnis, als der Van in der Dunkelheit verschwindet.

Foto: Reto Klar

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