Nebelschwaden lichten sich und geben allmählich den Blick frei auf aufgewühlte Erde, zerschossene Panzer und zerfetzte Körper. Dazwischen reitet, in einer endlos lang anmutenden Eröffnungsequenz, ein deutscher Offizier gemächlich und erhaben auf einem Schimmel dahin. Eine fast mythische Stimmung, irgendwo zwischen Wagner-Walhalla und Schimmelreiter. Bis auf einmal ein amerikanischer GI aus dem Nichts hervorspringt, den Offizier vom Pferd reißt, ihn brutal tötet und mehrfach mit dem Messer ins Auge sticht.

Der Amerikaner ist Brad Pitt. Und der scheint noch einmal seine Rolle aus „Inglourious Basterds“ zu variieren. Nur dass er hier alle Grausamkeiten von Tarantinos Nazikiller-Truppe ganz auf sich allein vereint. Mit „Herz aus Stahl“ beginnt pünktlich am 1. Januar das neue Kinojahr auf brutalstmögliche Weise. Pitt ist Kommandant eines US-Panzers auf deutschem Boden in den letzten Kriegstagen 1945, er trägt den Spitznamen Wardaddy und verhält sich auch so. Er und seine vier Kameraden horten nicht nur Eiserne Kreuze und SS-Uniformen in ihrem rollenden Todeswagen, sondern auch Skapls, ja halbabgeschnittene Gesichter ihrer Feinde.

Jolie und Pitt, eine Kriegsehe

So dass der Neue, der ihnen zugeteilt wird, sich erst mal stellvertretend für alle Kinozuschauer übergeben muss. Obwohl dieser junge GI Norman (Hollywoods ewige Nachwuchshoffnung Logan Lerman) eigentlich eine Schreibtischkraft ist, wird er Wardaddys Einheit zugeteilt, muss gleich am ersten Tag ins Gefecht und erlebt das ganze Grauen des Krieges. Der Originaltitel bringt den Film weit besser auf den Punkt: „Fury“, so nennen die Soldaten ihren Panzer, sie haben den Namen sogar aufs Kanonenrohr gemalt. Fury heißt Wut, und darum geht es. Wut auf den Feind, aber auch auf sich selbst und das, was der Krieg aus den Männern gemacht hat.

Unglaublich, dass sich das frisch verheiratete Star-Paar Angelina Jolie und Brad Pitt gleich mit zwei blutigen Kriegsepen auf der Leinwand zurückmeldet. Das Wort „Kriegsehe“ gewinnt hier eine ganz andere Bedeutung. Beide Filme spielen im Zweiten Weltkrieg und werden aus der Sicht eines noch relativ jungen, unschuldigen Amerikaners erzählt. Angelina Jolie hat als Regisseurin in „Unbroken“, der in drei Wochen startet, das Martyrium in einer japanischen Kriegsgefangenschaft nachgestellt, Pitt spielt in „Herz aus Stahl“ nicht nur den Wardaddy, er hat den Film auch mitproduziert.

Konsequente Reduktion

Regisseur David Ayer, der erst als Drehbuchautor von Action-Filmen wie „U-571“ und „Training Day“ bekannt wurde, bevor er auf den Regiestuhl wechselte, zeigt hier den Krieg einmal nicht aus der Totalen, mit Heerscharen von Bataillonen, die einen Kontinent befreien. Er reduziert den Blick konsequent auf einen kleinen Ausschnitt, auf einen einzigen Tag und diesen einen Panzer. Er tut das nicht ganz so radikal wie der israelische Film „Lebanon“, der ein Kriegsgeschehen hochklaustrophobisch ausschließlich aus der Enge eines Panzerinneren gezeigt hat.

Aber doch nimmt Ayer dem Genre jedes Pathos. Die Amerikaner werden hier nicht als ideale, immergute, aufeinander eingeschworene Truppe gezeigt. Die Panzer-Bande (darunter auch Stars wie Shia LaBeouf und Michael Pena) sind abgestumpfte, verrohte, ja vertierte Männer, die sich auch gegenseitig demütigen, bedrohen und rassistisch verhöhnen. Und der junge Novize wird diesen Männern auch nur zugeteilt, um als dramaturgischer Spiegel zu dienen: Denn natürlich war auch Wardaddy Pitt am Anfang mal so ein junges, angstvolles Bürschchen, bis ihn der Krieg zu diesem brutalen, zynischen Racheengel deformiert hat.

Immerzu wird hier geschossen und gemetzelt, werden Tote wie Lebendige von Panzerketten zerquetscht, fließt Blut in Strömen und werden Körper zerfetzt. Die verstörendste Sequenz aber geschieht weitab vom Schlachtfeld. In einem bessetzten Städtchen entdecken Wardaddy und sein Novize Norman zwei junge deutsche Frauen. Die haben erst Angst, vergewaltigt zu werden, allmählich bildet sich so etwas wie Vertrauen, dann sogar ein freundschaftliches Mahl mit amerikanischer Dosennahrung und Klavierspiel. Bis auch die anderen Panzerkameraden in die Wohnung dringen, gierig auf die Frauen schauen und die Stimmung wieder ins Bedrohliche kippt. Hier ist jeder seines Nächsten Feind.

Brad Pitt spricht Deutsch

Man muss sich den Film unbedingt im Original ansehen. Weil Brad Pitt hier wiederholt auf deutsch radebrecht. Und weil die Deutschen in diesem Film mit einem noch schlimmeren Akzent sprechen als der US-Kommandant. Für den deutschen Markt ist „Herz aus Stahl“ ganz offensichtlich nicht gemacht. Und so differenziert er die Anspannungen und Animositäten innerhalb des Panzerinneren zeigt, so einseitig bleibt er mal wieder in der Darstellung des Feindes. Als habe es „Inglourious Basterds“ mit seinem durchaus vielschichtigen, ambivalenten deutschen Figuren nie gegeben. Ayers „Herz aus Stahl“ will laut Vorspann auf wahren Begebenheiten basieren und einen realistischeren Blick auf den Krieg werfen. Doch beim Feind summieren sich nur wieder alle Klischees, die man längst für überwunden hielt.

Am klarsten wird einem „Herz aus Stahl“ erst, wenn man den Abspann sieht, in dem sich dunkle Schatten zu Carmina-burana-artigen Chorälen vor blutrotem Hintergrund durchmetzeln. So gesehen ist „Herz aus Stahl“ weniger ein Kriegs- denn ein Zombiefilm, der noch an einen ganz anderen Brad-Pitt-Film der jüngsten Zeit denken lässt, „World War Z“. Damit aber geht die ganze ursprüngliche Aussage des Films über Menschen, die im Krieg zu Tieren werden, unter großer Ballerei wieder verloren.