Vergessen wir alles, was wir so unter Science-Fiction verstehen. Science-Fiction, so dachten wir, ist ein Filmgenre, in dem Raumschiffe durchs All sausen. In Christopher Nolans heißersehntem neuen Film „Interstellar“, der diese Woche in die Kinos kommt, sitzt man dagegen die ersten 50 Minuten auf Mutter Erde. Die Welt ist wegen des Klimawandels ziemlich am Ende, Sandstürme machen die Ernten kaputt. Das aber erfahren wir erst mal, weil wir uns unter Farmersleuten befinden.

Science-Fiction, so dachten wir, spielt in zukünftigen, designten, immer irgendwie spacig-futuristisch anmutenden Interieurs. In dieser Zukunft aber sieht alles irgendwie ziemlich gleich aus wie heute. Die Farmer tragen immer noch Jeans, die Häuser, selbst die Autos sind immer noch dieselben. Nur die Mähdrescher brauchen keine Fahrer mehr, das funktioniert alles automatisch. Wenn es denn noch etwas zu mähen gibt.

Die Zukunft als Doku-Drama

Science-Fiction, auch das dachten wir, wird, weil es in der Zukunft spielt, „nach vorn“ erzählt. Nicht so bei Christopher Nolan: Da sprechen anfangs alte Menschen, wie das damals war. Die Zukunft als Doku-Drama, von „Zeitzeugen“ erzählt, auch das ist recht unerwartet.

Und dann leben Filme dieser Art gewöhnlich vor allem von Action. Bei der die Logik nicht immer zwingend mit im Cockpit sitzt. Aber auch hier überrascht Nolan. Nicht nur sind all die Szenen im All, die schließlich doch noch kommen, komplett geräuschlos. Was sich George Lucas bei seinem „Star Wars“-Salat noch nicht getraut hatte, sich aber seit dem letzten Oscar-Sieger „Gravity“ endlich durchzusetzen scheint. Nein, Nolan fährt auch allerhand Quantenmechanisches, Relativitätstheoretisches auf, erklärt uns so nebenbei etwas von der Biegung des Lichts und der Krümmung der Raumzeit, dass es einem schon schwindeln kann, bevor das Raumschiff überhaupt abhebt.

Augen und Ohren gehen einem auf

Christopher Nolan hat nicht nur mit seinen „Batman“-Filmen das Comic-Genre zum Autorenkino erhoben. Er hat uns (und Leonardo DiCaprio) auch in „Interception“ schon durch intellektuelle Zeitlöcher geworfen. Und jetzt tut er nichts weniger, als das Science-Fiction-Fach wenn schon nicht neu zu erfinden, so doch auf den Kopf zu stellen. „Interstellar“ muss man ganz nah an Stanley Kubriks bis heute unerreichten Meilenstein „2001 – Odyssee im Weltraum“ ansiedeln. Auch der war, genre-untypisch, nicht auf Action aus, sondern zeigte einige geradezu poetische Aufnahmen aus dem All. Und auch den hat man, selbst beim noch-so-häufigsten Wiedersehen, am Ende immer noch nicht ganz verstanden. Macht aber nichts. Dort gingen einem Augen und Ohren auf. Hier geschieht das erneut.

„Interstellar“ handelt von einer nahen Zukunft, die die Menschheit ziemlich kaputt gemacht hat und in der sie langfristig nicht überleben wird. Deshalb sehen wir Matthew McConaughey, einen der Oscar-Gewinner des Jahres, ziemlich lange als ausgedienten Astronauten, der jetzt Farmer sein muss. Weil das der wichtigste Beruf ist angesichts all der Erntedesaster. Und weil die Nasa sowieso dicht gemacht wurde. Heißt es. Die gibt es aber doch noch. Und der Raumfahrer wird schließlich doch noch reaktiviert. Und ins All geschossen.

Höllensturz ins Wurmloch

Nicht das Schlechteste, wenn dabei eine Oscar-Siegerin 2013 neben einem Platz nimmt. Keine Nasa-Frau hat je so gut ausgehen wie Anne Hathaway. Ein Kalkül dieses Filmes heißt ganz klar: Stars in den Sternen. Einige weitere, wie Jessica Chastain, Michael Caine und Matt Damon, kommen noch hinzu.

Ein Wurmloch dient als Türöffner in fremde Galaxien. Dort könnten neue Lebensformen gefunden werden, bevor die gute alte Mutter Erde endgültig den Geist aufgibt. Das Problem ist die Zeit. Auch relativ gesehen. Denn McConaughey lässt zwei Kinder zurück, die hoffen, dass der Vater sie retten wird. Aber sie werden älter und älter, während der Papa im All nicht eine Falte kriegt. Damit dass alles nicht zu wissenschaftlich-vertrackt wird, schreibt das Drehbuch, das der Regisseur mit seinem Bruder Jonathan Nolan schriebt, auch viel Menschelndes vor. Ein doppelter Vater-Tochter-Konflikt: Die erwachsene Murph ( Chastain) leidet darunter, dass der Papa das All ihr vorgezogen hat. Und die von Anne Hathaway gespielte Astronautin ist die Tochter eines Nasa-Forschers (Caine), der schon weiß, dass er sie nie wieder sehen wird.

Traumhafte Bilder aus dem All

Die Zeit zerdehnt sich. Nicht nur im All, auch im Kinosaal. 169 Minuten, das sind noch mal neun mehr als bei „2001“. Aber sie vergehen buchstäblich wie im Flug. Nolan schenkt uns die Faszination an der Raumfahrt zurück. Sein neuer Kameramann Hoyte Van Hoytema findet dafür traumhafte Bilder, nach denen man sofort selber zum Weltraumtourist werden möchte. Sie werden noch traumhafter, wenn man sie im Zoo-Palast sieht, dem einzigen Kino, dass den Film im 70mm-Breitwandformat zeigt. Auch die Nasa dürfte dem Film, so kurz nach dem Desaster beim Start der jüngsten „Cygnus“-Rakete in Virginia, dankbar sein.

Es gibt so wunderbare kleine Ideen, die nur ein Nolan hat. Wenn der Astronaut sich in der Schule seiner Tochter sagen lassen muss, die Mondlandung sei nur ein Märchen gewesen, um die Russen bei ihren All-Ambitionen in den Ruin zu treiben. Oder wenn McConaughey später im Raumschiff Grillenzirpen und Regenprasseln auf dem Ipod hört, um keinen All-Koller zu bekommen. Auch Roboter werden bei Nolan nicht mit Hightechschnickschnack ausgestattet, im Gegenteil: Sie erinnern nicht von ungefähr an den schlichten Kubus aus „2001“, sind aber viel wendiger und multiflexibel.

Hohelied auf ein totgesagtes Genre

„Interstellar“ ist ein Hohelied auf das immer wieder totgesagte Genre. Und ein regelrechtes Weihespiel. Dafür hat auch Hollywoodkomponist Hans Zimmer tief in die Orgel gegriffen. Lange Zeit lässt er das Instrument wie als Anlasser brummen, um dann beim Start ins All buchstäblich alle Register zu ziehen.

Nur ganz am Ende legt der Film dann doch ein paar Gänge zu viel ein, wenn der Astronaut im All sich selbst auf der Erde begegnet. Aber auch das haben wir so, oder so ähnlich, ja schon bei „2001“ gesehen. Ganz hat Nolan die Endmarke „2001“ nicht erreicht. Aber er ist dem Monolithen näher gekommen als jeder vor ihm. „Gravity“ vom Vorjahr wirkt dagegen schon wieder simpel. Fast bedauern möchte man J.J. Abrams, der, nachdem er die „Star Trek“-Serie reaktivierte, jetzt auch Lucas’ „Star Wars“-Reihe recyclet. „Krieg der Sterne“ war immer schon eher was fürs Kinderzimmer. „Interstellar“ dagegen zeigt, dass man auch als denkender Mensch Science-Fiction genießen kann.