Nationalsozialismus

Als Menschen singen mussten, um zu überleben

150 jüdische Häftlinge studierten im KZ Theresienstadt Verdis Totenmesse ein. Das Konzert-Drama „Defiant Requiem“ erinnert daran. Jetzt feiert es in Berlin Deutschlandpremiere.

Foto: Defiant Requiem Foundation, Foto: Josef Rabara

Er hatte nur einen kleinen Zettel bekommen. Auf dem stand, dass er sich am Montag, den 24. November 1941, am Hauptbahnhof in Prag einzufinden habe. Wahrscheinlich werde es sich wieder um einen dieser Arbeitseinsätze im Umland handeln, dachte sich der junge Tischler, am Sonnabend werde er gewiss wieder zu Hause sein. Es wurde eine Reise, die vier Jahre lang dauerte. Die ihn jeder Gewissheit beraubte, an die Grenzen des Vorstellbaren führte und manchmal auch die Hoffnung zu zerstören drohte. Seine Hoffnung, einfach nur zu überleben.

Felix Kolmer, heute 92, steht auf dem Marktplatz von Theresienstadt. Er trägt einen Wollpullover, darüber einen dick gefütterten Parka. Es ist kalt an diesem Februartag, einige Schneefetzen bedecken noch die begrünte Fläche, die auch damals, zu Kriegszeiten, den Mittelpunkt des jüdischen Ghettos bildete. Immer wieder kommt Felix Kolmer an diesen Ort, der heute Terezín heißt und in Tschechien liegt. Um Reisenden zu erzählen, wie es damals war. Um sich zu vergewissern, dass er überlebt hat. 342 Männer waren es, die Ende 1941 gezwungen wurden, die Zivilbevölkerung aus der Garnisonsstadt zu vertreiben und diese als Konzentrationslager herzurichten. Der damals 19-Jährige gehörte zu ihnen. Kolmer baute Wachhäuser für die SS-Männer und Betten, hunderte, für Zehntausende von Juden, die im Ghetto eingesperrt waren, bis sie Richtung Osten deportiert wurden – oder darin starben. Felix Kolmer hat überlebt. Theresienstadt, später Auschwitz. Er ist Professor der Physik, Vizepräsident des internationalen Auschwitz Komitees, Präsident der Theresienstadt-Initiative. Er lächelt. An seinem Hosenbund baumelt ein Schweizer Taschenmesser. Man weiß ja nie.

Themenschwerpunkt im Jüdischen Museum

Das Jüdische Museum Berlin widmet Theresienstadt zur Zeit einen Themenschwerpunkt. Zeit, um zu verstehen, warum das Ghetto als "Ausnahmeghetto" bekannt wurde. Zu begreifen, warum ehemalige Häftlinge wie Felix Kolmer sagen, dass es "vorzüglich" gewesen sei in Theresienstadt im Vergleich zu anderen KZs. Und um zu zeigen, wie perfide die NS-Herrschaft war, die den dort Inhaftierten solche "Vorzüge" gewährte, nur um damit ihre Vernichtungsmaschinerie ungestört am Laufen zu halten. Wohl am eindringlichsten lässt sich dies an einer Begebenheit aufzeigen, die Felix Kolmer mit erlebt hat und an die eine Inszenierung in Berlin erinnern will: die Aufführung von Verdis Totenmesse durch Häftlinge im Ghetto. Der amerikanische Dirigent Murry Sidlin hat daraus das Konzert-Drama "Defiant Requiem" entwickelt, das am 4. März 2014 im Konzerthaus am Gendarmenmarkt Deutschlandpremiere hat.

Vorsichtig steigt der alte Mann die Kellertreppe an der Hauptstraße hinunter, die damals L4 hieß. Zu Ghettozeiten war hier, in dem gelben Haus, ein Mädchenheim. Teilweise lebten in diesen Häusern und Gassen, die für 7000 Menschen ausgelegt waren, bis zu 60 000 Häftlinge. 1,6 Quadratmeter Wohnfläche für jeden. Heute sind es knapp unter 2000 Einwohner. Die Straßen und Fassaden sind marode. Im ersten Stock des Hauses lehnt ein junger Mann aus dem Fenster und raucht gemächlich eine Zigarette.

Ein Requiem im Ghetto

Die 18 Stufen sind ausgetreten, der Gang im Untergrund verwinkelt. Nackte Glühlampen weisen den Weg zu einem niedrigen, lang gezogenen Kellerraum. Felix Kolmer stellt sich unter das geschwungene Deckengewölbe. Schweigt und wartet auf Fragen. 1943 drängten sich 150 jüdische Häftlinge in dem Schacht. Heimlich, erschöpft durch Arbeit und Krankheit und, vor allem, hungrig. Hungrig nach Nahrung – und nach Erfahrungen, die ihnen ihre Menschenwürde zurückgeben könnten. Ein Mithäftling namens Rafael Schächter war es, der sie dazu angestiftet hatte, mit in den Keller zu kommen. Der 38-jährige tschechische Pianist und Dirigent hatte sich in den Kopf gesetzt, hier, mitten im Ghetto, Verdis Werk "Messa da Requiem" einzustudieren, mit mehr als 100 Chorsängern, vier Solisten und einem alten, verstimmten Klavier, das er in einer Baracke gefunden hatte.

"Dies irae" – "Tag des Zorns": Eine Messe zu singen über den Tag, an dem Rechenschaft abgelegt werden muss und niemand vor der Strafe flüchten kann, war alles andere als ungefährlich. Und Rafael Schächter war gezwungen, immer wieder aufs Neue zu beginnen: Abtransporte in die Vernichtungslager rissen drei Mal große Lücken in den Chor. "Die Juden singen sich ihre eigene Totenmesse": So höhnten die Nazis. Die Häftlinge klammerten sich an die Gerechtigkeit, von der im Requiem die Rede ist, an die Worte von Gnade, von Freiheit und von Rettung.

Die Suche nach dem Fluchtweg

"Ich wusste, dass wir nach Auschwitz kommen", sagt Felix Kolmer. "Aber ich wusste nicht, was Auschwitz bedeutete." Kolmer war in einer Untergrundgruppe. Seine Aufgabe war es, einen Fluchtweg aus dem Ghetto zu finden. Tatsächlich, sagt er, habe er einen geheimen Gang entdeckt, ihn auch ausprobiert. Doch sei er zurückgekommen. Im Untergrund sei man gewesen, um anderen zu helfen, nicht nur sich selbst. Dann wurde er abtransportiert, das Geheimnis fuhr mit nach Auschwitz. Auch dort habe er es als Pflicht empfunden, den Leuten zu helfen, sie aufzubauen. Du kannst das aushalten. Der Krieg wird zu Ende gehen. Ich kann dir nicht sagen wann, aber es wird passieren. Felix Kolmer schweigt kurz. Ob ihm diese Aufgabe selbst Kraft gegeben hat, daran kann er sich nicht entsinnen. "Ich musste es einfach tun."

Die Worte könnten, glaubt man Überlebenden aus dem Chor, Rafael Schächters Worte sein. Mutig, unbeirrbar, diszipliniert, ein Vorbild: So muss Schächter gewesen sein, der durch seine Initiative auch zum psychologischen Beistand seiner Mithäftlinge wurde. Durch die Musik konnten wir einen Moment lang vergessen, wo wir sind, sagen sie. Die Musik habe ihnen das Leben gerettet. Murry Sidlin wird ihnen bei seinem Konzert-Drama eine Stimme verleihen. Die Aufführung des Requiems wird ergänzt um Filmsequenzen; Iris Berben und Ulrich Matthes werden zwischen den Sätzen der Totenmesse mit dem Dirigenten die überlieferten Worte Rafael Schächters und anderer Häftlinge rezitieren.

Ständig an der Schwelle zum Tod

Mit dem Requiem hatte Rafael Schächter nicht zum ersten Mal Musik ins Ghetto gebracht. Er war auch nicht der Einzige, der die Kultur hochhielt, trotz immerwährenden Hungers, desaströser hygienischer Zustände, an der Schwelle zum Tod. Theresienstadt war bekannt für sein reiches Kulturleben. Namhafte Künstler waren inhaftiert, es wurde musiziert, gedichtet, gemalt. Zunächst verboten, begann die SS den künstlerischen Reichtum bald für eigene Zwecke auszunutzen und das Ghetto aktiv zu "verschönern". 1944 entstand ein Propagandafilm, der Theresienstadt als Erholungslager unter jüdischer Selbstverwaltung darstellte: mit Blumenschmuck, Spielplatz, Bibliothek und Tanzkapelle, jungen Mädchen beim Gärtnern, Männern beim Fußballspiel und Butterbrot essenden Kinder. Dazu ein Café und kleine Geschäfte an den Straßen. Ja, es gab Kultur im "Ausnahmeghetto", sogar eine Bank und Geld. Tatsächlich konnten die Häftlinge aber nur das erwerben, was ihnen in der Schleuse zum Ghetto zuvor abgenommen worden war. Und das Café war kaum mehr als eine Kulisse, die gegen eine zeitlich limitierte Eintrittskarte besucht werden konnte.

Felix Kolmer war Teil dieser Inszenierung, als am 23. Juni 1944 Verdis Requiem unter Rafael Schächter zum 16. Mal zur Aufführung kam. Eine Delegation des Internationalen Roten Kreuzes und Abgesandte des dänischen Königs hatten sich angekündigt, um das Ghetto Theresienstadt zu inspizieren. Musiker spielten auf, Kinder lächelten, der Chor sang. Und die Herren ließen sich täuschen. Es erschien ein positiver Bericht, von weiteren Lager-Besuchen, auch in Auschwitz, wurde abgesehen. Kurze Zeit später begannen die Massendeportationen in das Vernichtungslager. Rafael Schächter kam am 16. Oktober auf den Transport. Dann verlieren sich seine Spuren. Wahrscheinlich starb er in der Gaskammer. Von den 141 000 Juden, die Theresienstadt durchliefen, wurden 88 000 in den Osten deportiert. 35 000 starben in Theresienstadt, 1500 erlagen den Folgen des Ghetto-Lebens kurz nach der Befreiung am 8. Mai 1945 durch die Rote Armee.

Ein großes, kühnes Werk

Felix Kolmer hat seine Hand auf die einer jungen Frau gelegt, gemeinsam stehen sie im düsteren Keller in Theresienstadt. Die junge Frau ist Judith van Winkelen, 35. Sie singt im Chor des Jungen Ensembles Berlin, der das "Defiant Requiem" gemeinsam mit der Vokalakademie Berlin und dem Konzerthausorchester zur Aufführung bringt. Sie trägt eine modische türkisfarbene Lederjacke, in der Hand hält sie ihre Noten. Und sie sagt, welch große Angst sie gehabt hätte, als Häftling dieses kühne Werk einzustudieren und darzubieten. Nein, mit einer kämpferischen Einstellung werde sie nun kaum mehr singen in Berlin. Selbsterhaltung, das sei wohl das entscheidende Stichwort für die Interpretation, das habe sie gelernt, hier in Theresienstadt.

Wenige Tage später hält Judith van Winkelen wieder ihre Noten in der Hand. An diesem Morgen hat sie die Treppen nach oben genommen, hinauf auf die Empore des prachtvollen Konzerthauses am Gendarmenmarkt. Roter Samt, goldener Zierrat, funkelnde Kronleuchter bilden die Kulisse, als Murry Sidlin mit der Probe beginnt. Melancholische Celloklänge tragen die Zuhörer ins Geschehen, nach und nach setzt das Orchester ein und schließlich der Chor. Laut wird es, sehr laut, und zornig, ja trotzig, als würde hier gegen die Angst vor dem Tod angesungen, so wie damals, in jenem düsteren, kalten Keller in Theresienstadt. Dann wird die Musik wieder zaghafter, vorsichtig tastend, versöhnlich. Murry Sidlin wirkt zufrieden, ganz bei sich. Seit der Uraufführung 2002 wurde das von ihm entwickelte "Defiant Requiem" mit wechselnder Besetzung mehr als 20 Mal in den USA, Israel und Europa aufgeführt.

Nach Berlin, zur Deutschlandpremiere, wird auch Felix Kolmer kommen, gemeinsam mit seiner Frau Vera, ebenfalls 92. In Theresienstadt verabschieden sich die beiden mit einem gemeinsamen Essen von Judith van Winkelen und weiteren Reisenden aus Berlin. Fleisch und Kartoffeln gibt es, reichlich, auch Suppe und Kirschkompott. Kolmer isst seine Teller leer, langsam und konzentriert, bis auf den letzten Rest. Vielleicht denkt er an damals, vor 70 Jahren, als seine Ration in Theresienstadt an guten Tagen aus schwarzem Ersatzkaffee und Kartoffeln bestand, 20 Gramm Fleisch und 375 Gramm Brot, er weiß es noch genau. "1000 Kalorien hatten wir im Ghetto", sagt er, "in Auschwitz waren es dann 300". Er macht eine Pause. "Hätte ich damals den Fluchtweg genommen, wäre mir viel erspart geblieben." Felix Kolmer schaut in die Ferne. Mit einem Lächeln kommt er in die Gegenwart zurück. Hass, findet er, raubt den Platz für positive Taten. "Na", sagt er, "aber ich habe überlebt".

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