Kulturmacher

"Agora Collective" - die Denkfabrik in Neukölln

Im „Agora Collective“ mietet sich die digitale Bohème Räume für ihre Projekte. Hier ist Platz für Yoga-Kurs und Koch-Kunst. Selbst die koffeinhaltigen Wachmacher im Café sind kleine Meisterwerke.

Foto: Amin Akhtar

Im "Agora Collective" werden Kaffees serviert, deren Milchschaum verziert ist. "Hier ist jeder Kreativ", sagt der 29-jährige Caique Tizzi, denn selbst der Mann an der Kaffeetheke ist ein Künstler. Wer Wasser dazu möchte, bekommt nicht einfach nur Leitungswasser, sondern kann sich aus einem Regenwasserfilter sein frisches Getränk selbst holen. Durch Rohre wird es vom Dach des Gebäudes bis zum Café im Erdgeschoss geleitet. Kohle-, Zeolith- und Sandfilter geben dem Wasser die Minerale, die es so klar und rein machen.

Seit Juni 2011 haben die Brasilianer Caique Tizzi und Pedro Jardim ein etwas ungewöhnliches Kultur- und Kunsthaus am Mittelweg in Neukölln gegründet. "Bei uns werden pädagogische, künstlerische und unternehmerische Werte vertreten und ausgetauscht", sagt Tizzi. Sogenannte Coworking- und Silent-Räume, sowie Café, Art-Studios und ein lichtdurchfluteter leer stehender Raum für Events und Ausstellungen bilden dafür die besten Voraussetzungen.

Kern des Hauses ist das "Art Collective". "Wir sind eine kleine Gruppe von Künstlern und Denkern aus verschiedenen Ländern", sagt Tizzi. Dazu gehöre außer ihm noch Pedro Jardim, Christian Hildebrand aus Deutschland, die Belgierin Marcel Donato und die niederländische Brasilianerin Taina Moreno. Zusammen laden sie immer neue Künstler ein.

Hängende Kräuter

Die Agora-Gründer Caique Tizzi und Pedro Jardim lernten sich in Neukölln kennen. Nachdem sie zu zweit eine Bar gegründet hatten, in der sie Arbeiten von Künstlern ausstellten, entschieden sie sich für ein größeres Projekt. Es sollte ein Raum sein, in dem sie unterschiedliche Arten von Projekten und Formaten realisieren würden. Das Kollektiv bildete sich nach und nach. "Zu Beginn hieß es: wir können alles machen", erinnert sich Tizzi. Von Jahr zu Jahr wuchs das Haus und dementsprechend auch die Gruppe.

Das Wort "Agora" wird laut Jardim oft mit der griechischen Definition des Marktplatzes einer Stadt in Verbindung gebracht. Doch Pedro Jardim und Caique Tizzi haben "Agora" in einem ganz neuen Kontext benutzt. "In Brasilien bedeutet es ,das Hier und Jetzt'", sagt der 29-jährige Tizzi. Daher kommt der Name des Hauses: "Agora Collective". Es sei das Agieren und Schaffen im Jetzt, das im Zentrum dieses Kollektivs liege. Planung gehöre auch zum kreativen Schaffen, doch das reiche nicht aus. Eine konkrete Idee zu gestalten sei am schwierigsten. Dafür sei das Agora Kollektiv der geeignete Platz. Auch der Austausch mit anderen Künstlern und Freischaffenden sei etwas Einzigartiges in Berlin. Es ermögliche interdisziplinäre Kunst und eine stetige Entwicklung der einzelnen Personen und Projekte. Und das beweisen die verschiedenen Konstrukte im Agora-Haus: von Bildern über Skulpturen oder Gartenkunst bis hin zu Kunst im Kaffee.

Im Erdgeschoss befindet sich das Agora Café. Verschiedene Speisen und Snacks stehen auf der Karte. Auch brasilianische Gerichte werden hier verzehrt. Im Raum hängt ein sogenannter "schwebender Garten". Kräuter wie Rosmarin, Thymian oder Basilikum wachsen in Plastikschalen, die von der Decke hängen. Die dekorativen Zutaten verwenden die Köche des Cafés für ihre Gerichte.

Mitten im Raum steht ein Baum

Viele der Gäste holen sich einen Kaffee, aber bleiben nicht an einem der Holztische sitzen, obwohl die großen Fenster und modernen Bilder sehr einladend sind. Sie steigen eine kleine Treppe neben der Bar hinauf. Im ersten Geschoss führt der schmale Flur zu einem lichtdurchfluteten Raum mit großen Tischen. "Das ist unser Coworking Space", sagt Tizzi. Freelancer, Start-Up-Gründer, Künstler oder einfach nur Leute, die sich zu Hause nicht auf ihre Arbeit konzentrieren können, sitzen hier und arbeiten an ihren Projekten. Man kann sich einen Platz im Raum mieten. Berlin sei die Stadt der Start-Ups, so Tizzi, und hier könne man sich für eine längere Zeit das passende Umfeld schaffen.

Sieben große Fenster sorgen für Licht. Ein Baum wurde im Raum aufgestellt. Rundherum hängen Bilder des russischen Künstlers Alexander Skorobogatov. Ein kleiner hinterer Raum wurde mit Kissen, einem Schachbrett und einem älteren Wippstuhl ausgestattet. "Hier kann man eine kurze Konzentrationspause machen", sagt Jardim.

An einem der Tische sitzt eine sechsköpfige Gruppe und diskutiert. Unterschiedliche Sprachen sind herauszuhören. Das mache das Agora-Haus auch so international, da viele Kulturen vertreten sind. In ihrer Mitte haben die jungen Leute ihre Laptops aufgeklappt. Um sie herum wird gezeichnet, recherchiert und geschrieben. Es sei normal, dass es hier auch mal lauter wird. Wer dann doch lieber ohne Lärm arbeiten möchte, muss seinen Arbeitsplatz eine Etage höher einrichten.

Im "stillen Raum" ist der Natur-Aspekt neuerlich umgesetzt: durch eine Pflanzeninstallation mitten im Zimmer. Auch Äste hängen von der Decke und werden als Garderobe genutzt. Im Hintergrund sorgen schwarz-weiße Bilder für eine beruhigende Atmosphäre. Hier dürfe man nicht sprechen, da man sonst die anderen bei der Arbeit störe. Im vierten Stock werden auf 114 Quadratmetern Ausstellungen organisiert und Yoga-Kurse gegeben.

Eine Kunst-Wohn-Kombination

Ein besonderer Teil des "Agora Collective"-Hauses ist das "Art Residency"-Programm. Dabei werden zwei internationale Künstler zusammengebracht, die sich noch nicht kennen. Beide leben einen Monat lang zusammen und erstellen gemeinsam ein Projekt. Die Künstler entstammen unterschiedlichen Bereichen: "Es ist nicht ungewöhnlich, dass Choreographen mit Malern, Soundkünstler mit Architekten zusammen arbeiten", sagt Tizzi. Das Agora-Haus verfügt noch über eine Wohnung und zwei Studios für die Künstler. So sei eine Arbeit-Wohnen Kombination möglich, sagt Jardim.

Zur Zeit organisiert das "Art Collective" das Programm "Affect". 2014 wird Agora 24 Künstler beherbergen, die zusammen ein Projekt unter dem Motto "Soziale Kunst" kreieren werden. Das Programm wird vom Goethe Institut Sao Paulo und dem Instituto Cervantes Berlin unterstützt.

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