Interview

David Garrett - "So etwas wie Pubertät gibt es gar nicht"

Foto: Britta Pedersen / dpa /picture alliance

Der Stargeiger hat früh mit dem Musizieren begonnen und damit ein Stück seiner Kindheit aufgegeben. Ein Gespräch über seine ersten Auftritte, den Spaß an der Musik und das Positive an Problemen.

David Garrett hat wieder mal einen Termin nach dem anderen. Lustlos fläzt sich der Stargeiger auf dem Hotel-Sofa. Er wirkt desinteressiert.

Dabei will er über seine neue CD "14" reden, die vollmundig als das "verlorene" Album beworben wird. Genau genommen ist es eine frühe, liegen gebliebene Einspielung des jungen Geigers.

Mittlerweile ist er 33 Jahre alt, ein Weltstar, der regelmäßig auch in Berlin auftritt. "David Garrett beantwortet keine Fragen zu Privatleben und Familie", wurde vor dem Interview mitgeteilt.

Berliner Morgenpost: Herr Garrett, warum wollen Sie keine privaten Fragen mehr beantworten?

David Garrett: Ich denke, das ist genug abgefrühstückt worden in den letzten paar Jahren. Dazu will ich wirklich nichts mehr sagen.

Das Cover Ihres neuen Albums "14" zeigt den jungen David Garrett. So schüchtern kennt man Sie gar nicht?

Ich habe alles bewusst ausgewählt. Das Foto entstand in Verbier. Ich war 14. Es war eines der ersten Foto-Shootings, die ich in meinem Leben gemacht habe. Ich glaube, da fühlt man sich als Kind immer ein bisschen unwohl.

Mit 14 hat man eigentlich andere Sorgen, schließlich beginnt da die Pubertät.

Ich kann mit dem Begriff Pubertät nicht so viel anfangen. Ich habe das emotional nicht so durchlebt, wie es andere getan haben.

Fehlte Ihnen dafür die Zeit?

Ich glaube, so etwas wie Pubertät gibt es gar nicht. Die Eltern reden das den Kindern ein. Je älter die Kinder werden, desto anspruchsvoller werden sie. Die Eltern schieben das dann auf die Pubertät, wenn sie mit den Kindern nicht zurechtkommen. Das ist alles indoktriniert.

Das klingt ein bisschen nach einer verlorenen Jugend?

Man kann nichts verlieren, was man nicht gehabt hat.

Haben Sie im Nachhinein etwas vermisst?

Im Nachhinein würde ich sagen, dass es andere Menschen gibt, die in ihrer Jugend weniger intensiv gearbeitet haben als ich. Es gibt im Rückblick schon Situationen, die ich weniger gerne gehabt hätte. In der Gegenwart bin ich sehr glücklich.

Haben Sie gar keine Probleme?

Ich liebe Probleme, ich umarme Probleme, ohne Probleme ist das Leben doch langweilig. Das Geile an Problemen ist doch, dass man an ihnen herumbasteln kann.

Woran basteln Sie gerade?

Heute gab es ein Management-Problem, das gelöst werden musste. Es geht da um ein Privatkonzert. Das Ganze hakte etwas, also habe ich selber angerufen und die Sache festgemacht.

Zeigt sich diese Hartnäckigkeit im Umgang mit Problemen auch, wenn Sie Geige üben?

Jeden Tag. Es gibt ein Stück, Du willst dich verbessern und musst den Weg der perfekten Problembewältigung finden. Und selbst, wenn es kein Problem gibt, versuche ich immer noch den Anspruch zu haben, das Stück weit runder, schöner hinzubekommen.

Auf Ihrer Teenager-CD werden Sie von Alexander Markovich begleitet. Haben Sie heute noch Kontakt zu dem Pianisten?

Nein, ich habe gar nichts mehr von ihm gehört. Die Entscheidung für ihn fiel auch eher durch meine Eltern. Damals wurde vieles von meinen Eltern entschieden.

Wie viel Kind steckt heute noch in Ihnen?

Ich erkenne mich teilweise in den Aufnahmen wieder. Eine bestimmte Tonvorstellung, die vorherrscht, die ich schon ganz früh hatte. Auf der anderen Seite sind natürlich über die Jahre viele Sachen von Lehrern verändert worden. Das geht über Bogenführung, Vibrato und Fingertechnik bis hin zur musikalischen Phrasierung. Manches macht man eben so in dem Alter. Alles hat seine Zeit. Das musikalische Wissen habe ich mir an der Juilliard School angeeignet. Später kam dann die musikalische Intuition dazu.

Wie hat David Garrett mit 14 gelebt?

Ich war bei meinen Eltern, hatte Privatunterricht, die Schule kam sozusagen zu mir. Daneben hatte ich natürlich viel Geigenunterricht. Das war auch die Zeit meiner ersten Konzerte, gerade auch international.

War das Ihr Traum?

In der Zeit war ich noch unbefangen, hatte noch Spaß am Musizieren. Der ist mir dann ein paar Jahre später abhanden gekommen. Ich wusste, dass der irgendwann wieder kommt, aber es hat gedauert.

Wann kam der Spaß zurück?

Es war ein längerer Prozess des Annäherns. Das Bühnenerlebnis hat mir dann wieder Spaß gemacht.

Haben Sie im Crossover Ihren Spaß wieder bekommen?

Nein, das hängt nicht damit zusammen. Die Zeit, in der ich nicht konzertierte, zwischen 18 und 22 Jahren, da habe ich studiert. Ich wollte ein bisschen Abstand bekommen.

Irritierend für alle Musikkenner ist Ihr bei Wikipedia ausgewiesener Hummelflug-Rekord. Gute Musik hat doch nichts mit Temporekorden zu tun?

Ja, aber da müssen Sie mal fragen, wie der Eintrag entstanden ist. Ich wurde von "Blue Peter", einer Kindersendung des BBC, gefragt, ob ich die Geige vorstellen könnte. Dafür war der "Hummelflug" perfekt. Die haben mich dann gefragt, wie schnell ich das Stück spielen könnte, denn in der Sendung ging es um Virtuosität. Ich habe gesagt, dass ich es in 01:04 Minuten schaffe. Dann haben die freiwillig gesagt, wir stoppen das. Mir war es in dem Moment völlig egal. Mein Management hat das dann öffentlich gemacht, dadurch wurde das total hochgeschaukelt. Ich bin im Nachhinein ärgerlich auf diese Reaktionen. Das sind so blöde Schubladen.

Aber dafür bieten Sie sich doch geradezu an mit dem ganzen Crossover?

Ich biete mich überhaupt nicht an. Ich biete gute Musik an.

Als Geiger haben Sie alles erreicht: Große Erfolge, viel Geld, viele Fans und naserümpfende Kritiker...

Ich habe auch positive Kritiken!

Das nächste Mal kommen Sie mit Brahms Violinkonzert nach Berlin. Anschließend machen Sie wieder Crossover. Führt das nicht zur musikalischen Schizophrenie?

Überhaupt gar nicht. Ich habe an beiden Sachen Spaß. Diese Vielfalt bereichert mich. Im Crossover kann ich mich intensiver ausleben, habe einfach mehr Freiheit.

Philharmonie David Garrett mit Brahms Violinkonzert, begleitet von Festival Strings Lucerne, 22.4., 20 Uhr

Waldbühne Crossover-Tournee mit eigener Band und der Neuen Philharmonie Frankfurt, 5.6., 19 Uhr

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