14.02.13

Klassik

Der verschollene Notenschatz von Mendelssohn Bartholdy

Der Komponist hatte 1829 in Berlin mit seiner Matthäus-Passion die Bach-Renaissance ausgelöst. Seine Noten werden im Berliner Dom ausgestellt.

Von Volker Blech
Foto: Amin Akhtar

Stolzer Besitzer Bachhausdirektor Jörg Hansen kaufte von einem Privatsammler Originalnoten der Berliner Matthäus-Passion von 1829. Sie werden im Berliner Dom gezeigt
Stolzer Besitzer Bachhausdirektor Jörg Hansen kaufte von einem Privatsammler Originalnoten der Berliner Matthäus-Passion von 1829. Sie werden im Berliner Dom gezeigt

Die Sensation dieser Dom-Ausstellung steckt im winzigen Detail, in einer einzelnen Note – und jeder, der Johann Sebastian Bach nicht für den größten Komponisten aller Zeiten hält, wird über dieser Vitrine nur den Kopf schütteln. Unter Glas liegt ein vergilbtes Notenblatt des Chorals "Wenn ich einmal soll scheiden". In der untersten Notenzeile im zweiten Takt hat eine Choraltistin mit Bleistift vor ein Kreuz ein Auflösungszeichen gemalt. Das hat Auswirkungen auf den gesamten Akkord – plötzlich wird aus strahlendem Dur das traurige Moll. Nun ist dieses Notenblatt nicht irgendeines. Es gehört zu den 152 Stimmen, mit denen am 11. März 1829 in der Sing-Akademie zu Berlin (dem heutigen Maxim Gorki Theater) Bachs Matthäus-Passion aufgeführt wurde. Diese vom gerade mal 20-jährigen Berliner Komponisten und Dirigenten Felix Mendelssohn Bartholdy geleitete Wiederaufführung wird heute als "Urknall der Bach-Renaissance" gepriesen. Dazwischen lag fast ein Jahrhundert des Schweigens. Durch Mendelssohn hat die Musikwelt ihren Bach zurück.

Protestantische Reliquien

Die Originalnoten dieses legendären Großprojekts haben inzwischen eine Odyssee durch Europa hinter sich, jetzt konnte das Bachhaus Eisenach von einem holländischen Privatsammler überraschend 62 der handschriftlichen Chorstimmen erwerben. 65.000 Euro haben sie gekostet. Derzeit werden die Noten von Leipziger Mendelssohn-Forschern daraufhin untersucht, was damals in Berlin alles anders klang. Romantischer soll die Matthäus-Passion jedenfalls gewesen sein. Im Berliner Dom sind einige Notenblätter in der Ausstellung "Bachs Passionen" das Highlight. Irgendwie gerät alles Originale, was mit dem Genie Bach zu tun hat, schnell in den Status einer protestantischen Reliquie.

Partitur von der Großmutter

Die Matthäus-Passion des Leipziger Thomaskantors Johann Sebastian Bach wurde am Karfreitag 1727 in der Thomaskirche uraufgeführt. Die oratorische Passion berichtet vom Leiden und Sterben Jesu Christi und ist neben der Johannes-Passion der Höhepunkt der protestantischen Kirchenmusik. Die Werke gerieten aber nach Bachs Tod 1750 schnell in Vergessenheit. Die Musik gerade auch seiner eigenen Söhne entwickelte andere Stile und Moden. Allerdings diente Bachs Klaviermusik schon seit Beginn das 19. Jahrhunderts als beliebtes Übungsmaterial. In der Mendelssohn-Familie wurde der alte Bach verehrt und gesammelt. Der vierzehnjährige Felix bekam von seiner Großmutter Babette Salomon eine Partitur der Matthäus-Passion geschenkt.

Bach war einfach unbekannt

Die sei damals kostbar gewesen, sagt Jörg Hansen, der Direktor des Eisenacher Bachhauses. Es mussten immer Abschriften gefertigt werden und die "Besitzer der Werke wachten schon eifersüchtig über ihre Werke". Mit 19 Jahren machte sich Mendelssohn daran, eine Aufführung umzusetzen. Der Sing-Akademie-Gründer Carl Friedrich Zelter, ein Goethe-Freund und selber Komponist, hatte große Zweifel an der Idee. Bach war einfach zu unbekannt. Und außerdem sei die Passion "zu borstig" für zeitgenössische Ohren. Schließlich galt es, freiwillig Mitwirkende und ausreichend Publikum zu finden. Die Forscher glauben heute, dass neben den Solisten 150 Choristen teilgenommen haben. Aus der Partitur seiner Großmutter hatte Mendelssohn die handschriftlichen Stimmen für Orchester und Chor fertigen lassen. Fünf, sechs Schreiber haben die Forscher bereits anhand der Handschriften ausgemacht. In der damaligen Aufführung saßen neben König und Hofstaat auch der Philosoph Hegel, der Theologe Schleiermacher oder der Dichter Heinrich Heine. Es heißt, 1000 Berliner mussten abgewiesen werden. Mendelssohn dirigierte deshalb eine weitere Aufführung, die dritte leitete Zelter.

Zwanzig Änderungen im Detail

Clemens Harasim, einer der Leipziger Mendelssohn-Forscher, meint, es gäbe ungefähr zwanzig dieser Änderungen im Detail. Darüber hinaus hat Mendelssohn die Matthäus-Passion deutlich gekürzt, von drei auf zwei Stunden Aufführungsdauer. "Er hat reflektierende Arien gestrichen", sagt Harasim, die vorantreibende Dramatik der Geschichte war ihm wichtiger. Dass Mendelssohn seinerzeit, wie ein amerikanischer Forscher meint, gerade die antisemitischen Passagen der Passion gestrichen habe, kann Harasim nicht bestätigen. Überhaupt steckt mehr Pragmatismus in der Wiedergeburt. Manche Instrumente wurden im 19. Jahrhundert nicht mehr benutzt. Was tun? Und aus den Da-capo-Arien wurden weitgehend alle Wiederholungen gestrichen.

Urtyp heutiger Dirigenten

Nur ein einziges Mal noch sollte Mendelssohn, der inzwischen Gewandhauskapellmeister in Leipzig geworden war, danach die Matthäus-Passion dirigieren, nämlich 1841 in der Thomaskirche. Mendelssohn war inzwischen selbst zur Künstlerpersöhnlichkeit gereift. Er gilt als Urtyp der heutigen Dirigenten, die eben nicht mehr vorrangig eigene Werke, sondern die von fremden Komponisten interpretieren. Vor allem für Bach und Händel hat Mendelssohn sich eingesetzt. Darüber hinaus hat er die erste Musikhochschule Deutschlands gegründet. Nach Mendelssohns Tod 1847 gelangte das Notenmaterial nach London, wo die British Bach Society erstmals die Matthäus-Passion aufführte. Die Partitur, einige Orchesterstimmen und acht Chorstimmen landeten in Oxford, weitere acht in der British Library in London. Der Rest verstreute sich. Vor zwei Jahren wurden 16 Stimmen bei Sothebys in London versteigert, bei 26.000 Pfund stieg Bachhauschef Hansen aus. Für 45.000 Pfund sind die Noten in einer Privatsammlung verschwunden. Hansen verspricht, seinen Notenschatz der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Dom-Ausstellung ist der Anfang.

Berliner Dom Bachs Passionen. Bis 7. April

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