10.02.13

Ausstellungen

Preis für Schinkel Pavillon - Nina Pohls Sinn für Magie

Ein Spagat: Nina Pohl ist Fotokünstlerin und leitet den angesagten Schinkel Pavillon. Dafür wurde sie jetzt vom Kultursenat ausgezeichnet.

Von Gabriela Walde
Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER

Kunstort mit Panoramablick: Nina Pohl, Fotokünstlerin und Leiterin des Schinkel Pavillons, inmitten der Pop-Skulpturen von Keiichi Tanaami
Kunstort mit Panoramablick: Nina Pohl, Fotokünstlerin und Leiterin des Schinkel Pavillons, inmitten der Pop-Skulpturen von Keiichi Tanaami

So wie sie da durch die Tür schneit, ist das ein Auftritt wie gemacht für ein urbanes Modeshooting. Mit ihrer sibirienartigen Kaputzenfelljacke, dem organge-roten Twinset im Kontrast zum geschwungenen Rotmund und den schönen schwarzen Haaren steht sie vor uns und die blauen Augen leuchten. Obwohl sie kränkelt. Erkältung halt. Kein Händeschütteln. Infektionsgefahr. "Ist das Voddooooo?", fragt sie und hebt irgendein Gebimsel mit Schnurr vom Fußboden an der Tür auf.

Klar, als Fotokünstlerin hat Nina Pohl einen speziellen Blick auf die Gegenstände und Dinge, die uns umgeben. Wo andere nichts sehen oder herzlich wenig, sieht sie etwas (anderes). Schließlich beschäftigt sie sich in ihrer Fotografie mit der Textur, den Oberflächen. Gerade hatte sie großformatige Fotos ausgestellt, die aussehen wie Malerei der Moderne.

Nina Pohl ist gerade ziemlich glücklich, der Kultursenat hat ihr einen Preis verliehen für "künstlerische Projekträume". Für den Betrieb des Schinkel Pavillons bekommt sie als Kuratorin und Chefin 30.000 Euro Zuschuss. Das muss man erklären, der Ort hat mittlerweile nicht nur in der hiesigen Kunstszene, sondern auch international einen ziemlichen Hipp-Faktor, was (experimentelle) Ausstellungsformate betrifft. Geheimtipp? War einmal.

Jede rappelvolle Vernissage ist ein unterhaltsames Show off. Selbst mächtige, weltweit agierende Galerien wie Gagosian fragen derweil an, ob sie hier mal ausstellen können, erzählt Nina Pohl. Und große Künstler. Wer, wird freilich nicht verraten. Pohl ist diskret, sie ist als clevere Networkerin bekannt, schon zu Düsseldorfer Zeiten. Da war sie noch mit Fotogroßkünstler Andreas Gursky verheiratet. Darüber möchte sie nicht sprechen, total verständlich, wer will schon Jahre später auf den Ex angesprochen werden.

Die bisherige Ausstellungsliste im Schinkel Pavillon jedenfalls kann sich sehen lassen mit Künstlern wie Sylvie Fleury, Isa Genzken, Mike Kelly. Gerade stellt Keiichi Tanaami seine lackierten Holzskulpturen aus, die so lustig aussehen wie Figuren aus Überraschungseiern, nur größer halt, etwas frivol und zum Zusammenstecken wie ein Puzzle. Tanaami ist ein bisschen der japanische Andy Warhol, der gerade sein Revival erlebt.

Doch nicht nur "big names" sind angesagt, eine Plattform finden hier auch junge Künstler wie Numen, ein Berliner Kollektiv, das bald hier ausstellen wird. "Lebendig soll die Mischung sein", sagt Pohl. Und das ist sie – wir erinnern uns an das leibhaftige Bagger-Ballet mit bengalischem Feuer vor der Tür. Cyprien Gaillard bohrte ganz schön in der Berliner Wunde mit ihren ewigen Baustellen.

Cocktails mit Honecker

Wenn es so etwas wie eine "Sozialstruktur" der Berliner Kunstszene gibt, dann ist der Pavillon wohl eine Art "Begegnungsstätte", die Leute treffen sich hier, entwickeln Visionen, egal, ob die später etwas werden. Die Leute lieben den "exzentrischen Eklektizismus", erzählt Pohl. Das Gebäude wirkt wie aus der Zeit gefallen, genau das macht jene Magie des Ortes aus. Alles zusammengewürfelt, verschiedene Stile. Früher schlürfte Erich Honecker in diesen Räumlichkeiten Cocktails, empfing seine Gäste.

Man kann sich das gut vorstellen mit den verspiegelten Wände und den sozialistischen Kronleuchtern "made in GDR", an den Wänden modellierte Kacheln "made by Schinkel". Richard Paulick entwarf den Schinkel Pavillon im Garten des Kronprinzenpalais 1969. Der Blick aus den Panoramafenster ist wirklich toll: Fernsehturm, Dom, Kronprinzenpalais und die ehemalige Bauakademie in Werbefolie, alles wie auf dem visuellen Tablett. Zugegeben, hier ließ sich gut repräsentieren, nebenan gleich die Staatsoper.

Nach der Wende stand das Gebäude leer, einer dieser fast vergessenen Orte, die es selbst in Berlin bald nicht mehr geben wird. Heute sind hier überall Bauzäune, Baucontainer, Bauarbeiter. Deshalb gleicht der Weg in die Oberwallstraße 1 einer Schnitzeljagd über entstellte Trottoirs und Straßen.

Vor knapp sechs Jahren entdeckte Nina Pohl, Jahrgang 1968, das Gebäude, da kam sie gerade aus Düsseldorf nach Berlin. Anfangs da betrieb sie das Projekt noch mit Stefan Landwehr, doch als der Gastronom und Sammler den Pauly Saal in der Jüdischen Mädchenschule übernahm, drohte ihm alles über den Kopf zu wachsen. Schließlich unterhält er auch das "Grill Royal".

Nun zahlt Pohl die Miete für den Pavillon an den Bund alleine, hinzu kommen laufende Kosten und Ausstellungsetat. Pohl ist diskret, die Summe mag sie nicht nennen, es handelt sich schließlich um eine Privatinitiative, auch wenn sie inzwischen als Kunstverein eingetragen sind. Sponsoren werden gesucht, auch Mitgliedschaften ab 50 Euro im Jahr würden schon helfen.

Eigenes Engagement sei wichtig für Berlin, sagt sie, um Orte wie diesen zu erhalten und einfach mal andere Dinge zu kreieren. Ihre Idee ist eine "Filiale Schinkel Pavillon" in New York, dafür müsste das Projekt ein richtiges Label sein wie einst das Guggenheim. Visionen braucht schließlich jeder. Das Gemeckere über den Senat, der dies und das nicht tue für seine Künstler, das kann sie eh nicht mehr hören. "Die Staatskassen sind leer, da brauchen wir neue Ansätze. Und wir wollen ja auch autark bleiben."

Ist es nicht schwierig, Künstlerin zu sein und gleichzeitig Ausstellungsmacherin? Sich zu teilen? Der Spagat zwischen beidem, erzählt sie, bringe durchaus Synergieeffekte. Man sieht andere Kunst und Künstler, macht Atelierbesuche. "Davon profitiere ich, weil ich mit meiner eigenen Arbeit nicht so isoliert und einsam bin, auch an den Werkprozessen anderer in der Auseinandersetzung teilhaben kann." Klingt gut. Aber natürlich, schiebt sie nach, müsse sie den Tag gut strukturieren zwischen Atelier und all den anderen Dingen, die am Schinkel Pavillon so dran hängen.

Leben im Hansa-Viertel

Irgendwie scheint sie ein gutes Händchen zu haben für ausgefallene historische Gebäude. Im Hansa-Viertel lebt sie mit ihren zwei "hysterischen bengalischen Schmusekatzen" in einem Bungalow von Arne Jacobsen, 1957 für Interbau entworfen, eine Mischung aus "Designergarage und Gartenlaube", wie sie mal in einer coolen Homestory gesagt hat. Todd Selby hat das fotografiert, sehr stylish sieht das aus mit dem Puschelsofa und dem reduzierten Interieur. Künstlerkollege Thomas Demand gab ihr damals den Tipp, als das Haus leer stand.

Ihr Atelier hat sie in einer alten Backsteinfabrik an der Spree, die entdeckte sie auf einer ihrer Radtouren durch die Stadt. Mittlerweile arbeitet auch dort eine kleine Kunstcommunity zusammen. New York ist zwar weit. Aber wenn man Nina Pohl da so stehen sieht zwischen all den Pop-Figuren von Keiichi Tanaami, denkt man sich, warum eigentlich sollte das nicht klappen mit Schinkel in Big Apple?

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