25.12.12

"Ludwig II." im Kino

Noch nie vor der Kamera - und dann gleich Märchenkönig

In "Ludwig II." verkörpert der Berliner Theaterschauspieler Sabin Tambrea die bayrische Überfigur - als Unbekannter unter lauter Stars.

Von Peter Zander
Foto: Bavaria Film / Warner Bros.

Großer Auftritt: Für seinen Ludwig saß Sabin Tambrea jeden Tag stundenlang in der Maske. Und muss sich nun den Vergleich mit Helmut Berger gefallen lassen
Großer Auftritt: Für seinen Ludwig saß Sabin Tambrea jeden Tag stundenlang in der Maske. Und muss sich nun den Vergleich mit Helmut Berger gefallen lassen

Größe ist nicht immer hilfreich. Man stößt sich oft den Kopf an. Man findet schwer passende Kleidung. Der Hintermann im Kino mag einen auch nicht. Und als Filmschauspieler braucht man es gar nicht erst versuchen: Die Kollegen kommen selten über 1,70 Meter hinaus. Sabin Tambrea aber ist eine Ausnahme. Der junge Schauspieler misst exakt 1,94 Meter. Und meldete sich auf eine Anzeige: "Suchen Schauspieler über 1,90, Reitkenntnisse, Französischkenntnisse." Eins davon konnte er anbieten, die anderen musste er sich erst noch beibringen.

Wer jetzt denkt, er hätte den Part gleich bekommen, der irrt. 370 Bewerbungen gab es. So viele so große Schauspieler gibt es also doch hierzulande. Mindestens. Und dann erst wurde klar, was für ein Angebot das war: die Titelrolle in "Ludwig II.", ein neuer Film über den Bayern-König, der am Mittwoch in die Kinos kommt. Eine XXL-Rolle in jeder Hinsicht: Der tragische Märchenkönig hat nicht nur alle seine Zeitgenossen bei weitem überragt, er ist auch in übertragenem Sinne eine Übergröße. Mit all den Rätseln um sein Leben, seine homoerotischen Neigungen und sein mythenumrankter Tod.

Ein Schauspieler, der in diese Rolle schlüpft, muss sich auch noch den Vergleich mit wenigstens zwei ziemlich großen Vorbildern gefallen lassen: mit O. W. Fischer, der ihn 1955 gab, und mit Helmut Berger, der ihn nicht nur in Viscontis legendärem Film von 1972 spielte, sondern 20 Jahre später, in "Ludwig 1881", gleich noch einmal.

Auf einen Kaffee mit dem Kini

Und noch eine Herausforderung: Auf der Besetzungsliste ist Sabin Tambrea der große Unbekannte unter lauter Stars. Die Sisi spielt Hannah Herzsprung, den Richard Wagner Edgar Selge und selbst bei kleinsten Rollen und letzten Hofschranzen spielt alles mit, was Rang und Namen hat im Deutschen Film. Bis auf den 27-jährigen Hauptdarsteller mit dem komplizierten Namen, der bislang nur als Bühnenschauspieler aufgefallen ist. Die Offerte also ist in jeder Hinsicht ein Geschenk.

Wir treffen Sabin Tambrea im Berliner Hyatt Hotel auf einen Milchkaffee, aus dem bald noch ein zweiter wird. Und ein Sekt, den aber niemand bestellt hat. Den gibt's gratis, weil Advent ist. Der erste Eindruck: Der schlaksige junge Mann wirkt ein wenig gekrümmt. Das macht die Größe. Er schaut nicht gern auf andere herab, will ihnen auf Augenhöhe begegnen. Wir fühlten uns bislang mit 1,85 eigentlich ganz obenauf. Aber auch zu uns beugt er sich herab. "Lieber Rückenschmerzen als Hochnäsigkeit."

Der zweite Eindruck: Er wirkt erstaunlich ruhig. Gar nicht so, wie jemand, der sich unter solchen Monsterbedingungen zu bewähren hatte, eigentlich fühlen müsste. Die einzige Angst, die er hat, ist die, dass er jetzt überall nur als Ludwig, als Kini angesehen wird. Er musste schon mehrfach vor den berühmten Goldkutschen posieren und natürlich vor dem Schloss Neuschwanstein. So was muss man mitmachen. Aber der Ludwig war nur eine Rolle und die ist, bitteschön, schon vor anderthalb Jahren abgedreht. Hier meldet sich ein selbstbewusster junger Mensch, der sich nicht auf eine Rolle festlegen, festnageln lässt.

Wegen Lampenfiebers zur Schauspielerei

Sabin Tambrea ist 1984 in Rumänien geboren und kam im Alter von knapp drei Jahren nach Deutschland. Sein Vater, ein Orchestermusiker, setzte sich auf einer Tournee in Österreich ab und holte seine Familie nach. Aufgewachsen ist er in Marl, wo es außer dem Grimme-Preis nicht viel gibt. Der Sohn wollte es eigentlich dem Vater gleichtun und Musiker werden. Schon mit vier spielte er Violine und wollte Solist werden. Aber beim Spielen bekam er immer solches Lampenfieber, dass er öfter in Ohnmacht fiel. Davor oder danach, da war er flexibel.

Andere hätten bei dieser Auftrittsphobie die Bretter, die die Welt bedeuten, tunlichst gemieden. Tambrea dagegen wurde Schauspieler – und hat den Teufel mit dem Belzebub ausgetrieben. Das sieht er aber ganz anders: "Als Musiker stehst du immer als Privatperson da und kannst ein Stück perfekt spielen oder eben nicht. Als Schauspieler hast du immer den Schutz der Rolle. Wenn du als Mime einen Fehler machst, kann das charmant sein, wenn ein Musiker eine Note nicht trifft, ist das einfach ein Defizit." Heute, sagt er und lacht befreit, stehe er unheimlich gern und ohne Aufregung auf der Bühne – "solange ich keine Geige in der Hand habe." Mit Geige aber ist er sofort wieder vier Jahre alt.

Ein dankbares Glückskind

Man darf den jungen Mann wohl als einen Glückspilz bezeichnen. Das Bühnentrauma selbstständig überwunden. Dann von der Berliner Ernst-Busch-Schule aufgenommen – wenn auch erst beim siebten Anlauf. Und noch während der Ausbildung von Claus Peymann entdeckt und sofort ns Berliner Ensemble geholt. "Ich habe den Beruf tatsächlich mehr von der Praxis als von der Theorie gelernt." Da spielt er jetzt in den unterschiedlichsten Rollen, in "Frühlings Erwachen", in "G'schichten aus dem Wiener Wald" oder Katharina Thalbachs "Was ihr wollt". Und dann schauen eines Abends auch noch die Filmregisseure Peter Sehr und seine Frau Marie Noelle zu, um ihren Ludwig-Kandidaten einmal live zu erleben.

Ja, er weiß, dass er Glück gehabt hat. Glück, das sei überhaupt schon die Tatsache, dass er von seinem Beruf als Schauspieler leben kann. Das könnten, meint er, in Deutschland wohl gerade mal drei Prozent. "Ich weiß aber auch, dass das morgen wieder vorbei sein kann." Da ist er ganz nüchtern. Und zumindest beim Film musste er auch ein wenig nachhelfen.

Anderthalb Jahre habe das Casting gedauert, am Ende hat er schon nicht geglaubt, dass es klappen würde. Und als das BE mit ihm die Termine für die neue Spielzeit bereden wollte, rief er dann doch etwas drängend an, dass man ihm "zumindest die Richtung, in die es tendiert", verrate. Na gut, hieß es dann am Hörer, machen wir halt einen Vertrag. "Man stellt sich das anders vor", gibt der Film-Novize zu. Gewaltiger. Einschneidend. Aber: "Das Märchen kam danach. Durch die Dreharbeiten. Und alles, was man da erleben durfte."

Ganz allein durch die Märchenschlösser wandeln

Wir würden uns Märchen anders vorstellen. Immerhin war Sabin Tambrea an 54 von 72 Drehtagen dabei, musste manchmal morgens den jungen Ludwig mit glattem Haar und mittags den älteren mit Zahnprothesen spielen. Dazwischen saß er nur in der Maske. Viel Schlaf hatte er in dieser Zeit nicht. Andererseits durfte er an den Originalschauplätzen drehen. Durch all die Traumschlösser wandeln, ganz allein, ohne Touristenpulk. Und alles drehte sich alles um ihn, die Stars, die Regisseure, die Kamera. Wo er doch bis dahin kaum Kamerarfahrung hatte. "Dieser 16-Millionen-Film", sagt er etwas kokett, "war der ziemlich beste Filmworkshop, den ich bekommen konnte."

Nur eins wurmt ihn dann doch: den ganz alten Ludwig durfte er nicht auch noch spielen. Helmut Berger hat damals vom jugendlich schönen bis zum aufgedunsenen Wrack alle Register gezogen, in der Neuverfilmung aber übernimmt die letzten Jahre ein anderer Schauspieler, Sebastian Schipper. Das sei logistisch nicht anders möglich gewesen, teils wurde an denselben Tagen gedreht, die Regisseure teilten sich dabei wie die Schauspieler auf. "Ich würde lügen", gibt er ein wenig zerknirscht zu, "würde ich sagen, ich habe die Rolle gern abgegeben." Aber die Entscheidung musste er respektieren.

Die Musik spielt das Leben

Genug der Worte. Der junge Mann muss zum Theater. Sabin Tambrea ist so etwas wie die männliche Nina Hoss. Morgens proben, abends spielen und in freien Tagen drehen. Woher nimmt er die Kraft? Jetzt kommt eine Proklamation, die fast schon etwas Majestätisches hat: "Seit ich vier bin, bin ich für die Künste da. Ich brenne von allen Seiten dafür. Das erfüllt mich." Gibt es da noch ein Privatleben? Ja, zwischen Einschlafen und Aufwachen. "Aber das ist okay. Ich lebe dafür, mich kreativ zu verschwenden. Das ist ein solch glücklicher Zustand, dass ich mir das Privatleben für die späteren Jahre aufspare."

Hilft da der musikalische Drill? Ja, unbedingt. Aber nicht nur, weil er auf diese Art Disziplin gelernt hat. "Musik hilft mir, eine Figur zu übersetzen in eine emotionale Sprache, die mit Worten nicht auszudrücken ist." Zu jeder Figur, die er spielt, komponiert er eigene Stücke, baut sich ein musikalisches Universum. Musik ist für ihn eine eigenständige Sprache. "Ich spreche Deutsch, Rumänisch und Musik." Dem Kini hätte so ein Satz wohl gefallen.

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