Berlin-Konzert

Rammstein - ein Fleisch gewordener Albtraum

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Die Berliner Brachial-Rocker provozieren und polarisieren. Und doch sind Rammstein mit ihrem grotesken Schwermetall-Theater längst im Mainstream angekommen. Und sie machen das auch nach 15 Jahren immer noch richtig gut. Jetzt ist die Band um Till Lindemann für drei ausverkaufte Konzerte in ihre Heimatstadt zurückgekehrt.

Sie sind die Bösen. Sie spielen mit dem Feuer. Sie sind ein Fleisch gewordener Albtraum, der dem geschniegelten Pop alles Schlechte der Welt mit kathartischer Wucht um die Ohren haut. Und sie machen das auch nach 15 Jahren immer noch richtig gut. Nach vier ausverkauften Konzerten im Dezember im Velodrom sind die Berliner Brachialrocker Rammstein nun erneut in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. Für drei ausverkaufte Abende in der Kindl-Bühne Wuhlheide, mit denen sie gleichzeitig die Berliner Open-Air-Saison eröffneten und letztlich rund 50.000 Fans mit ihrer aufwändigen Horrorshow glücklich machen.

Es ist noch hell, als der schwarze Bühnenvorhang zu greinendem elektronischen Gewaber fällt und einen zweiten freilegt – eine gigantische schwarz-rot-goldene Fahne. Auch die fällt schnell und gibt, von frenetischem Jubel begleitet, den Blick frei auf ein stählern-marodes Bühnenbild, in dem sich die sechs schwarzledernen Musiker postiert haben. In ihrer Mitte, mit Schlachterschürze und grell illuminiertem Gaumen, Schmerzensmann und Moritatensänger Till Lindemann, der Bariton mit dem stets so betrübten Blick. "Das Warten hat ein Ende, leiht euer Ohr einer Legende" singt er und "Bist Du einsam und allein, wir sind zurück, schalte ein". Es sind Zeilen aus dem ironisch mit dem eigenen Ruhm spielenden "Rammlied", Eröffnungssong des aktuellen Albums "Liebe ist für alle da" und Ouvertüre für diese phon- und funkensprühende Nacht.

Rammstein provozieren und polarisieren, werden verdammt und verehrt, gescholten und gefeiert. Und doch sind sie mit ihrem grotesken, schwermetallen stampfenden Grand-Guignol-Theater weltweit erfolgreich - und längst im Mainstream angekommen. Sie tanzen auf den düsteren Seiten unserer Psyche. Sie inszenieren Abartigkeiten und Perversionen zu einem abgründig-makabren Nummern-Cabaret. Und sie sind die einzige Band, bei der Pyrotechnik kunstvoll eingesetzt wird wie ein gleichwertiges Instrument. Bei "Waidmanns Heil" züngeln Flammenwerfer im Takt, beim Fritzl-Lied "Wiener Blut" explodieren rhythmisch fauchende Böller im Bühnenhimmel und bei "Feuer frei" spucken Lindemann und die Gitarristen Richard Kruspe und Paul Landers meterweit Feuer.

Alles ist vorhanden in dieser Schausteller-Rummelbude des Industrial Rock. Der kauzige Conferencier, die artistischen Akteure und natürlich auch der hibbelige Clown. Keyboarder Christian "Flake" Lorenz tänzelt angeschickert über die Bühne, muss sich beim indizierten "Ich tu Dir weh" von Lindemann in einer Badewanne explosiv und feuerlodernd einäschern lassen, um gleich darauf in einem silberglitzernden Strampelanzug wieder aufzuerstehen. Den Rest des Abends wird er auf einem Laufband marschierend die Tasten bearbeiten.

Vor allem live laufen Rammstein zu Hochform auf. Die neuen Songs bestimmen das Programm, es gibt aber auch frühe Hits wie "Du riechst so gut", "Du hast" oder "Links 2 3 4", jenen Song, mit dem sich die Band gegen Vorwürfe der Rechtslastigkeit verwahrt hat. Und immer wieder kracht Feuerwerk auf und über der Bühne. Bei "Benzin" wird gar ein lichterloh brennender Stuntman über das Areal getrieben. Noch so eine makabere Zirkusnummer. Rechtzeitig gelöscht verbeugt er sich artig. Und immer wieder stellt man fest, wie freundlich diese Finstermänner lächeln können. Wie viel Spaß diese Nachfahren Freddie Krugers an ihrem perfektionierten Gruselspektakel haben. Ist doch alles nur Rock 'n' Roll. Und Till Lindemann hämmert sich mit geballter Faust im Takt die Schenkel wund.

Obwohl – fast vier Jahre hat es gedauert bis zum neuen Album, Trennungsgerüchte machten die Runde. Es ist auch nicht einfach, dem einmal gefundenen Sound neue Facetten abzugewinnen. Rammstein haben es versucht durch den Einsatz ungewohnten Instrumentariums (Konzertgitarre, Waldhorn, Streicher) und markantere Arrangements. Doch es bleiben die von wuchtigem Bass-Schlagzeug-Getriebe angefachten Brachialgitarren, die das mehrheitlich Wir-um-40-Publikum in Bewegung bringen. Und die schiere Lust an der Provokation. Die Porno-Parodie "Pussy" steht am Ende des Spektakels. Lindemann sitzt dabei auf einer phallischen Schaumkanone und seift das Publikum mächtig ein. Artig verbeugen sich die Hochleistungsmusikanten nach 70 Minuten. Kehren aber zu mehreren Zugaben zurück, bevor ein geflügelter Lindemann bei "Engel" endgültig verglüht.

Weitere Konzerte in der Wuhlheide: Sonnabend (19.30 Uhr) und Pfingstmontag (19 Uhr). Vorprogramm: Skunk Anansie.