Film

Wie ein Berliner Underground-Filmer im Mainstream ankommt

Raus aus der Komfortzone: Jakob Lass macht radikal anderes Kino. Und wird damit jetzt sogar Mainstream-fähig.

„Wenn ein Filmprojekt nicht schief gehen könnte, ist es das nicht wert, es auszuprobieren“: der Berliner Regisseur Jakob Lass im Hotel Zoo Berlin

„Wenn ein Filmprojekt nicht schief gehen könnte, ist es das nicht wert, es auszuprobieren“: der Berliner Regisseur Jakob Lass im Hotel Zoo Berlin

Foto: Reto Klar

Der deutsche Film ist viel zu brav. Er muss sich mehr trauen. Sagt einer, der das auch gleich vormacht. Der Berliner Underground-Regisseur Jakob Lass hat schon 2013 mit "Love Steaks" von sich reden gemacht, eine radikale Liebesfilm völlig improvisiert, völlig schamfrei.

Jetzt toppt er das noch mit "Tiger Girl", der gerade in die Kinos kam: eine ruppige Geschichte um ein schüchternes Berliner Mädchen, das sich zwar bei einem Sicherheitsdienst schulen lässt, aber ständig von Männern drangsaliert wird. Bis sie auf ein unkonventionelles Mädchen trifft, das sich zur Not auch mit Baseballschlägern durchzusetzen weiß. Gemeinsam ziehen sie los, in geklauten Security-Uniformen, und kehren das Gewaltmonopol um.

Kampfansage ans Wohlfühlkino

Keine Frage: Das Security-Outfit ist auch sowas wie eine Metapher auf den deutschen Film. Der meist auf Nummer Ganz Sicher geht. Das lehnt Jakob Lass leidenschaftlich ab. "Wir haben geradezu die Verantwortung, riskante Projekte zu wagen, auch wenn die ein Flop sein können", sagt der 36-Jährige: "Wenn wir nur auf Nummer Sicher gehen, wird es nicht nur langweilig, sondern auch richtig peinlich." Seine auf Krawall gebürsteten Mädchen in "Tiger Girl" sind eine klare Kampfansage an dieses deutsche Wohlfühlkino.

Lass kommt, wie sein jüngerer Bruder Tom ("Kaptn Oskar") oder auch Axel Ranisch ("Ich fühl mich Disco") aus der Berliner Mumblecore-Szene, die auf billige Budgets, Laiendarsteller und Do-It-Yourself-Ästhetik setzt, vor allem aber auf Improvisation. Sie pfeifen aufs Drehbuch. Ranisch hat dafür seine Firma "Sehr gute Filme" gegründet und seine Grundregeln in ein "Sehr gutes Manifest" gegossen.

Lass der Ältere hat mit seiner Autorin Ines Schiller und seinem Produzent Golo Schultz ebenfalls eine Firma gegründet, die er in Anspielung auf Lars von Triers Dogma "Fogma" nennt, mit "F" wie Freiheit. Er hat auch ein "Fogma"-Manifest aufgesetzt. "Fogma ist ein Experiment für Freiheit", lautet Regel Nummer Eins, "Fogma ist Mut zum Risiko" ist Nummer Drei, und Regel Acht besagt: "Fogma akzeptiert keine Nettigkeit aus sozialer Trägheit."

Klingt erst mal nach Weltverbesserei und sturer Dogmatik. Aber wie wir uns mit dem Regisseur im Hotel Zoo Berlin treffen, kommt uns ein fröhlicher Hipster mit Glatze, Wallebart und trendigem Outfit entgegen, der vor allem den Spaß-, nein den Lustfaktor dieser Befreiung propagiert. Statt auf ein Drehbuch oder nur ein Script setzt er auf ein "Skelettgerüst", die Wortwahl ist bewusst gewählt.

Kino, das den Zuschauer packt

Es geht darum, Schauspieler zu Impro und Wahrhaftigkeit anzustacheln. Man muss natürlich Akteure finden, die sich darauf einlassen. Aber das Ergebnis ist dann eben keine Fein-, sondern Rohkost. Physisches Kino, das den Zuschauer packt. Und nicht mehr loslässt. Wie "Tiger Girl". Es gibt Arthouse-Filme, also gehobenes Kunstkino, und es gibt Martial-Arts-Filme, Kampfkunstkino. Lass stuft sein jüngstes Werk augenzwinkernd als "Martial-Arthouse" ein.

Es war freilich ein langer Weg voller Rückschläge, bis Lass so weit war. Er hat sich an allen Filmhochschulen des Landes beworben. Und ist an allen abgelehnt worden. Sogar mehrfach. Bis er mit 28, im dritten Anlauf, doch noch von der Konrad Wolf-Schule in Babelsberg angenommen wurde.

Zu dem Zeitpunkt hatte er die Hochschule längst "infiltriert", wie er verschmitzt sagt: "Da war ich schon Gasthörer, hatte dort schon zwei Kurzfilme gedreht. Ich habe da so viel abgehangen, das die meisten Mitstudenten dachten, ich studiere längst." Natürlich habe das frustriert, so lange abgeschmettert worden zu sein. Aber in letzter Konsequenz, meint er, habe es ihm sogar geholfen, zu sich zu finden: "Als ich angenommen wurde, wusste ich, was ich will, und habe die Hochschule gnadenlos ausgepresst wie eine Orange."

Selbst an der Hochschule hat erst mal niemand daran geglaubt, dass "Love Steaks" was werden könnte. Die Dozenten meinten, das Projekt klinge so, als könne es schief gehen. Genau das aber hat Lass als Ansporn gesehen. "Das muss ein Projekt leisten", sagt er. Und wird dabei ganz impulsiv. "Wenn es nicht schief gehen könnte, ist es das nicht wert, es auszuprobieren." Am Ende war "Love Steaks", der noch nicht mal die Abschlussarbeit des Filmwütigen war, nicht nur der Überraschungshit der Saison, er wurde sogar für eine Lola für den besten Film nominiert.

Nicht dem Teufel verkauft

Und für "Tiger Girl" hat Lass dann gleich den größten und mächtigsten Filmverleih gewonnen, die Constantin, die sonst eher auf kassenträchtigen Mainstream wie "Fack ju, Göhte" setzt. Underground und Kommerz, geht das wirklich zusammen? Darf das F da noch im "Fogma" stehen? Oder hat der Verleih, pardon, da nicht auch nur eine junge Hoffnung gnadenlos ausgepresst? Fack ju, Fogma – sozusagen?

Lass grinst das vielleicht breiteste Grinsen des deutschen Films. Die Vorbehalte hat er schon öfter gehört. Man müsse das aber eher positiv sehen, dass die Vertrauen in ihn gesetzt haben. "Ich kann alle beruhigen: Wir haben unsere künstlerische Integrität behalten und uns nicht verkauft. Keine Sorge. Ich sage sonst Bescheid."

Gerade ist ja eine Trendwende zu erkennen. Auch Sebastian Schipper hat bei seinem drei Stunden in einer einzigen Einstellung gedrehten Film "Victoria" voll auf Improvisation gesetzt. Und am Ende sechs Lolas dafür abgesahnt. Axel Ranisch durfte inzwischen bei der Heiligen Kuh des deutschen Fernsehens, dem "Tatort", ebenfalls eine Improvisationsfolge drehen, mit Ulrike Folkerts. Eine zweite wird folgen. Und "Tiger Girl" durfte jüngst auf der Berlinale die Panorama-Sektion eröffnen.

Nach all dem Security-Kino gieren nicht nur die Zuschauer, sondern auch Produzenten und Verleiher offenbar nach neuen, aufregenden Stoffen. Und Machern, die den Mut haben, das umzusetzen. Es sei sowieso ein gutes Jahr für den Independent-Film, meint Lass, auch international. "Moonlight" hat den Oscar gewonnen, auch das gefeierte "La La Land" ist eine Independent-Produktion. "Auch in den USA gibt es beim Publikum Bedarf nach frischen Sachen, die nicht vorhersehbar sind."

Nicht vorhersehbar. Das will auch Jakob Lass bleiben. Sein nächster, bereits abgedrehter Film "So was von da" ist die erste improvisierte Romanverfilmung. Wieder hat er ganz auf Risiko gesetzt. Wieder kann es total in die Hose gehen. Aber genau das stachelt in an. Nur raus aus der Komfortzone.

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