„Alien“ oder „Arrival“. Das sind die ­beiden Pole bei der Gretchenfrage des Science-Fiction-Films: Wie hältst du’s mit den Außerirdischen? Das erst vor vier Monaten gestartete Drama „Arrival“ zeigte eine vorsichtige, friedliche Kontaktaufnahme mit einer fremden Spezies. Kein Effekte-Spektakel, eher ein wissenschaftlicher Exkurs mit geradezu philosophischen Ansätzen.

Solche freundlichen Annäherungen mit Wesen aus einer anderen Welt freilich sind die große Ausnahme im Kino. Man muss schon weit zurückgehen, um ähnliche Beispiele zu finden. Die grundlegende Welt(en)offenheit im „Star Trek“-Universum etwa. Steven Spielbergs „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ oder auch sein „E.T.“, die, wenn man so will, Kinderversion dieser Utopie.

Völlig losgelöst von der Erde: Ryan Reynolds schwerelos
Völlig losgelöst von der Erde: Ryan Reynolds schwerelos © Sony Pictures | Sony Pictures

Die meisten Werke des Genres zeichnen die Extraterrestrier stattdessen als böswillig-aggressiven Feind, den es zu bekämpfen gilt. Wie in all den B-Movies der 50er-Jahre, in denen sie eine klare Metapher auf den Gegner im Kalten Krieg waren. Wie später in Ridley Scotts Klassiker „Aliens“, der das Genre prägte und zahllose Fortsetzungen und Nachahmungen heraufbeschwor. Oder auch „Krieg der Welten“, wo selbst Spielberg seine eigenen, optimistischen Frühwerke radikal zurücknahm. Der englische Begriff „Alien“, der eigentlich wertfrei den Fremden bezeichnet, mutierte durchs Kino zum Inbegriff des Bösen.

Alien oder Arrival: Das sind denn auch die Pole, zwischen denen sich das jüngste Außerirdischen-Spektakel aus Hollywood, „Life“, positionieren muss. Dabei springt Regisseur Daniél Espinosa höchst überraschend von einem Extrem ins andere. Die erste Hälfte könnte man den „Arrival“-Part nennen. Beinahe halbdokumentarisch wird da die Arbeit der Besatzung der über der Erde schwebenden ISS-Station gezeigt. Wie die Crew sich in der Schwerelosigkeit bewegt. Wie sie ihren Alltag meistert. Selbst die letzten Geheimnisse der Raumfahrt werden da geklärt: wie Astronauten eigentlich aufs Klo gehen.

Erst Forscher-Euphorie, dann Panik an Bord

Dann die Sensation: Als eine Raumsonde Gesteinsproben vom Mars liefert, stößt die sechsköpfige ISS-Mannschaft bei ihren Untersuchungen auf einen Einzeller, der an Bord zu wachsen beginnt. Die erste nachweislich organische Lebensform außerhalb der Erde.

Das alles wird entsprechend mit Forscher-Enthusiasmus inszeniert: Die Kamera scheint ebenfalls schwerelos und taucht das zu sphärischer Filmmusik in ruhige, fast poetische Bilder. Die multi-ethische Besatzung aus Amerikanern, Russen und Japanern weist nicht zufällig auch mehrere Hautfarben auf und erweist sich als große, vielfältige Familie, bei der übrigens die Frauen das Sagen haben.

Eine fröhliche Familie: Die Crew auf der ISS-Raumstation
Eine fröhliche Familie: Die Crew auf der ISS-Raumstation © Sony Pictures | Sony Pictures

Fast schon aufdringlich wird dabei ständig auf die Zukunft, die nächste Generation verwiesen. Der Kontakt zur Erde etwa wird nicht wie üblich mit NASA-Bodenpersonal dargestellt, stattdessen dürfen Kinder auf der Erde via Satellit Fragen ins All stellen. Einer der Astronauten wird während der Mission Vater.

Und als das Fremdwesen schon zu Wurmgröße herangereift ist, wickelt es sich um den Finger, den der Bordwissenschaftler ihm entgegenstreckt. Das erinnert nicht von ungefähr an Michelangelos berühmte Fingerspitzenübung zwischen Gott und dem ersten Menschen im Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle. Ein Schöpfungsmythos.

Klaustrophobisches Katz- und Maus-Spiel

Aber genau dann schaltet der Film urplötzlich in einen anderen Gang. Gib ihm den kleinen Finger und er nimmt die ganze Hand: Das wird hier nicht nur sprichwörtlich eingelöst. Die gallertartige Wabbelmasse weiß jede Energie auf- und auszusaugen und wächst dabei nicht nur ins Riesenhafte an, sondern erweist sich bald auch als das intelligentere Lebewesen, das selbst vor Stars wie Ryan Reynolds, Rebecca Ferguson und Jake Gyllenhaal nicht Halt macht.

Es beginnt eine klaustrophobische Katz- und Maus-Jagd quer durch die Raumstation, die nicht nur den Protagonisten, sondern auch dem Publikum Schweiß auf die Stirn treibt. Da ist nichts mehr von Fortschrittsglauben, das Ding muss vernichtet werden, zur Not die ganze Raumstation. Hauptsache, das Ding gelangt nie auf die Erde.

Jake Gyllenhaal im Fluchtmodus
Jake Gyllenhaal im Fluchtmodus © Sony Pictures | Sony Pictures

Dabei ist die anfangs noch diffuse, abstrakte Angst viel stärker, sie wird aber zunehmend für billige Schocker geopfert. Am Ende muss die Kreatur denn auch die hässliche Fratze des Bösen kriegen, wie man sie aus „Alien“, „Independence Day“ und all dem anderen All-Horror kennt. Aber als Popcorn-Kino funktioniert das ganz gut. Und bleibt bis zum Ende spannend.

Und doch bleibt ein schaler Nachgeschmack. Regisseur Espinosa („Kind 44“) will seinen Film als Allegorie verstanden wissen: dass das Alien eigentlich ein zutiefst menschliches Prinzip repräsentiert, nämlich die ganze Umwelt der eigenen Spezies zu unterwerfen und auszusaugen.

Mitten in der aktuellen Flüchtlingskrise, vor der sich gerade die USA derzeit abschotten und einmauern will, wird „Life“ aber wohl ganz anders gesehen. Als ungewolltes Statement gegen alles Fremde, dass doch bitte schön draußen bleiben möge. Ein Film, der vor allem dem derzeitigen US-Präsidenten und seinen Anhängern gefallen muss. Allegorien sind wohl wie Aliens: Sie können ganz schnell zu etwas anderem mutieren.