Deutsche Oper

"Ring des Nibelungen" - Ende einer Legende

Donald Runnicles dirigiert die letzten Aufführungen der legendären Inszenierung von Götz Friedrich.

Donald Runnicles

Donald Runnicles

Foto: Bettina Stöss

Es ist Chefsache an der Deutschen Oper: Donald Runnicles dirigiert am Sonntag die Premiere von Benjamin Brittens "Tod in Venedig". Britten ist einer seiner Lieblingskomponisten. Ein anderer heißt Richard Wagner. Der Generalmusikdirektor wird vom 1. bis 17. April zweimal den "Ring des Nibelungen" leiten. Es ist ein besonderes Ereignis, denn damit läuft die legendäre Inszenierung von Götz Friedrich aus.

Warum gehört das Britten-Stück auf den Spielplan der Deutschen Oper?

Donald Runnicles: Es ist ein Meisterwerk, dessen deutsche Erstaufführung 1974 an der Deutschen Oper stattfand. Wir setzen jetzt unseren 2013 begonnenen Britten-Zyklus damit fort. Wenn man sich ein vollständiges Bild vom Komponisten machen will, vom Mann und Künstler mit seinen Ängsten, Krisen und Krankheiten, dann muss man "Tod in Venedig" spielen.

Wie viel Britten steckt in der Oper?

Die Oper hat viel Autobiografisches. Man weiß, dass er ein Leben lang von Thomas Manns Novelle fasziniert war. Er hat sich schon weitgehend identifiziert mit der Figur des Gustav von Aschenbach, also mit einem Künstler, der sich in einer Krise befindet. Es geht um den Zweifel, ob man noch über genügend Kreativität verfügt und ob das, was man schafft, wirklich wichtig ist. Man darf nicht vergessen, dass Britten von manchen Zeitgenossen für seine Musik verachtet wurde. Darüber hinaus geht es auch um seine Homosexualität, die zu dem Zeitpunkt ein absolutes Tabu war. Peter Pears und Benjamin Britten waren offiziell nie ein Paar, sondern immer nur Freunde. Das Thema spielt in dieser Novelle eine wichtige Rolle.

Spüren Sie in seiner Musik mehr Hoffnung oder Verzweiflung?

Ich erlebe genau so viel Hoffnung und Verzweiflung wie etwa in der 9. Sinfonie von Gustav Mahler. Das Finale beim "Tod in Venedig" ist ein Abschied in Resignation und zugleich das Festhalten am süßen Leben. Britten wusste, dass er herzkrank war. Das ist eine Parallele zu Mahler. Britten schrieb gegen die Uhr an.

Im Deutschen wird alles rund um den Tod eher verdrängt. Ist es etwas sehr Britisches, auf die Endlichkeit oder den Tod so klangsinnlich zu reagieren?

Nein, die Verdrängung steckt auch in uns. Es hat etwas Animalisches. Wenn ein Tier auf der Straße angefahren wird, dann schleppt es sich zum Sterben ins Gebüsch. Es versteckt sich und will damit alleine sein. Typisch britisch war es auch in dieser älteren Generation, alles bis hin zu Liebe oder Sexualität zu verdrängen. Ich habe nie mit meinen Eltern über Pubertät oder Sexualität geredet. Da steckte noch das Viktorianische drin. Genauso war es mit der Homosexualität, 1974 durfte Benjamin Britten sich immer noch nicht dazu bekennen.

Was diskutieren Sie mit Regisseur Graham Vick über den Stoff?

Ich finde Graham phänomenal. Wir haben uns selbstverständlich gefragt, wieso wir das Stück an der Deutschen Oper machen? Was wir damit sagen wollen. Wie sich der Besucher am Ende der Aufführung fühlen soll. Was er in sein eigenes Leben mitnehmen kann.

Nach der Britten-Premiere steht zum letzten Mal Götz Friedrichs legendäre Inszenierung von Wagners "Ring des Nibelungen" auf dem Programm. Warum muss der eigentlich enden?

Götz Friedrichs großartiger "Ring" macht Staunen. Es ist eine Inszenierung von 1984/85, die jetzt mehr als 30 Jahre alt ist. Sie zu erneuern, liegt in der Tradition von Wagner selbst; es ist das Modell der Werkstatt Bayreuth, wo regelmäßig ein neuer "Ring" herausgebracht wird. Wir hatten Friedrichs "Ring" so lange nicht abgesetzt, weil wir gründlich überlegt haben, wer ihn überhaupt in dieser Qualität neu erzählen kann.

Es ist Stefan Herheims erster "Ring".

Wir sind mit Stefan Herheim gerade fast jeden Tag in Kontakt. Es geht unter anderem um die Sängerbesetzungen. Ich habe mit Stefan viel gesprochen, aber wir haben noch nie zusammen gearbeitet. Das macht alles umso spannender.

Sie haben den "Ring" jetzt schon so oft dirigiert. Gibt es da überhaupt noch Aha-Momente?

Ja. Und ich werde immer demütiger vor der Partitur. Es gibt Stellen, da glaubt man, man müsse etwas daraus machen. Wagner verwies selbst auf die Kunst des Übergangs, alles soll wie eine große Linie klingen. Je mehr ich Wagner dirigiere, desto mehr merke ich, dass ich nichts interpretieren, sondern einfach nur zulassen muss, was in den Noten steht. Es darf nicht zu viel Runnicles sein, sondern vor allem Wagner. Der "Ring" ist ein Werk, das einen durchs Leben begleitet. Man beginnt es zu dirigieren, da ist man vielleicht noch ledig. Dann ist man verheiratet. "Walküre" dirigiert man, wenn die erste Tochter geboren ist.

Von 2020 bis 2022 wird Stefan Herheims neuer "Ring" an der Deutschen Oper entstehen. Es gab im letzten Jahr Ärger, weil Daniel Barenboim an der Staatsoper zeitgleich den "Ring" neu machen wollte. Das Problem ist jetzt gelöst?

Ja, wir haben miteinander geredet.

Daniel Barenboim macht jetzt seinen "Ring" in den Jahren ab 2022. Können Sie damit leben, dass es keine Pause zwischen den beiden "Ring"-Premieren gibt?

Ja, ich kann damit gut leben. Wir haben eine gute Lösung gefunden.

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