Kino

Eine Frage des Gewissens: Martin Scorseses "Silence"

Mit „Silence“ hat Martin Scorsese ein lange gehegtes Herzensprojekt realisiert. Doch sein Glaubensdrama lässt einen eher ratlos zurück.

Pater Ferreira (Liam Neeson) wird von Japanern gezwungen, seinem Glauben abzuschwören

Pater Ferreira (Liam Neeson) wird von Japanern gezwungen, seinem Glauben abzuschwören

Foto: Kerry Brown / dpa

Es ist nur ein kleiner Schritt für den Mensch. Er muss nur den nackten Fuß auf ein Bildnis von Christus setzen, wahlweise auch auf eines der Mutter Gottes. Eine reine Formalie, behaupten die Japaner. Aber das ist es eben nicht: Die Christen sollen ihren Glauben mit Füßen treten. Die meisten lehnen das ab. Und sterben einen qualvollen Tod.

"Silence", der neue Film von Martin Scorsese, der heute ins Kino kommt, führt in eine Welt weit fort vom sonstigen Scorsese-Universum. In das Japan des 17. Jahrhunderts, wo japanische Christen, aber auch europäische Missionare systematisch verfolgt und massa­kriert werden.

Diese Fremde erlebt man aus den Augen zweier junger Jesuiten, Pater Rodrigues (Andrew Garfield) und Pater Garupe (Adam Driver), die noch voller Idealismus, aber ohne jede Erfahrung sind. Ihr einstiger Mentor Ferreira (Liam Neeson) soll als letzter Missionar in Japan abgeschworen haben. Ein Skandal für die katholische Kirche. Die beiden Portugiesen können das nicht glauben, machen sich auf die Suche nach ihm. Und erleben in Japan schon bald die Hölle auf Erden. Weil der Inquisitor (Issey Ogata) auch sie unerbittlich verfolgen lässt.

Scorseses Epen spielen sonst eher unter Gangstern, Machtmenschen und Psychopathen. Von ihm stammen aber auch die Glaubensdramen "Kundun" und "Die letzte Versuchung Christi". Und "Silence", die Verfilmung eines japanischen Bestsellers von Endō Shūsaku, ist sogar ein Herzensprojekt, das der Kultregisseur seit über einem Vierteljahrhundert verfolgt hat. Eine wahre Passionsgeschichte: mit einem jungen Padre Rodrigues, der sich durchaus als Messias sieht, mit einem Judas, der ihn wiederholt verrät, und sogar mit einem Pontius Pilatus, besagtem Inquisitor.

Es ist nicht ohne Ironie, dass gleich zwei Star-Wars-Kämpfer und ein ehemaliger Spider-Man hier einmal andere, tiefere, nämlich Glaubens- und Gewissenskämpfe ausfechten müssen. Wobei Garfield derzeit schon in Mel Gibsons "Hacksaw Ridge" zum Passionsmärtyrer wird. Seinen Titel "Schweigen" nimmt Scorsese fast wörtlich: Konsequent verzichtet er auf Filmmusik, oft herrscht Stille, hört man in den neblig-trüben Naturaufnahmen nur das Laub rascheln oder das Meer rauschen.

Umso brutaler dann die sich schrecklich oft wiederholenden Szenen, wenn Christen mit brühendem Wasser übergossen, kopfüber in eine Grube gehängt, ertränkt, verbrannt oder mit dem Schwert geköpft werden. In diesen Gewaltexzessen erkennt man dann doch wieder die Handschrift Scorseses. Und der Regisseur muss gar nicht viel nachhelfen, die Parallelen zu aktuellen sogenannten Gotteskämpfern und Fundamentalisten drängen sich von selbst auf.

Verhaltene Reaktion imVatikan

Ganze Dörfer werden vor den Augen des Paters ausgelöscht, nur damit er endlich entsagt. Aber während der ­Zuschauer ihn anfangs für seine Standfestigkeit bewundert, wird man zunehmend skeptischer. Als letzte Versuchung wird Rodrigues mit dem Überläufer Ferreira konfrontiert, der ihm ins Gewissen redet, ob dies Märtyrertum noch Glaube sei oder doch nur Eitelkeit und ob wahres Christentum nicht bedeute, das Leben anderer zu retten.

Ein beunruhigender Diskurs in beunruhigenden Bildern. Seine Premiere feierte der Film in Vatikanstadt, Scorsese wurde dabei vom Papst empfangen. Die Reaktion auf sein Werk soll dennoch verhalten ausgefallen sein. Und auch den profanen Zuschauer lässt der Film zunehmend ratlos zurück.

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