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Matti Geschonneck hat „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ adaptiert und doch etwas ganz Eigenes daraus gemacht

Man achte auf das Möbel. Den wertvollen Büffettisch darf eigentlich nur der Enkel in die Mitte des Saales schieben und vorsichtig ausziehen. Aber der Enkel, er kommt halt nicht. Also macht sich der Großvater selbst daran. Und haut sogar, mag die Gattin sagen, was sie will, mit fast sadistischer Lust Nägel ins Holz. Auf dieser Tafel wird das Büffet zu seinem 90. Geburtstag aufgetragen. Und am Ende wird der Urenkel, Spross des abwesenden Enkels, sich ein wenig darüber beugen, bis der Tisch unter dem Gewicht bricht. Und all die Leckereien aufs Parkett klatschen.

Eine fast schon aufdringliche Metapher. Denn so fragil, so morsch und anfällig wie der Tisch ist auch die Familie, die da noch mal zusammenkommt. Und mit ihr der Staat, in dem sie wohnt. Es ist der 1. Oktober 1989, an dem der 90. Geburtstag gefeiert wird. Sechs Tage später wird ein anderes Jubiläum anstehen, der 40. Jahrestag der DDR. Und bald schon wird dieses Land real nicht mehr existieren.

Als Eugen Ruge 2011 seinen Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" veröffentlichte, wurde er in kürzester Zeit zum Bestseller und bald auch mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Seit Uwe Tellkamps "Der Turm" hatte kein anderes Buch so trefflich die Geschichte des untergegangenen Landes – auch: einer untergegangenen Utopie – durch eine Familienchronik erzählt. Es war nur eine Frage der Zeit, wann es verfilmt werden würde. Und schon die Besetzung des Filmes, der nun als Berlinale Special Premiere feierte, liest sich geradezu staatstragend.

Die Besetzung ist geradezu staatstragend

Nicht nur, was die Schauspieler angeht. Regie führte Matti Geschonneck, der mit Filmen wie "Die Nachrichten" und "Boxhagener Platz" quasi selbst zum Chronisten der ehemaligen DDR wurde. Und das Buch adaptierte kein Geringerer als Wolfgang Kohlhaase, der legendäre Drehbuchautor von Gerhard Klein ("Berlin – Ecke Schönhauser") und Konrad Wolf ("Solo Sunny"). Bei so viel gewichtiger Prominenz muss man fast schon Angst haben, dass auch der Film wie der Tisch ächzend zusammenbrechen könnte.

"In Zeiten des abnehmenden Lichts" rekapituliert mehr als ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte, emblematisch eingebrannt in Figuren aus vier Generationen. Da ist der Großvater Wilhelm (Bruno Ganz), einst ein glühender Kämpfer des Kommunismus, der jetzt in seinem Haus Hof hält. Und die Delegierten der Partei machen ihm ihre Aufwartung, und Kinder mit Blautüchern singen Pionierlieder.

Da ist dessen Sohn Kurt (Sylvester Groth), der zwar noch an den Sozialismus glaubt, aber seit der Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion deutlich ernüchtert ist. Dann ist da der Enkel Sascha (Alexander Fehling), der es in diesem Staat nicht mehr aushält und bald auch aus dem Film verschwunden sein wird. Weil er in den Westen geflohen ist. Und schließlich ist da noch dessen achtjähriger Sohn, den Sascha bei der Mutter gelassen hat und der sich später an die Zeit wohl kaum mehr erinnern wird. Und wenn, dann vielleicht nur, dass er den Tisch zerlegte.

Ruge sprang in seinem Montageroman durch die Zeiten, der Geburtstag bildete dabei den Hauptstrang, von dem aus es immer wieder Rückblenden in die verschiedenen Erlebniszeiten der Protagonisten gab – und einen längeren Epilog 13 Jahre danach. Geschonneck und Kohlhaase lassen ihren Film aber klug allein im Jahre '89 spielen, an wenig mehr als einem Tag, und machen etwas ganz Eigenes daraus.

Der Zufall will es, dass "In Zeiten" nun gleich einer von drei Star-Feierfilmen auf der Berlinale ist. Nach "The Dinner" und "The Party". Bei "The Party", bei dem Bruno Ganz übrigens auch mitgespielt hat, diente die Feier lediglich zum Austausch von Boshaftigkeiten, bei "The Dinner" sollte das darüber hinaus etwas über den Seelenzustand einer Gesellschaft sagen. Aber nur beim "Abnehmenden Licht" gelingt beides. Alles ist hier Stagnation, die Zeit scheint stehengeblieben. Und wie man die Straßen und U-Bahnhöfe wieder so auf alt und abgerockt hingetrickst hat, das allein ist ein Schauwert. Die Männer sind es, die hier den Ton angeben, und doch erweisen sich die Frauen (Hildegard Schmahl, Evgenia Dodina), das wird schon recht bald deutlich, als die Stärkeren, die Klarsichtigeren, auch als die Kühneren.

Fragt sich bloß, warum dieser Film nicht im Wettbewerb platziert wurde. Er hätte das deutsche Kino dort weit würdiger vertreten als Thomas Arslans enttäuschend blasse "Helle Nächte".

Termin: Haus der Berliner Festspiele,
18.2., 21.30 Uhr

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